Dr. WEWETZER : Die Steinzeit ruft

Kaum hat der Höhlenmensch sein Käfigbüro verlassen, da schmeißt er seine Aktentasche von sich... .

von

...reißt sich das Hemd von der behaarten Brust, beißt in ein Steak, wirft ein paar Waldbeeren hinterher und schwingt sich sodann mit tarzanartigen Gebrüll über Laternen und Baumwipfel in Richtung U-Bahn-Station. Wenn Ihnen so ein Zeitgenosse über den Weg läuft, wissen Sie, dass Sie es mit einem Anhänger der Steinzeit-Ernährung zu tun haben. Einfach urig, diese Diät!

Als ich von der Steinzeit-Ernährung (Höhlenmenschen-Diät, Paläo-Diät, Urkost etc., es gibt viele Spielarten) hörte, war ich angetan. Sie verspricht Ernährung gemäß unserer evolutionären Entwicklung und genetischen Ausstattung. Die stammt bekanntlich überwiegend aus der Steinzeit. Man muss sich nur ernähren wie die Menschen vor 500 000 Jahren und schon geht es einem prima, sagen die Verfechter der Mammutkeulen-Küche.

Praktisch heißt das, dass vor allem Fleisch und Fisch sowie Obst, Gemüse, Kräuter, Pilze und Nüsse auf dem Speiseplan stehen. Klingt erst mal nicht schlecht. Verpönt sind jedoch Milch und Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Getreide und Brot, Speiseöl, Alkohol, Zucker, Salz und andere Zivilisationssünden, wie sie seit der neolithischen Revolution vor 10 000 Jahren mit Beginn von Ackerbau und Viehzucht zunehmend beliebter wurden.

Der Speiseplan ist also ebenso kernig wie eingeschränkt: viel Eiweiß und Fett, wenig Kohlenhydrate. Das soll vor Fettsucht und Diabetes ebenso schützen wie vor Herzleiden, Allergien und weiteren „Zivilisationskrankheiten“, dazu vor seelischen Problemen wie Burn-out und Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Klingt, als wäre das Menü aus der Faustkeil-Kantine ein Allheilmittel.

Allerdings sind mir dann doch ein paar Zweifel gekommen. Mag sein, dass der Steinzeitmensch ein ganzer Kerl war. Aber sein Leben war verdammt hart und kurz, da hilft keine romantische Vergangenheitsverklärung. Seine Standardkost war womöglich eben nicht ein knuspriger Bio-Hirschbraten, sondern Maden, Heuschrecken, Aas, verkohlte Wurzelknollen und Ratten, wer weiß. „Die“ Höhlenmenschen-Kost hat es nie gegeben, und heute erst recht nicht.

Steinzeit-Nahrung für Steinzeit-Gene? Wer den Menschen darauf festnageln will, sollte sich klarmachen, dass der es schon immer verstand, nicht nur sich der Umwelt, sondern auch diese seinen Bedürfnissen anzupassen. Er hat sie gezähmt und sein Leben leichter gemacht. Der moderne Mensch lebt unendlich viel komfortabler als seine Vorfahren und wird älter und älter. Der Höhlenmensch dagegen starb, bevor er überhaupt zivilisationskrank werden konnte. Überhaupt stehen die Behauptungen der Steinzeit-Diät zu ihrem angeblichen Gesundheitsnutzen auf tönernen Füßen. Belege gibt es kaum. Dagegen ist längst erwiesen, dass die verschmähten Vollkorn- und Milchprodukte ebenso wie Hülsenfrüchte durchaus gesund sind. Familie Feuerstein hätte bestimmt zugelangt.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben