Gesundheit : Ego hinter Gittern

Eine Gefängnisstrafe, glauben wir, ist Gift fürs Selbstbewusstsein – neue Studien deuten auf das Gegenteil hin

Rolf Degen

Auf den ersten Blick kann man sich kaum ein stärkeres Gift für das Selbstbewusstsein eines Menschen vorstellen, als das Absitzen einer Gefängnisstrafe. Zu der Freiheitsberaubung und der nahezu vollständigen Einschränkung der Selbstentfaltung kommt die Ächtung durch die Umgebung und die Suggestion, zum „Abschaum“ der Gesellschaft zu gehören. Doch nun belegen Forschungsergebnisse, dass das Selbstwertgefühl jugendlicher Delinquenten im Verlauf einer Haftstrafe offenbar keinen Schaden nimmt – ja vielleicht sogar einen Aufschwung erfährt.

Viele Sozialwissenschaftler vertreten die Auffassung, dass Gefängnisstrafen bei den Häftlingen mehr Schaden als Nutzen anrichten. Eine Läuterung der Persönlichkeit sei unmöglich, weil die Selbstachtung durch die Demütigung und Stigmatisierung zerbricht. Das soll um so mehr für jugendliche Delinquenten gelten, weil deren Selbstwertgefühl sich noch in einer Entwicklungsphase befindet.

Obwohl diese Überlegungen plausibel klingen, stehen sie mit den empirischen Befunden in Konflikt, gibt der Psychologe Werner Greve, Direktor am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, zu bedenken. In vergleichenden Studien zeigte das Selbstwertgefühl von Gefängnisinsassen entweder gar keine Auffälligkeiten oder sogar einen Trend zur Erhöhung.

Der Glaube, dass die Abwertung und Stigmatisierung durch die Gesellschaft am Selbstbild nagt, findet wenig Bestätigung. So legen unterprivilegierte Schwarze in den USA sogar ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Selbstwertgefühl an den Tag, wie Studien gezeigt haben. „Personen haben offenbar eine Tendenz, die eigene Identität gegen allzu heftige Schwankungen oder dramatische Revisionen zu verteidigen“, erläutert Greve den allgemeinen Mechanismus.

Greve studierte die Befindlichkeit von 211 jungen Straftätern im Alter von 14 bis 24 Jahren direkt beim Antritt ihrer (ersten) Haftstrafe, zwei Monate später und am Ende des Gefängnisaufenthaltes mit Hilfe verschiedener Fragebögen. Mit den Tests versuchte er zu erfassen, ob die Inhaftierten eine Begabung hatten, ihre Maßstäbe und ihr Anspruchsniveau passiv so umzumodeln, dass sie in jeder Situation Oberwasser hatten. Denn das Leben in einer Strafanstalt bietet kaum Möglichkeiten, seinen Selbstwert durch eine aktive Veränderung der Umstände zu verbessern. Fazit: Entgegen der verbreiteten Auffassung war über den gesamten Verlauf der Haftstrafe ein Anstieg des jugendlichen Selbstwertgefühls zu verzeichnen. Bei den Delinquenten, die besonders flexibel an ihren eigenen Maßstäben „drehen“ konnten, setze diese Zunahme besonders früh und mit größerer Geschwindigkeit ein. „Die Ansicht, dass die Haft die Identität und das Selbstbewusstsein der Insassen ,verdirbt’, wird durch diese Ergebnisse herausgefordert“, so Greve.

Bei einer weiteren Studie an 63 jungen Männern, die eine Haftstrafe wegen Mord, Vergewaltigung oder bewaffnetem Überfall absaßen, gelangte der Psychologe Roy Baumeister von der Case Western Reserve University in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) zu ähnlichen Ergebnissen. Mit ihren Werten für „Narzissmus“, einem pathologisch aufgeblähten Selbstwertgefühl, lagen die Straftäter über allen jemals getesteten Bevölkerungsgruppen. „Wenn das Gefängnis versucht, die Luft aus dem Größenwahn der jungen Männer herauszulassen, die sich für ein Geschenk Gottes halten, schlägt es fehl“, stellte Baumeister kürzlich im „Scientific American“ fest.

Es ist, wie sich zeigt, ein Irrglaube, dass der menschliche Gefühlshaushalt im Knast zerbricht. Unser seelischer Apparat enthält offenbar eine psychohygienische Schutzvorrichtung, die alle übermäßigen emotionalen Reaktionen entschärft. Diese „hedonische Adaption“ ebnet mit überraschender Geschwindigkeit den belohnenden Effekt der Glücksfälle und die quälende Wirkung der Schicksalsschläge ein.

So gibt es mehrere Studien, die demonstrieren, dass sich Strafgefangene mit zunehmender Haftdauer an ihre Zelle gewöhnen. Schlechte Laune, Schlafstörungen und selbst Langeweile bilden sich mit der Zeit zurück. Überraschenderweise bereitet die Haft den größten Kummer, sobald die Freilassung näher rückt.

Wahrscheinlich fangen die Insassen an, die bedrückenden Umstände ihrer Haft an den herbeiphantasierten Wonnen der Freiheit zu messen. Das hat zur Folge, dass die Ausbruchsversuche in der Endphase der Inhaftierung zunehmen.

Welche Folgen der beobachtete Selbstwertanstieg für das weitere Los der Sträflinge hat, ist noch völlig offen, meint Greve. Nach einigen Befunden begünstigt ein überzogenes Selbstwertgefühl das Begehen von Gewalttaten. Aber vielleicht neigen auch nur jene zum „Ausrasten“, deren aufgeblähtes Ego instabil ist und bei der kleinsten Kränkung Schaden leidet.

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