Gesundheit : Ein wenig Chinesisch

Der Sprachphilosoph John Searle über Kanzler, Geld und andere soziale Übereinkünfte

Bas Kast

John Searle sehen. Dienstagabend, 19 Uhr 20, das Audimax der Technischen Universität Berlin ist bereits randvoll – und es strömen immer noch Menschen hinein. Viele Studenten, junge, ältere, ewige. Gekommen, um John Searle zu sehen und zu hören, den großen Philosophen von der Universität von Kalifornien in Berkeley. Searle, 73, sitzt in der ersten Reihe, kariertes Hemd, dicke Brille.

Er ist gerade in einer anderen Welt. Nur noch wenige Minuten bis zu seinem Auftritt.

Searle. Über Fachkreise hinweg berühmt wurde Searle (was sich wie das „Earl“ in Earl Grey Tee spricht), als er in den 80er Jahren die Ankündigung einiger KI-Forscher („Künstliche Intelligenz“), die Spezies Homo würde schon bald von hyperintelligenten Robotern abgelöst, mit einem einfachen Gedankenexperiment ad absurdum führte. Es geht so: Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich in einem Raum mit zwei Schlitzen zur Außenwelt. Durch den einen Schlitz reicht man Ihnen chinesische Schriftzeichen (zum Beispiel eine Frage). Sie verstehen kein Wort Chinesisch, aber Sie haben ein Buch zur Hand, worin aufgelistet ist, wie Sie die einkommenden Zeichen in eine Folge von chinesichen Schriftzeichen umzuwandeln haben. Brav gehorchen Sie den Regeln und reichen die verwandelten chinesischen Schriftzeichen durch den anderen Schlitz nach draußen (zum Beispiel eine Antwort). Nun könnte man draußen den Eindruck bekommen, Sie verstünden tatsächlich Chinesisch. So wie Computerexperten den Eindruck haben, ihre Produkte zeigten eine Form von immer höherer Intelligenz. In Wahrheit, sagte Searle, kapieren Computer, die Inputs mit Hilfe von Regeln in Outputs verwandeln, so wenig von dem, was sie tun, wie Sie Chinesisch. Von „Künstlicher Intelligenz“ könne keine Rede sein.

Kein schlechter Punkt, mit dem der Philosoph da den Finger in die Wunde der KI-Forscher legte, für die Bescheidenheit traditionell ein Fremdwort ist. Kein Zufall auch, dass er für seine Kritik an der vermeintlich „Künstlichen Intelligenz“ ein Beispiel aus der Sprache wählte. Zeitlebens war die Sprache Searles Lieblingsthema.

Auch jetzt, auf dem Podium im Audimax, spricht Searle von der Sprache. Sie sei es, sagt er, die entscheidend zu den „sozialen Realitäten“ beitrage, die wiederum unser Leben bestimmen. Searle spricht enthusiastisch, trinkt sich mit seinem Wasserglas Mut an.

Was unterscheidet einen Kanzler von einem Keks? Ein Keks existiert auch, wenn wir nicht da sind. Selbstverständlich existiert auch ein Kanzler als materielles, physikalisches Wesen, aber das ist es nicht, was ihn zum Kanzler macht. Was ihn zum Kanzler macht, ist eine soziale Übereinkunft, es ist die Bedeutung, die wir ihm verleihen. Das Gleiche gilt für Geld. Searle holt sein Portemonnaie aus der Tasche und wedelt auf dem Podium mit 20-Euro-Scheinen. „Geld ist nur als soziale Übereinkunft etwas wert“, ruft er. Hier sieht er die Parallele zur Sprache: Auch sie besteht darin, „wertlosen“ Symbolen Bedeutung beizumessen.

Das Publikum ist etwas ratlos: Na gut, Kanzler, Geld, Sprache – vieles von dem, was unser Leben bestimmt, existiert nur als soziale Übereinkunft, aber was soll’s?

Neu ist das alles nicht, einiges davon ist verwirrend und vieles hilft uns nicht wirklich weiter. Wie so manch anderes von Searle in den letzten Jahren. Etwa seine neuesten Versuche, die Freiheit des menschlichen Willens mit der Quantenmechanik erklären zu wollen – das ist in etwa so, als wollte man mit einem Rasterelektronenmikroskop das Universum beobachten. Ein wenig hinterlässt der späte Searle den Eindruck, als würde er selbst mit Zeichen jonglieren, die er nicht versteht.

John R. Searle sprach auf dem 20. Kongress für Philosophie, der noch bis zum Freitag an der TU Berlin stattfindet. Mehr zum Programm findet sich im Internet unter: www.kreativitaet2005.de

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