Gesundheit : Ein Wetter wie im Mittelalter

Roland Knauer

Kaum war im Zentrum Athens der Schnee geschmolzen, zog am gestrigen Montag der Winter im Nahen Osten ein. Aufgrund sturmartiger Winde und heftigen Regens musste in Tel Aviv der israelische Inlandsflughafen geschlossen werden; im Norden des Landes fiel der Schulunterricht aus, zahlreiche Straßen wurden gesperrt. Buschbrände in Australien bedrohen die Metropole Sydney - auch wenn lang ersehnte Regenfälle die Lage nun entschärft haben.

Was ist mit dem Wetter los? Erleben wir in diesem Jahrhundert eine Zunahme von Naturkatastrophen? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es ein solches Jahrhundert schon einmal gegeben hat: das 14. Jahrhundert.

An das "dunkle Jahrhundert" erinnert sich auch Gerhard Berz, wenn er die Bilanz der Naturkatastrophen auf der Welt beobachtet. Der Geowissenschaftler leitet den Fachbereich "Geo-Risikoforschung" des größten Rückversicherers der Welt, der Münchener Rück. In dieser Funktion sammelt er Daten zu allen Naturkatastrophen und schließt aus seinen Zahlen, wie sich solche Ereignisse entwickelt haben und in Zukunft entwickeln könnten. Auch wenn im ablaufenden Jahr 2001 Größtschadensereignisse ausblieben, zeigen die Bilanzen vor allem eines: In der Tendenz fallen die Wetterkatastrophen jedes Jahr heftiger aus.

Genauso war es im 14. Jahrhundert. In der Mitte des "dunklen Jahrhunderts" gab es zum Beispiel eine ähnliche "5b-Wetterlage", wie sie im Hochsommer 1997 zum katastrophalen Hochwasser an der Oder geführt hat. Nur meldete damals praktisch das gesamte Mitteleuropa Land unter. Die "große Manndränke" trennte im 14. Jahrhundert nicht nur den größten Teil der Ostfriesischen Inseln vom Festland, sondern forderte gleichzeitig rund hunderttausend Menschenleben an der Nordseeküste. Bis dahin undenkbare Wetterkatastrophen verwüsteten die Landstriche auf dem Globus.

"Undenkbar", sagten Meteorologen bisher auch zur Möglichkeit, dass ein Taifun Singapur verwüstet, weil es auf dem ersten Breitengrad Nord liegt. So nahe am Äquator aber wissen die Wirbelstürme nicht so recht, ob sie sich im oder gegen den Uhrzeigersinn drehen sollen, lautete bis zum 27. Dezember 2001 die Lehrmeinung. An diesem Tag überlegte ein Taifun es sich dann anders und zog genau über die Südspitze der Halbinsel Malaysia und die Handelsmetropole Singapur.

Das 14. Jahrhundert hat mit der heutigen Zeit eine gravierende Änderung beim Klima gemeinsam. Nur die Vorzeichen sind unterschiedlich: Damals löste eine kältere Klimaepisode, die "kleine Eiszeit", eine lange Zeit von höheren Temperaturen ab. An der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert häufen sich dagegen die Indizien, dass die Menschheit über Treibhausgase wie das Kohlendioxid die Erde auf höhere Temperaturen als in der letzten Million Jahre aufheizt. Egal, ob das Wetter von warm auf kalt oder kalt auf warm umschlägt: in solchen Übergangszeiten häufen sich die Wetterextreme.

Genau das registriert auch die Münchener Rück mit Hilfe des vielleicht empfindlichsten Mess-Systems auf der Erde, nämlich den globalen Finanzen - Naturkatastrophen richten zunehmend größere Schäden an.

Zwei Gründe für diese Entwicklung nennt Klimaforscher Berz: Zum einen konzentrieren sich immer mehr Sachwerte in Risiko-Regionen. Zum anderen aber beobachtet der Wissenschaftler auch eine Verschiebung bei den Naturkatastrophen: Im Vergleich mit den Erdbeben nehmen die Schäden durch Wettereignisse langfristig deutlich zu. Das scheint ein sehr klarer Hinweis auf Veränderungen beim Klima, die durch Menschenhand ausgelöst werden.

2001 war dann auch weltweit das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen, das wärmste Jahr bisher war 1998. Die Liste solcher Wetterextreme ist lang. In Oberbayern richtete eine Hagelwalze am dritten August 2001 Schäden von rund 500 Millionen Euro an. Ein riesiges Unwettersystem mit Hagelgewittern kostete die Versicherer in den USA im April mehr als zwei Milliarden Dollar. In dieser Zahl ist der größte Hagelschaden aller Zeiten enthalten, bei dem nahezu tennisballgroße Hagelkörner in der Stadt Kansas City Dächer und Autos zertrümmerten.

Geht die Entwicklung so weiter, rechnen die Rückversicherer mit dem Schlimmsten. So liegt ein Hurrikan über Miami, Houston, New Orleans aber auch über New York mit Schäden bis zu 100 Milliarden Dollar durchaus im Bereich des Möglichen. Auch in Europa sind Sturmschäden von 20 Milliarden Euro denkbar - allein der Wintersturm Daria richtete 1990 Schäden in Höhe von fünf Milliarden Euro an, Lothar kostete Weihnachten 1999 sechs Milliarden Euro.

Angesichts solcher Zahlen greift das Klimaschutzabkommen von Kyoto viel zu niedrig. Bis zum Jahr 2050 müsse der Ausstoß von Kohlendioxid auf die Hälfte der Werte von 1990 reduziert werden, um den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, sind sich weltweit die Klimaexperten einig. Selbst dann müsste die Weltwirtschaft noch jedes Jahr Schäden in Höhe von einigen 100 Milliarden Euro durch Wetterereignisse, den Anstieg des Meeresspiegels und die Ausbreitung tropischer Krankheiten verkraften.

Für Berlin haben die Wetterfrösche eine solche Entwicklung einmal durchgerechnet: 2,5 Grad höhere Sommertemperaturen würden bedeuten, dass die Rekordhitze von 39 Grad im Rhythmus der Jahrzehnte auftreten würde - eine Temperatur, welche die Berliner sonst nur einmal im Jahrhundert heimsucht.

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