Gesundheit : Eine einzige Universität für ganz Berlin

Vorbild Kalifornien: Was passieren muss, damit die Hauptstadt zur Stadt des Wissens wird

Detlev Ganten

Ein Traum: Schließen Sie mit mir für einen Moment die Augen. – Stellen Sie sich die großen Städte vor, die den kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritt der Menschheit von den Anfängen bis heute symbolisieren mit ihren Baudenkmälern, Zeugnissen ihrer Kultur, den Personen und Legenden: Luxor, Babylon, Xiang – Milet, Athen, Alexandria – Rom, Paris, Wien, Madrid, London, Prag ... – Manche Städte sind untergegangen, einige sind ewig.

Zurück in die Realität: Wie steht’s mit Berlin? Welchen Platz hat die deutsche Hauptstadt unter den Weltstädten und welchen Platz wird sie zukünftig einnehmen? Vielleicht helfen einige Überlegungen aus der Wissenschaft zur Standortbestimmung. Alle großen Städte waren oder sind zugleich Orte des Wissens, der Wissenschaft, der Kultur, der Wirtschaft und der politischen Macht. Bei klarem Blick und wachen Augen ist nicht sicher, ob Deutschland und Berlin eine solche Rolle für unsere Hauptstadt wollen.

Wie keine andere Stadt in unserem Land hat Berlin das Potenzial, Zukunft zu denken und zu gestalten. Mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Akademie der Künste, mit seinen Universitäten, Fachhochschulen und über 70 anderen Forschungseinrichtungen – vier Forschungszentren der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft, sechs der Max-Planck-Gesellschaft, sechs der Fraunhofer-GeseIlschaft, 15 der Leibnitz-Gemeinschaft – sowie weiteren interdisziplinären Forschungsverbänden sucht Berlin national und international seinesgleichen. Berlin könnte eine neue Blüte erleben.

Wirtschaftlich kann Berlin sich nicht auf traditionelle Industrie stützen. Es hat also keine andere Wahl, als den Weg zur Stadt des Wissens konsequent zu verfolgen und eine darauf ausgerichtete Wirtschafts- und Technologiepolitik zu betreiben. Hauptziel muss es sein, den Wissenschaftsstandort und damit den Wirtschaftsstandort Berlin und seine Akteure in den Forschungseinrichtungen, in der Wirtschaft, besonders aber in der Politik und Verwaltung, international wettbewerbsfähig zu machen.

Berlin verfügt über viele kreative Köpfe. Allerdings herrscht in der Stadt eine offenkundige Diskrepanz zwischen der Erarbeitung von innovativen Konzepten und ihrer politischen Umsetzung. Berlin wird nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn es gelingt, Konzepte in Kompetenz zu transformieren. Vorrangig ist eine neue Definition der Staatsaufgaben und eine Reduktion der öffentlichen Hand.

Es ist in alle Bereiche der Politik und Gesellschaft hinein zu vermitteln, dass Wissenschaftspolitik die wichtigste Form der Standortpolitik ist, die in gleicher Weise Kultur und Wirtschaft betrifft. Es wird als ein Skandal angesehen, dass die völlig überregulierten und zum Teil immer noch überbesetzten Verwaltungen in den Bezirken, Hauptverwaltungen und dem Senat engagierten Mitarbeitern häufig ergebnisorientiertes Handeln erschweren, während die Universitäten mit immer neuen Sparauflagen in ihrer Existenz bedroht sind.

Positionen der Initiative „Wissen schafft Zukunft“, die von den Universitäten Berlins und den Forschungseinrichtungen getragen wird:

Wissenschaft und Forschung sind die bedeutendsten Produktivkräfte für Berlin. Die drei großen Berliner Universitäten und Universitätsklinika werben im Jahr über 200 Millionen Euro Drittmittel ein. Aufwendungen BerAuch die drei Berliner Universitäten mit ihrem Campus ebenso wie Forschungseinrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gesellschaft, der Landesinstitute oder auch der Max-Planck-Gesellschaft könnten unter einem strategischen regionalen Dach ihren eigenen unabhängigen Forschungsaktivitäten nachgehen. Auf diese Weise könnte in Berlin-Brandenburg die Autonomie der Wissenschaft weiter entwickelt werden bei gleichzeitiger Berücksichtung finanzieller, wissenschaftspolitischer und strategischer Vorgaben, die durch den Universitätspräsidenten kontrolliert werden.

Das eigenständige wissenschaftliche Profil der Universitäten und der sich unter dieses Dach begebenden Forschungseinrichtungen würde nicht nur erhalten, sondern gestärkt. Die Wettbewerbsfähigkeit, die internationale Sichtbarkeit und die Durchsetzungsfähigkeit würde ebenfalls verbessert. Ein solcher Verbund der Berliner Forschungseinrichtungen unter dem Dach der ,,Freien Humboldt-Universität zu Berlin und Brandenburg" hätte auch wesentlich bessere Möglichkeiten, die Innovationsfähigkeit des Landes und den Wissenstransfer zu beschleunigen. Die administrativen Abläufe würden von der Universität selber bestimmt. Das Leitbild Berlins als Stadt des Wissens könnte kraftvoller vonseiten der Wissenschaft kommuniziert werden.

Die Konzentration könnte dazu führen, dass die Innovationsfähigkeit des Landes mit Leitprojekten von hohem Vorzeigewert leichter realisiert wird. Sie würde es erleichtern, die Innovationshemmnisse des Landes Berlin zu reduzieren. Dazu gehören die Bündelung der technologiepolitischen Zuständigkeiten bei einer Senatsverwaltung, Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, Verbesserung der Kompetenz in der öffentlichen Verwaltung.

Nur als Stadt des Wissens hat Berlin die Chance, die es verdient und die wir für unsere Hauptstadt brauchen.

Die ungekürzte Fassung des Textes ist erschienen in dem Band: „Berlin – was ist uns die Hauptstadt wert?“, Verlag Leske und Budrich

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