Gesundheit : Eine heikle Geschichte

Die Humboldt-Universität stellt sich ihrer Vergangenheit unter zwei Diktaturen

Uwe Schlicht

Im Jahre 2010 gedenkt die Humboldt-Universität der 200. Wiederkehr ihres Gründungstages im Jahr 1810. Dann wird nicht nur die Rede von der großartigen Leistung des preußischen Staates sein, der in der höchsten Not der napoleonischen Unterdrückung seine Wiedererstarkung mit der Gründung der Berliner Universität einleitete. Es werden nicht nur die großen Namen Wilhelm von Humboldts, Gottlieb Fichtes und Friedrich Schleiermachers genannt werden, die den Geist dieser Universität prägten. Auch mit 29 Nobelpreisträgern schmückt die Universität ihre Ahnengalerie. Aber es gibt andere Namen. Leider war die damalige Friedrich-Wilhelms-Universität seit 1933 so weit in den Nationalsozialismus verstrickt, dass sich die Humboldt-Universität durch Aufarbeitung ihrer Vergangenheit auf ein schwieriges Jubiläum vorbereiten muss.

Die aktuelle Aufarbeitung begann nicht erst im Januar 2002 mit einem Antrag der Offenen Linken, der dominierenden Studentengruppe im Akademischen Senat. Aber der Antrag der Studentenvertreter, sich kritisch und offen mit der Universitätsgeschichte auseinanderzusetzen, gab der Entwicklung mehr Druck. Zu dieser Geschichte gehörten auch die Verstrickungen der Universität in die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. durch Wissenschaftler, die zum Beispiel den „Generalplan Ost“ konzipierten. Auch der Aufbau der anatomischen Lehrobjektesammlung der Charité hatte von Opfern der nationalsozialistischen Justiz „profitiert“.

Der Akademische Senat hatte sich die Anregung der Studentenvertreter zu Eigen gemacht und im Jahr 2002 eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die unter der Leitung von Rüdiger vom Bruch steht, einem ausgewiesenen Wissenschaftshistoriker. Diese Arbeitsgruppe sollte nicht nur die Verstrickung der Fachwissenschaften in den Nationalsozialismus aufklären. Sie sollte sich auch Gedanken darüber machen, ob Orte des Gedenkens in der Humboldt-Universität geschaffen werden können. Die Überlegungen reichen von der Errichtung eines Denkmals über Erinnerungstafeln an Gebäuden bis zur Benennung von Hörsälen nach Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung.

Über diese Form des Gedenkens wird der Akademische Senat nach Vorschlägen einer inzwischen eingesetzten Kommission erst später entscheiden. Aber immerhin liegt jetzt eine zweibändige erste Aufarbeitung der NS-Zeit an der Friedrich-Wilhelms- Universität vor – und das quer durch die Disziplinen. Diese Zusammenstellung steht unter Verantwortung des Historikers Rüdiger vom Bruch, der als Experte auch vom Berliner Abgeordnetenhaus angehört wurde. Eine Folge dieser neuen Hinwendung zur Vergangenheit war außerdem eine Ringvorlesung über „Die Berliner Universität unter dem Hakenkreuz“.

Es ist bekannt, dass die damalige Friedrich-Wilhelms-Universität schon in der Kaiserzeit willfährige Vertreter der herrschenden konservativen Meinung in ihren Reihen hatte. Ebenso ist bekannt, dass die Bücherverbrennung auf dem Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, vom 10. Mai 1933 nicht nur von Nationalsozialisten inszeniert worden war, sondern auch von studentischen Corps und Burschenschaften aus der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität.

Doch nur Eingeweihte wussten bisher davon, dass nach dem Vorstoß der deutschen Armeen in die Sowjetunion von Agrarwissenschaftlern der Friedrich-Wilhelms-Universität im Auftrag der SS der „Generalplan Ost“ entwickelt worden war. Er sah vor, das neue Siedlungsgebiet bis zur Wolga und darüber hinaus das Gebiet bis zum Ural für eine deutsche Lebensraumpolitik zu nutzen. Vorgesehen waren große Umsiedlungsaktionen, die Dezimierung der Slawen und deren Degradierung zu Arbeitssklaven.

Die eroberten Ostgebiete sollten in ein „rassenbiologisches und bevölkerungspolitisches Experimentierfeld“ verwandelt werden. In der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik war geplant, 45 Millionen Slawen aus den Gebieten westlich des Urals zu evakuieren, „wobei eine Verlustquote von 30 Millionen Menschen von vornherein einkalkuliert wurde“, schreibt Hans-Ulrich Wehler in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ über den „Generalplan Ost“. Bekanntlich hatte die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 25 Millionen Tote zu beklagen. Ein Großteil von ihnen, darunter Millionen von Kriegsgefangenen, ließ man verhungern oder nahm sie als Opfer der verbrannten Erde in Kauf.

Nach den Forschungen der Arbeitsgruppe der Humboldt-Universität hat der Berliner Agrarökonom Konrad Meyer im Frühjahr 1942 den „Generalplan Ost“ dem Reichsführer SS Heinrich Himmler übergeben. Der Plan enthielt für die eroberten Gebiete in der Sowjetunion ein detailliertes Siedlungskonzept in der Landwirtschaft, der Industrie und Stadtplanung bis hin zur Schätzung der voraussichtlichen Kosten. Konrad Meyer war zugleich hochrangiger Funktionsträger in der SS und nahm im nationalsozialistischen Reichsforschungsrat eine führende Position ein. Dennoch wurde Konrad Meyer auf dem achten Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess freigesprochen, weil es ihm gelang, seinen Plan als Grundlagenforschung und statistische Aufarbeitung von Datenmaterial zur Bevölkerungsentwicklung auszugeben. 1956 wurde Konrad Meyer auf einen Lehrstuhl an der Technischen Hochschule Hannover berufen.

Aber es gab auch andere Agrarwissenschaftler an der Berliner Universität: etwa Constantin von Dietze, der wegen seiner christlichen Gesinnung auf Druck des nationalsozialistischen Landwirtschaftsministers Richard-Walter Darré nach Freiburg versetzt wurde. Dort schloss er sich dem Bonhoeffer-Kreis an und wurde nach dem 20. Juli 1944 wegen Hochverrats inhaftiert. Das Dilemma eines Wissenschaftlers in der damaligen Zeit beschrieb Dietze später mit den Worten: „Aber wer Professor im Dritten Reich war, der konnte nicht schuldlos bleiben, auch der beste nicht, auch diejenigen nicht, die im Kampfe gegen das Regime ihr Leben bewusst einsetzten und verloren.“ Eine positive Rolle spielte auch der Berliner Professor und Pharmakologe Otto Krayer, der eine Berufung an die Medizinische Hochschule Düsseldorf mit der Begründung ablehnte, dass „der dortige Lehrstuhl durch Vertreibung eines jüdischen Kollegen vakant geworden war“.

In dem von Rüdiger vom Bruch herausgegebenen Geschichtswerk „Die Berliner Universität in der NS-Zeit“ wird ein sehr ambivalentes Bild über die Friedrich-Wilhelms-Universität in den Jahren 1933 bis 1945 gezeichnet. Nach den bisherigen Erkenntnissen habe es aus der Universität heraus „keinen Widerstand gegen die NS-Maßnahmen gegeben“, allenfalls „einzelne private Äußerungen von Distanz und Abscheu“, obwohl die Zahl der Wissenschaftler, die aus rassischen Gründen ihre Position in der Universität verloren, nicht gerade gering war. Vom Generationswechsel, der durch die Vertreibung der Juden ausgelöst wurde, profitierten Nachwuchswissenschaftler, die zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise um 1930 als „Angehörige einer chancenlosen Generation“ gegolten hatten. Nun nutzten sie ihre neue Position als Opportunisten oder glühende Anhänger der nationalen Revolution. Charakteristisch für diese Generation ist Alfred Baeumler, der 1933 berufene Verkünder einer neuen NS-Pädagogik. Baeumler sprach sich für den Vorrang der Politik in der Pädagogik aus und begründete das so: „Politik ist das auf die Volksordnung gerichtete Handeln des Führers, an dem jeder Einzelne in Treue gegen den Führer an seiner Stelle aus eigener Verantwortung teilnimmt…Hat er den politischen Auftrag verstanden und übernommen, so ist er frei.“

Vom Bruch kommt zu dem Ergebnis, dass die Friedrich-Wilhelms-Universität trotz ihrer exponierten Lage in der „Reichshauptstadt“ keine „spezifische Hochburg von NS-Wissenschaft“ gewesen sei. Einzelne Wissenschaftler hätten ihr Know-how geschickt ausgespielt, hatten aber Probleme, in dem verwirrenden Machtspiel der nationalsozialistischen Elite „auf das richtige Pferd zu setzen. Verlierer in diesem Kompetenzgerangel konnten sich allerdings dann nach 1945 mit einigem Geschick als Opfer und Widerständler des NS-Systems stilisieren.“

Nach 1945 gab es einerseits eine große Säuberung. Andererseits jedoch eine „bemerkenswerte Kontinuität“ – und das in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR, die sich ihrer antifaschistischen Haltung rühmte. Dafür steht die Weiterbeschäftigung des weltbekannten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, der „im Reichsforschungsrat im Prinzip auch über alle hier geförderten medizinischen Menschenversuche informiert“ war. Sauerbruch war kein Einzelfall – die Berliner medizinische Fakultät und damit die Charité „wies vor 1945 den höchsten Anteil an Parteigenossen auf. Noch nach 1960 waren die meisten NS-belasteten Universitätsmediziner auch an DDR-Universitäten in Amt und Würden.“

Vom Bruch spricht von ungemein effizienten „Entlastungs- und Schweigekartellen“ in der Wissenschaft – im Osten wie im Westen. Vor dem Akademischen Senat forderte er daher unlängst, über die Forschungen zur NS-Zeit hinaus den Blick auch auf Kontinuitäten und Brüche nach 1945 zu richten. Das traf auf keine ungeteilte Zustimmung, da die Studentenvertreter der Offenen Linken, die 2002 den „Generalplan Ost“ zum Ausgangspunkt ihrer Forderung nach historischer Aufklärung gemacht hatten, nun den Verdacht äußerten, die NS-Diktatur könnte mit der DDR in eine Reihe gestellt werden. Vom Bruch wies diesen Verdacht zurück: „Von einer Gleichsetzung kann keine Rede sein.“

„Die Berliner Universität in der NS-Zeit“, herausgegeben von Rüdiger vom Bruch und Christoph Jahr. Franz Steiner Verlag 2005, zwei Bände, 565 Seiten. 23 Euro, ermäßigter Preis für Studenten.

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