Gesundheit : Einladung zum Doppelleben

JOSEFINE JANERT

Erfahrungen sind für den Berufseinstieg unerläßlich / Sogar das Arbeitsamt vermittelt PraktikaVON JOSEFINE JANERTExamen bestanden, Bewerbung geschrieben und ab ins Berufsleben? Ganz so einfach sieht der Start in die rosige Zukunft nicht aus.Berlin ist eine Hochburg arbeitsloser Akademiker.Quer durch alle Altersklassen gibt es in der Stadt knapp 22 000 beschäftigungslose Hochschulabsolventen.In Hamburg sind es nur 4300, in Leipzig 2700.Drei große Universitäten und etliche Fachhochschulen versorgen den hiesigen Arbeitsmarkt mit Nachschub.Die schlechte Bilanz hängt auch damit zusammen, daß Berlin als Stadt attraktiv und ein Wegzug für viele kaum denkbar ist.Außerdem entwickelt sich die Wirtschafts- und Kulturlandschaft zur Zeit "sehr zögerlich", sagt Klaus Tuch, Berufsberater für Abiturienten und Hochschüler beim Arbeitsamt Südwest."Berlin kann so viele Absolventen nicht verkraften."Bemühungen, den Berufseinstieg durch gezielte Programme für Studenten leichter zu gestalten, stoßen an den Unis auf unterschiedliche Resonanz.Die Wirtschafts-, Bewerbungs- und Rhetorikkurse, die das Projekt Berufsorientierung BeO (Telefon 838 5244, montags bis donnerstags 10 bis 12 Uhr) an der Freien Universität für Geistes- und Sozialwissenschaftler anbietet, werden lebhaft nachgefragt.Bei den thematisch sehr weit gefaßten, fächerübergreifenden Veranstaltungen gähnt mitunter eine deprimierende Leere, berichtet hingegen Christine Witte vom Arbeitsamt West und nennt als Beispiel ein Seminar über das Berufsfeld Unternehmensberatung.Besser besucht seien Kurse, die zusammen mit einzelnen Fachbereichen organisiert werden und sich an einen begrenzten Interessentenkreis wenden."Wir sind an den Unis noch ziemlich unbekannt", bedauert sie.Die Hochschulteams bestehen seit etwa einem Jahr bei den Arbeitsämtern West (Telefon 30 34 19 89), Südwest (Telefon 84 44 19 89) und Mitte (Telefon 55 55 19 89).Sie sollen Studenten im Jahr vor und im Jahr nach dem Examen beraten und vermitteln bundesweit Praktika und Stellen.Unabhängig von den Teams gibt es bei den Ämtern Berufsberater für Abiturienten und Hochschüler, die bei der Orientierung vor und während des Studiums helfen.Berufsberater Tuch rät zu einer Art "Doppelleben", das einerseits dem Erwerb von Lehrbuchwissen, andererseits der gezielten Berufsvorbereitung gewidmet ist.Nicht erst kurz vor dem Abschluß, sondern schon während des gesamten Studiums sollen sich die künftigen Akademiker mit Praktika, fachnahen Jobs und Weiterbildung auf die Bewerbungsphase vorbereiten.Tuch empfiehlt, gezielt "in anderen Studiengängen zu wildern", um sich Kenntnisse in Betriebswirtschaft, Public Relations, Fremdsprachen und EDV anzueignen.Andererseits beklagt er, daß vielen Seminaren nach wie vor der Bezug zur Praxis fehlt."Den Universitäten würde etwas mehr Pragmatismus nicht schaden", sagt er."Warum sollen die Studenten Studiengebühren zahlen, wenn sich viele Professoren um deren berufliche Zukunft nicht scheren?" Statt der staubtrockenen Diskussion zur These X von Autor Y müßten noch mehr Seminare her, die in Zusammenarbeit mit Firmen und öffentlichen Einrichtungen organisiert werden.Germanisten und Sprachwissenschaftler könnten, so Tuch, in Kooperation mit einem Verlag die Arbeitsschritte bei der Herausgabe von Texten lernen, Kunsthistoriker bei der Archivierung in Museen helfen.Da solche Praxis-Kurse gerade an geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten viel zu selten stattfinden, müssen sie durch "Praktika, Praktika, Praktika" ersetzt werden.Doch nicht jedes Praktikum hilft beim Aufstieg auf der Karriereleiter.Mancher Student mutiert dabei zum Kaffeeholer oder Telefonisten, obwohl er sich eigentlich beruflich qualifizieren möchte.Ein gutes Praktikum zeichnet sich laut Tuch dadurch aus, daß der Student in die Arbeit eingeführt wird, er einen Ansprechpartner bekommt, der ihm die Strukturen der Firma klarmacht, fachliche Probleme erklärt und seine Arbeitsergebnisse bewertet.Auch das schriftliche Feedback, das Arbeitszeugnis, ist ein Muß.Nach Möglichkeit sollte der Student schon vor dem ersten Arbeitstag klären, was genau er während des Praktikums macht und ob er fachlich ernst genommen wird.Allerdings, so Tuch, "müssen die meisten so lange suchen, daß sie froh sind, wenn sie überhaupt einen Platz bekommen."Auch bei der Suche nach einem Praktikum sind die Arbeitsämter behilflich.Über die Computer des Stellen-Informations-Service (SIS) kann jeder, egal ob im Examen oder nicht, bundesweit nach Praktikumsplätzen suchen - ohne sich beim Arbeitsamt registrieren zu lassen.Auch übers Internet sind viele Angebote abrufbar (http://www.arbeitsamt.de).Viele Praktika haben eine lange Vorlaufzeit, sind also schon Monate im voraus ausgeschrieben.Klappt es nicht, bleibt noch die Hoffnung auf einen fachnahen Nebenjob.Gerade Studenten, die sich die oft un- oder unterbezahlten Praktika aus finanziellen Gründen nicht leisten können, verbinden so das Angenehme mit dem Nützlichen.Sprachwissenschaftler können sich als Übersetzer betätigen, Soziologen als Interviewer für Meinungsforschungsinstitute, künftige PR-Fachfrauen als Hostessen.Mit etwas Glück, so Tuch, "entsteht so der Kontakt zum künftigen Arbeitgeber".

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