Elite und Geist : Kreatives Scheitern

Zu allgemein, zu vage: Warum die Geisteswissenschaften im Exzellenzwettbewerb wenig Chancen haben.

Amory Burchard

Konstanz hält im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern einen einsamen Rekord: Das große Forschungsvorhaben, mit dem Konstanz nun in die Endausscheidung geht, ist das einzige erkennbar geisteswissenschaftliche Projekt in der zweiten Förderlinie. Federführend in dem Forscherteam, das „Kulturelle Grundlagen von Integration“ erforschen will, sind Historiker, daneben beteiligen sich Soziologen, Literaturwissenschaftler, Philosophen, Politik- und Rechtswissenschaftler. Mit dem Wettbewerb um insgesamt 1,9 Milliarden Euro soll die Forschung an den Universitäten gestärkt werden. Die Geisteswissenschaften scheinen dabei nur ganz am Rande mitzuspielen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die den Wettbewerb gemeinsam mit dem Wissenschaftsrat betreut, wertet Geistes- und Sozialwissenschaften gemeinsam – und kommt zu einem besseren Ergebnis: Zehn Prozent der Exzellenzcluster, die jetzt weiterkamen, stammten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, sagt Präsident Ernst-Ludwig Winnacker. Allerdings seien in mehreren der Anträge aus den Lebenswissenschaften, den Natur- und Ingenieurwissenschaften auch Geistes- und Sozialwissenschaftler vertreten. Bei den 157 eingereichten Antragsskizzen seien alle vier Bereiche zu je einem Viertel beteiligt gewesen.

Woran sind die geisteswissenschaftlichen Projekte gescheitert? Die Humboldt-Universität hatte ein Cluster „Kreative Zerstörung“ zum Wandel der Wissenskultur, der Symbole und der sozialen Ordnungen beantragt. Die Uni Heidelberg trat mit einem Forschungsvorhaben zu „Bild und Aktion“ an, in dem Rituale, mündlich überlieferte Texte und visuelle Zeugnisse historischer und gegenwärtiger Kulturen erforscht werden sollten. Beide Antragsskizzen konnten die Gutachter vom Wissenschaftsrat und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nicht überzeugen. Zu einzelnen Projekten äußern sich die Experten, darunter auch internationale Wissenschaftler, nur gegenüber den Antragstellern.

Der Historiker Ulrich Herbert (Universität Freiburg), der in der Kommission zu den Zukunftskonzepten sitzt, spricht jedoch über grundsätzliche Probleme der Geisteswissenschaftler im Wettbewerb. Sie ergäben sich aus ihrer Tradition und Ausrichtung, sagt Herbert. „Wenn sie große Projekte formulieren, neigen sie zu eher allgemeinen Fragestellungen, zu einem großen Universalismus.“ Geisteswissenschaftler arbeiteten in der Regel als Einzelkämpfer. Für Technik- und Naturwissenschaftler dagegen sei es selbstverständlich, große Forschungssysteme zu schaffen und dafür Mittel in zweistelliger Millionenhöhe einzuplanen. „Die Exzellenzinitiative ist nicht der Ort, an dem die Stärken der Geisteswissenschaften sichtbar werden“, sagt Herbert.

Die Ablehnung der meisten geisteswissenschaftlichen Forschungsvorhaben sei denn auch „keine Aussage über die Qualität der Wissenschaftler“, betont Herbert – und verweist auf eine Empfehlung zu den Geisteswissenschaften, über die der Wissenschaftsrat heute abschließend berät. „Die Geisteswissenschaften in Deutschland sind im internationalen Vergleich in fast allen Bereichen konkurrenzfähig“, sagt der Historiker, der auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Geisteswissenschaften“ beim Wissenschaftsrat ist. Nirgendwo in der Welt sei die Dichte und Qualität der Fächergruppe so hoch wie in Deutschland. Das wolle der Wissenschaftsrat dem „Krisengerede“ über die Geisteswissenschaften entgegenhalten.

Allerdings sähen sich die Geisteswissenschaften auch „vor neuen Herausforderungen“: Sie seien im vergangenen Jahrzehnt mehr als andere Fakultäten von einem rapiden Anstieg der Studierendenzahlen betroffen, das Betreuungsverhältnis sei besonders schlecht: Die Professoren müssten 30 Prozent mehr Studenten betreuen als der Durchschnitt ihrer Kollegen. Mit der flächendeckenden Einführung von Bachelor und Master drohe sich dieses Problem noch zu verschärfen.

Neben dem Zuspruch will der Wissenschaftsrat aber auch Kritik üben: Es werde moniert, dass Geisteswissenschaftler zu selten in größeren Teams arbeiteten und international zu wenig vernetzt seien, ist zu hören. Ihre Publikationen seien zu wenig in internationalen Zeitschriften vertreten. Genau daran hat es offensichtlich vielen Anträgen für den Wettbewerb gefehlt. Für die internationalen Gutachter sei die Präsentation der geisteswissenschaftlichen Projekte offenbar nicht überzeugend gewesen, sagt Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Uni.

Der Kirchenhistoriker ist einer der Schöpfer des Forschungsclusters „Kreative Zerstörung“. Das Projekt will er gemeinsam mit seinen Kollegen überarbeiten – „mit Hilfe der notwendigen Korrekturen der Gutachter“. Auch im Zukunftskonzept der Humboldt-Universität, das in der Vorrunde des Wettbewerbs durchgefallen ist, will Markschies auf die Geisteswissenschaften setzen: Ihre intensive Kooperation mit den Naturwissenschaftlern an der Humboldt-Universität sei „ein Pfund, mit dem wir wuchern können“. Als Beispiel nennt Markschies das „Humanprojekt“ des HU-Philosophen Volker Gerhardt. Es untersuche, wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms mit der „immer präziseren Bestimmung des Wesens des Menschen“ zusammenhängt.

Ulrich Herbert rät Geisteswissenschaftlern, die jetzt ihre Cluster-Anträge überarbeiten wollen, zu Themen, „bei denen es um tatsächlich offene Fragen geht“ – und nicht um die bloße Zusammenstellung bereits bekannter Bereiche unter neuen Titeln. Auch von lediglich „taktischen Kooperationen“ etwa mit Natur- oder Technikwissenschaftlern unter wolkigen Überschriften sei abzuraten. „Je klarer die Ziele und Programme der Forschungsprojekte sind“, sagt Herbert, „und je deutlicher sie sich auf neue, bislang unbekannte Felder richten, desto größer die Chance.“

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