Gesundheit : Erfahrung rettet Leben

Wird in einer Klinik nur selten operiert, steigen die Risiken – Experten fordern deshalb Mindestmengen für bestimmte Eingriffe

Adelheid Müller-Lissner

Die Wahl des Krankenhauses sollten sich Patienten vor einer Operation gut überlegen. Für einige Eingriffe ist inzwischen erwiesen, dass sie weniger Gefahren bergen, wenn sie in einer Klinik erfolgen, die damit Erfahrung hat. Ein Beispiel: Lungenoperationen. „Lungenkrebspatienten haben ein bis zu zehnfach höheres Risiko, die Operation nicht zu überleben, wenn sie in Kliniken operiert werden, wo diese Eingriffe nur selten durchgeführt werden.“ Das sagt Dirk Kaiser, Leiter der Thoraxchirurgie in der Berliner Lungenklinik Heckeshorn. Er stützt sich auf eine Untersuchung aus Niedersachsen. Dort starben 15 Prozent der Krebspatienten, deren Lunge in einer der 72 Kliniken operiert wurde, die das weniger als zwanzig Mal im Jahr machen. „In den spezialisierten Kliniken liegt die Todesrate bei 1,5 Prozent“, sagt Kaiser. Seine Fachgesellschaft fordert deswegen auf ihrer diese Woche stattfindenden Jahrestagung, dass Eingriffe im Bereich von Lunge, Zwerchfell und Rippenfell künftig nur noch in Zentren erfolgen, in denen jedes Jahr mindestens 300 solcher Patienten auf dem Operationstisch liegen.

Vor allem Fehler aus Unwissenheit ließen sich so vermeiden. „Das Wissen veraltet heute so schnell, dass nur noch Spezialisten ihr Fachgebiet aktuell überblicken können.“ Die Thoraxchirurgen denken nicht allein an die fachliche Qualität der Operateure, sondern an das Team aus verschiedenen Fachgebieten, das dort arbeitet. Speziell Lungenkrebspatienten entscheiden mit der Wahl der Klinik häufig darüber, wie bei ihnen operiert wird – ohne sich dessen bewusst zu sein. Wenn die Lage des Tumors es zulässt, kann man heute auch den von Krebs befallenen Lungenflügel erhalten. „In spezialisierten Zentren wird heute nur noch in jedem fünften Fall der ganze Lungenflügel entfernt, in kleinen Krankenhäusern sind es jedoch doppelt so viele“, sagt der Wiesbadener Chirurg Joachim Schirren. Den Unterschied kann man zwar – anders als beim Brustkrebs – nicht sehen. Er kann sich aber im Alltag massiv bemerkbar machen. Zum Beispiel kann er über die Frage entscheiden, wie viele Stockwerke der Operierte ohne Probleme bewältigen kann. Oder darüber, wie gut er eine anschließende Chemotherapie verträgt.

Politisch ist die Einführung von Mindestmengen für bestimmte operative Eingriffe umstritten. Kritiker bemängeln, die Untergrenzen seien willkürlich gewählt. Der Vergleich sei unfair, weil in kleine Häuser oft ältere, schwerer kranke Patienten kommen. Für einige Operationsgebiete, so auch für die weit selteneren Eingriffe an Bauchspeicheldrüse und die Speiseröhre, hat die Forderung nach Mindestmengen inzwischen aber ein solides wissenschaftliches Fundament. Die Grenze für Operationen im Brustraum bei 300 Eingriffen zu ziehen, stützt sich auf die Vorgabe der europäischen Fachgesellschaft, der zufolge jeder Facharzt mindestens 150 Eingriffe ausführen sollte. Zwei Spezialisten pro Zentrum sei aber knapp kalkuliert, sagt Kaiser: „Es ist sinnvoller, von einem Kompetenzzentrum 500 Operationen im Jahr zu erwarten.“ 40 Zentren gebe es derzeit in Deutschland.

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