Ernährung : Mohnkuchen mit Nebenwirkungen

Wenn Lebensmittel "aus dem Garten der Natur“ stammen, sind die Verbraucher schnell überzeugt. Aber nicht alles, was pflanzlich ist, ist auch gesund.

Rosemarie Stein
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Giftige Kapseln. Falsch geernteter Mohn kann zu viel Morphin enthalten. -Foto: AFP

Wenn Lebensmittel angeblich „aus dem Garten der Natur“ stammen, „rein pflanzlich“ sind oder es sich dabei laut Werbung sogar um „Gesundheit zum Essen“ handelt, sind die Verbraucher schnell überzeugt. Natur boomt. Viele nehmen sie auch noch in Pillenform ein und tun damit des Guten zu viel. Denn nicht nur Arzneimittel können Risiken und Nebenwirkungen haben, auch bestimmte Lebensmittel und vor allem „Nahrungsergänzungsmittel“ – und zwar auch dann, wenn ihre Bestandteile tatsächlich natürlich und rein pflanzlich sind.

Beim 4. Forum Verbraucherschutz des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) diskutierten Fachleute über die noch unzureichend erforschten Risiken, die Pflanzenstoffe in Lebens- und Futtermitteln haben können. „Das positive Vorurteil, dass natürlich zugleich sicher bedeutet, haben auch manche Wissenschaftler“, sagte Andreas Hensel, Präsident des BfR.

Sellerie, Petersilienwurzeln und Pastinaken, die auch zu Babykost verarbeitet werden, können zum Beispiel wegen der darin enthaltenen Furocumarine phototoxisch wirken, das heißt, bei Sonnenbädern nach dem Verzehr das Sonnenbrandrisiko erhöhen. Kleinkinder reagieren auf Schadstoffe in Lebensmitteln besonders empfindlich.

Wie die Furocumarine gehören auch Isoflavone, etwa in Soja, zu den „sekundären Pflanzeninhaltsstoffen“, die in Diätlebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln häufig enthalten sind. Die Behauptung der Hersteller, diese pflanzlichen Östrogene hätten keine Nebenwirkungen, wurde auf der Tagung stark infrage gestellt.

Eine ordentliche Portion Mohnkuchen kann unter ungünstigsten Umständen eine so hohe Morphindosis enthalten, wie sie gegen starke Schmerzen verordnet wird. Einem Schmerzpatienten hilft das Opioid – einem Gesunden schadet es, denn er muss mit Bewusstseins-, Atem- und Herz-Kreislauf-Störungen rechnen. Bei einem notwendigen Medikament muss man Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen – doch „Lebensmittel müssen sicher sein“, sagte Walter Töpner vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Mohn vor allem dann mit Morphin belastet war, wenn Teile der Samenkapseln bei der Ernte und der maschinellen Verarbeitung verunreinigt wurden. Mohn aus Billiglohnländern, wo die Kapseln mit der Hand aufgeschnitten werden, waren am wenigsten belastet. Das BfR empfahl jetzt vor allem Schwangeren, sich bei mohnreichen Speisen vorläufig zurückzuhalten, forderte die Hersteller zur Reduktion des Morphingehalts im Backmohn auf und setzte einen Richtwert fest.

Für Cumarin im Zimt gelten Höchstwerte seit langem. In der Vorweihnachtszeit 2006 kamen Zimtsterne ins Gerede, weil in 13 Proben zu viel Cumarin nachgewiesen worden war – ein pflanzlicher Aromastoff, der als Mittel gegen Ödeme in mehreren Ländern verboten worden war. Denn bei manchen Patienten hatte das Cumarin Leberentzündungen hervorgerufen. Außerdem steht es im Verdacht, krebsfördernd zu wirken. Cassia-Zimt, in Deutschland bisher fast ausschließlich auf dem Markt, erwies sich als stark belastet, Ceylon-Zimt fast gar nicht. Daraufhin wurde kritisiert, dass die Verbraucher nicht wählen können, weil die Herkunft (noch) nicht deklariert werden kann.

Risikokommunikation sei eine Gratwanderung zwischen Verharmlosung und Panikmache: Es sei schwierig, auf langfristige Risiken aufmerksam zu machen, bei denen „nicht gleich ein paar Leute tot in der Ecke liegen“, sagte ein Wissenschaftler. Man darf aber auch nicht „skandalisieren“, meinte Hensel. „Ich oute mich als Zimtstern-Vielverzehrer“. Und das schadet auch nicht mehr, denn in diesem Fall hat die Wirtschaft reagiert: Das Gebäck enthält jetzt kaum noch Cumarin. Ein Problem bleiben Zimtkapseln für Zuckerkranke, die den Blutzucker senken sollen. Bisher sei ein Nutzen nicht nachgewiesen und die Tabletten werden als nicht zugelassene Medikamente eingestuft, müssten also verboten werden. Die Zimtkapseln seien exemplarisch dafür, dass Produkte, die die Anforderungen, als Arzneimittel zugelassen zu werden, nicht erfüllen, oft in Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln landen. Das gelte für viele Pflanzenextrakte. „Staatliches Handeln kann sehr lange dauern“, sagte Christian Grugel vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Besser sei es, „die Dinge transparent zu machen und die Verbraucher entscheiden zu lassen.“

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