Gesundheit : Es geht bergab

Gletscher schwinden, ganze Berge brechen zusammen: Der Klimawandel macht den Alpen zu schaffen

Roland Knauer

Langsam rutscht die Felsnase an der Ostwand des 3970 Meter hohen Eiger in der Schweiz talwärts, jeden Tag schafft sie einen halben oder dreiviertel Meter. Zwei Millionen Kubikmeter Fels schieben sich dort in der Nähe der Gemeinde Grindelwald in den Berner Alpen unaufhaltsam abwärts, Wissenschaftler zeichnen jeden Millimeter davon genau auf. In den nächsten Tagen dürfte die Felsnase ihren letzten Halt verlieren, befürchten die Forscher. Dann donnern grob geschätzt 200 000 LKW-Ladungen auf den Grindelwaldgletscher darunter.

Zum Glück droht keine Katastrophe – wie an der Gotthardautobahn, wo rund 6000 Kubikmeter Felsen weggesprengt werden mussten. Dort hatten Felsstürze Ende Mai ein deutsches Ehepaar getötet. Das Grindelwald-Tal an dieser Stelle ist unbewohnt, und die etlichen Millionen Tonnen Felsen treffen sogar den „Richtigen“. Denn der Grindelwaldgletscher ist der Verursacher des gewaltigen Felssturzes, der sich zur Zeit in den Schweizer Alpen abzeichnet. Jedes Jahr ziehen sich seine Eismassen ein wenig zurück – auf die aber stützen sich die steilen Hänge an der Seite. Ist der Gletscher weg, fehlt sozusagen das Widerlager und die Hänge kommen ins Rutschen.

Im Mai 2005 kam so ein Steilhang oberhalb des Grindelwaldgletschers ins Gleiten, eine halbe Million Kubikmeter Schutt donnerte damals in die Tiefe. Plötzlich stand das Bergrestaurant Stieregg nicht mehr achtzig Meter von der aus 1650 Meter Höhe steil in die Tiefe fallenden Wand entfernt, sondern balancierte praktisch auf der Abbruchkante. Im Prinzip passiert das Gleiche jetzt wieder, nur dürfte diesmal die vierfache Geröllmenge in die Tiefe rutschen. Und die Alpen kommen auch an anderen Stellen ins Rutschen.

Die Hintergründe dieser gigantischen Felsabbrüche kennt Michael Zemp vom Geographischen Institut der Universität Zürich: „Die Gletscher sind einfach zu groß für die heutigen Temperaturen.“ Um diesen Satz zu erklären, hat der Forscher mit seinen Kollegen die Alpen fein säuberlich in kleine Quadrate unterteilt, die mit jeweils einem Hektar ungefähr die Fläche eines Fußballfeldes haben. Mit Computermodellen rechnen die Wissenschaftler für jede dieser Flächen mit einem Stück Gletscher darauf aus, wie sich das Eis verändert, wenn die Klimaerwärmung die Temperaturen steigen lässt.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die steigenden Temperaturen der letzten 150 Jahre die Fläche der Alpengletscher halbiert haben. Da niemand weiß, ob die Menschheit die Klimaerwärmung eindämmen kann, indem sie weniger Öl, Gas und Kohle verfeuert, rechnen die Forscher einfach mit verschiedenen Temperaturerhöhungen die weitere Entwicklung der Gletscher durch.

Steigen die Temperaturen nur um zwei Grad Celsius bis zum Ende des 21. Jahrhunderts, haben die deutschen Gletscher schlechte Karten, die Alpen zwischen Bodensee und Salzburg dürften dann mit Sicherheit eisfrei sein. Auch in Österreich sieht die Situation nicht viel besser aus. Steigen die Temperaturen, wie es viele Forscher als realistisch ansehen, um drei Grad Celsius, dürften in der Alpenrepublik gerade einmal zehn Prozent der Gletscher übrig bleiben, die dort zwischen 1971 und 1990 in der Sonne funkelten.

Ein wenig besser sieht es in der Schweiz aus, dort dürfte bei drei Grad mehr immerhin ein knappes Drittel der Gletscherfläche übrig bleiben. In der Eidgenossenschaft fließen besonders große Gletscher, die nicht so schnell schmelzen. Bis sich zum Beispiel die 27 Milliarden Tonnen Eis im fast 24 Kilometer langem Aletschgletscher in Wasser verwandeln, wird es Jahrhunderte dauern. An seiner dicksten Stelle misst der Aletsch 800 Meter. Selbst im Jahrhundertsommer 2003 verloren die Alpengletscher „nur“ zweieinhalb Meter ihrer Dicke.

Da das Eis so langsam schmilzt, hinken die Gletscher der Klimaentwicklung hinterher – für die heutigen Temperaturen sind sie zu groß. Auch wenn die Menschheit die Temperaturen auf dem jetzigen Niveau einfrieren könnte, die Gletscher würden noch einige Jahre schmelzen.

Auch auf himmlische Hilfe sollte man nicht bauen. Zwar wissen die Forscher, dass steigende Schneefälle mehr Eis bilden und so einen Ausgleich für das Eis bilden könnten, das am unteren Ende wegschmilzt. Doch müsste die winterliche Berieselung um ein Viertel zunehmen, um für den Gletscherschwund nur ein einziges Plusgrad wett zu machen. Viel mehr Niederschläge wird es den Klimaforschern zufolge nicht geben – während die Temperaturen bis 2100 leicht um drei oder fünf Grad steigen könnten. „Wir bräuchten etliche Winter hintereinander mit viel Schnee und kühle Sommer, in denen wenig Eis schmilzt, um die Gletscherschmelze zu stoppen“, sagt Zemp. Eine eher unwahrscheinliche Entwicklung.

Die Klimaerwärmung lässt die Alpen noch aus einem anderen Grund ins Rutschen kommen. „Die Dauerfrostböden tauen bei steigenden Temperaturen auf“, sagt Hans-Wolfgang Hubberten vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam, der seit 15 Jahren Permafrostböden an der Eismeerküste Zentralsibiriens untersucht.

In Sibirien kann man die Folgen des Auftauens schon besichtigen: Häuser rutschen plötzlich ab, wenn der Boden unter ihnen schmilzt, Äcker werden zu Kraterlandschaften. Dort ist das Gelände jedoch relativ flach, aus den sibirischen Verhältnissen kann man nicht auf die steilen Alpenhänge schließen. Erst seit fünf Jahren untersuchen Forscher wie Stephan Gruber am Geographischen Institut der Züricher Universität die Dauerfrostböden der Alpen.

„Dieser Permafrostboden findet sich an Nordhängen schon in Höhen zwischen 2000 und 2200 Metern“, sagt Gruber, „in Extremlagen gibt es sogar bereits in 1200 Meter Höhe Dauerfrostboden“. Das gefrorene Wasser hält in diesen Höhen die Felsschichten des Gebirges wie ein Patentkleber zusammen. „Wie zwei Backsteine mit einer Wasserschicht dazwischen kann man sich die Situation vorstellen“, erklärt der Forscher. Friert das Wasser, kann man die Backsteine schief stellen, ohne dass der obere Stein abrutscht. Sobald das Wasser taut, gleitet der obere Backstein in die Tiefe.

Genau das passierte, als die Rekordhitze des Jahrhundertsommers 2003 das Eis im Untergrund des Matterhorns schmolz und als ein paar warme Tage im Sommer 2005 den Mont Blanc zwischen Italien und der Schweiz aufheizten: Ein Teil der Gebirgsidylle donnerte talwärts.

Schmelzen die Gletscher in den Alpen, bekommen aber auch die Menschen in den angrenzenden Regionen Probleme. Denn sie werden von den schmelzenden Eismassen im Sommer mit Wasser versorgt. Ohne Gletscher vertrocknen sie. Schon in hundert Jahren könnte es so weit sein, zeigen die Computermodelle von Zemp: In den 1970er Jahren gab es in den Alpen noch ungefähr 5150 Gletscher, die mit 2909 Quadratkilometern eine Fläche größer als das Saarland bedeckten. Steigen die Temperaturen bis 2100 um drei Grad Celsius, bleibt gerade einmal ein Fünftel dieser Gletscherflächen übrig.

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