Gesundheit : Ethik-Kommissar statt Taxifahrer

Die deutsche Soziologie will wieder mitreden – über das Ende der Spaßgesellschaft und die EU-Erweiterung / Absolventen gefragt

Ruth Kuntz-Brunner

Die Soziologen stellen sich der komplexen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Produktion immer neuer Etiketten für die Gesellschaft scheint zu versiegen. Der Wissensgesellschaft, der Risiko-, Single-, Erlebnis- oder Spaß-Gesellschaft wurde beim 31. Soziologenkongresses in Leipzig kein neues Label mehr hinzugefügt. Das Rahmen-Thema des fünftägigen Treffens, „Entstaatlichung und soziale Sicherheit“, signalisierte vielmehr, dass sich die Soziologen wieder in aktuelle Debatten einschalten wollen.

„Die Wiederkehr der Soziologie“ prophezeite Jutta Allmendinger, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, in ihrem Eröffnungsvortrag. Und sie untermauerte den Zustandsbericht mit wasserdichten Fakten. Soziologie studieren viele sehr gute Abiturienten, denn die Studierendenzahlen steigen trotz rigoroser Zugangsbeschränkungen, die an vielen Hochschulen bereits gelten. Auch die Absolventenzahlen sind so hoch wie nie zuvor: Im Jahr 2000 machten 1456 Soziologen einen Diplom- oder Magister-Abschluss.

Die Erfolgsquote von 17 Prozent ist zwar noch immer nicht berauschend, liegt aber auf dem Niveau vieler anderer Fächer wie Geschichte (18 Prozent), Germanistik (14 Prozent) oder Politik (21 Prozent). Kein spezifisch soziologisches Problem also, erklärte Allmendinger, sondern eine Folge der heute üblichen Parallelität von Studium und Erwerbstätigkeit. Auch das beliebte Vorurteil, Soziologen endeten entweder als Professor oder als Taxifahrer, konnte Allmendinger leicht zerpflücken: Gleich drei brandneue Studien beweisen, dass mehr Historiker, Psychologen, Volks- und Betriebswirte arbeitslos sind als Soziologen. „Vielleicht vermitteln wir in der Soziologie genau jenes theoretische und methodische Wissen, das die Arbeitswelt heute braucht“, konterte Allmendinger den Einwurf, dass die Soziologen in ausbildungsfernen Berufen tätig sind.

Suche nach einem Ankerplatz

Tatsächlich gibt es nur wenige andere akademische Spezies, die eine so breite Tätigkeitspalette erobert haben. So sind Soziologen nicht nur in der Wissenschaft oder der Marktforschung, in Stiftungen, Ethik-, Renten- oder Enquête-Kommissionen aktiv, sie arbeiten sich auch in viele andere Bereiche wie Coaching oder Journalismus ein. Damit sinkt zwar der Professionalisierungsgrad der Soziologen, ihr Einfluss auf andere Disziplinen und gesellschaftliche Bereiche aber wächst, analysierte Allmendinger.

Doch als gesellschaftliche Reflexionswissenschaft findet die Soziologie keinen Ankerplatz in der Hochschullandschaft. Der Wert einer nicht den Marktmechanismen unterworfenen Bildungskultur scheint aus dem Blickfeld der Bildungspolitiker zu geraten. Oder die Soziologie hat sich selbst nicht verorten können als im „im besten Sinne traditionelle Form der Gelehrsamkeit“, wie Wolf Lepenies (Berliner Wissenschaftskolleg) diese Bildungskultur nannte. In Kiel, Wuppertal, Würzburg und Regensburg jedenfalls werden soziologische Institute mit anderen zusammengelegt, verkleinert oder ganz aufgelöst. Gleichzeitig steigt die Zahl der Studierenden pro Hochschullehrer (im Schnitt über 70 Studienanfänger auf jede Professur).

Möglich, dass mit der „Wiederkehr der Soziologie“ die einst streitbare Disziplin wieder an Fahrt gewinnt. Anders als noch vor wenigen Jahren fühlten in Leipzig selbst die Mainstream-Soziologen den Herzschlag der Gesellschaft nicht mehr allein am eigenen Puls. Und Begriffe wie Individualisierung, Postmoderne, Zweite Moderne tauchten nicht mehr so oft wie noch vor wenigen Jahren als beliebiges Interpretations-Raster auf.

Heute stellen Soziologen vieles zur Debatte, was einst nur klausuliert betrachtet wurde. Zum Beispiel, dass der aufklärerische Geist, der letztlich ein Zusammenleben von freien und gleichen Individuen erst ermöglichte, heute „wechselseitige Ignoranz und Misstrauen“ fördert, wie Ronald Hitzler (Uni Dortmund) erklärte. Hyper-selbstbewusste, durchsetzungswillige, egozentrische und anmaßende Individuen überfluteten die Gesellschaft, erklärte Hitzler: „Jeder will tun, was ihm gefällt und jeder will, dass andere tun, was er will.“Die Folge: Damit kollabiert der kollektive Spaß zu einem kollektiven Trauma, das den immer drängenderen Ruf nach Sicherheit, Verlässlichkeit und mithin weniger Freiheit gebiert. Kurz: Die Aufklärung frisst ihre Kinder.

Die Soziologen scheinen wieder Willens, gemeinsame Lernprozesse anzuschieben. Auch und gerade zum Thema Entstaatlichung. „Die Frage nach der Belastbarkeit einer Europäischen Identität ist bisher kaum gestellt worden“, erläuterte Georg Vobruba (Uni Leipzig). Wie solidarisch beispielsweise kann ein Berliner mit einem Südportugiesen wirklich sein? Oder wie gehen Spanier damit um, dass gegen ihren Willen eine Osterweiterung beschlossen wird, und welche Folgen hat das für die Gemeinschaft?

Gesellschaftlicher Zündstoff

Auch die Hegemonie der Massenkultur könnte Sehnsüchte nach einer eigenen kulturellen Identität wecken – mit noch unabsehbaren Folgen. Dass in dieser Thematik gesellschaftlicher Zündstoff lagert, wurde auch vom Verfassungsrechtler Dieter Grimm (Berlin) akzentuiert. Er begründete die Unvereinbarkeit von Deregulierung und Globalisierung mit der Verfassung.

Macht auf Private oder auf ein Supergebilde wie die EU, der Vorrecht vor der innerstaatlichen Verfassung eingeräumt wird, zu delegieren, könnte strukturell vielleicht sinnvoll sein, widerspräche aber der verbrieften Souveränität des Volkes, dem Gleichheitsgrundsatz oder auch der Kontrolle etwa durch eine Verfassungsklage. Mit solchen Überlegungen sind die Soziologen wieder mitten in der Gesellschaft und der Politik angekommen.

Mehr zur Soziologie im Internet:

www.soziologie.de

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