Gesundheit : Fälschen statt Forschen

HARTMUT WEWETZER

Erfunden, geschönt, erschlichen: Eine Zwischenbilanz der Affäre um den Krebsforscher HerrmannVON HARTMUT WEWETZERWir leben im Jahrzehnt der Genforschung, der Molekularbiologie und der Biotechnik.Allerorten Durchbrüche, Entdeckungen und Pioniertaten.Die internationale Goldgräberstimmung erfaßte auch die deutsche Wissenschaft.Auch hier hob Anfang der 90er Jahre ein Flugzeug mit ehrgeiziger Mission ab - besetzt mit Forschern, deren Reiseziel es war, die Weltspitze der "Lebenswissenschaften" zu erreichen. Auf einem der vorderen Plätze hatte der Mediziner Friedhelm Herrmann Platz genommen, begleitet von seiner Lebensgefährtin Marion Brach.Herrmann war dabei, wenn es um besonders "heiße" und aktuelle Themen ging: Immunforschung, Krebsentstehung, Gentherapie.Umkämpfte Spitzenforschung.Aber Herrmann und seine Begleiterin waren blinde Passagiere.Ihre Tickets für den Flug ins Elysium der Biologie waren gefälscht, wie sich jetzt herausstellt.Herrmann, Dirigent mehrerer Forschergruppen am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, und seine Laborleiterin Brach simulierten offenbar Wissenschaft.Und das in kaum glaublichen Umfang. Bisher sind in 28 Studien Datenfälschungen und Manipulationen aufgedeckt worden.Entdeckt haben sie zum großen Teil Spezialisten am Delbrück-Centrum, nachdem ein ehemaliger Mitarbeiter Herrmanns Anfang des Jahres seinen Verdacht gegenüber Hans Hofschneider vom Max-Planck-Institut für Biochemie geäußert hatte und so die Lawine ins Rollen brachte. Aber selbst 28 manipulierte Arbeiten dürften noch nicht das Ende sein.Denn die Liste der gemeinsamen Arbeiten des Mediziners Herrmann und der Biologin Brach ist lang: Für die sieben Jahre von 1990 bis 1996 finden sich in einer internationalen Datenbank 61 Zeitschriftenpublikationen der beiden Forscher; 1990 und 1991 forschten sie zusammen in Ulm, es folgten vier Jahre am Delbrück-Centrum in Berlin-Buch.Mittlerweile ist Herrmann Professor in Ulm, Frau Brach Professorin in Lübeck.Während die 37jährige und ein weiterer Mitarbeiter Fälschungen gestanden haben, streitet Herrmann ein Wissen um die Manipulationen ab - auch wenn er als verantwortlicher Wissenschaftler in den Studien auftaucht. Bei den Datenfälschungen zeigte man sich erfinderisch.Abbildungen von Labordaten wurden retuschiert, verdoppelt, beliebig zusammengestellt oder, wie in unserer Abbildung, einfach zweimal verwendet.Es mußte nur das passende Bild zur Bildlegende konstruiert werden.Die Gutachter vieler angesehener internationaler biomedizinischer Zeitschriften merkten offenbar nichts. Aber nicht nur Reproduktionen von Laborergebnissen wurden getürkt.Auch Grafiken mit Versuchsdaten entsprechen nicht den Tatsachen.So sollen laut Frau Brach fast alle Abbildungen in einem Artikel in der Zeitschrift "Blood" falsch sein; ironischerweise erschien das Heft am 1.April 1994.Im "Embo Journal" (Band 13, Seiten 4645 bis 4652) finden sich drei wissenschaftliche Grafiken, in denen die Standardabweichung - ein wichtiges Maß für die Zufälligkeit eines Meßergebnisses - nicht berechnet, sondern schlicht erfunden war.Und in einem Artikel für das "European Journal of Immunology" (Band 23, Seiten 3146 bis 3150) verwandten Brach und Herrmann die Zellkulturen eines Kollegen für eine Abbildung - allerdings "verfremdeten" sie sie, gaben ihr einen anderen Namen und erwähnten den Wissenschaftler nicht. Offenbar machte die Kollegen die Inflation wissenschaftlicher Studien aus den Herrmann-Labors nicht stutzig.Allein oder mit anderen zusammen brachte der heute 47jährige in sieben Jahren 170 "papers" in guten Zeitschriften unter, während selbst sehr produktive Wissenschaftler es im Jahr allenfalls auf vier ansehnliche Studien bringen - große amerikanische "Forschungsfabriken" einmal ausgenommen. Aber nicht nur bei den Veröffentlichungen selbst, sondern auch bei den - vorgeblich - geplanten Publikationen war der Wurm drin.Die Angaben über angeblich von Gutachtern bereits für den Druck in guten Zeitschriften akzeptierte Studien ("in press") erwiesen sich bei der Bewerbung Herrmanns am Delbrück-Centrum im Nachhinein zu 40 Prozent als falsch, bei der Bewerbung am Virchow-Klinikum (1992) zu 61 Prozent und bei der Bewerbung an der Universität Ulm (1994) zu 29 Prozent als unrichtig.Die Publikationen erschienen gar nicht oder nur in geringerwertigen Zeitschriften.Wohl mehr als nur ein Hauch von Hochstapelei. Ein besonders heikler Punkt in der Karriere von Herrmann und Brach ist das Einwerben der Fördermittel, 300 000 Mark von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, mehr als eine halbe Million Mark von der Krebshilfe und 200 000 Mark von der Thyssen-Stiftung.Um deren Geld zu bekommen, griff Herrmann zu einem Trick: Der Wissenschaftler hatte den Förderantrag eines Forschers an eine niederländische Förderorganisation begutachtet und plagiierte nun dessen Antrag. Geistiger Diebstahl also, wie er auch bei der Veröffentlichung einer Herrmann-Studie im "Journal of Experimental Medicine" kennzeichnend war.Sie gründete auf Ergebnissen japanischer Forscher und wurde mittlerweile für nichtig erklärt (siehe Tagesspiegel vom 23.Mai).Allerdings: Der Mißbrauch von Insider-Wissen durch Gutachter (die oftmals Konkurrenten sind), ist in der Forschung keine Seltenheit - wenn auch selten so extrem wie in diesem Fall. Inzwischen haben die Schockwellen des Skandals auch den prominenten Freiburger Gentherapeuten Roland Mertelsmann erreicht.Rund 100 Arbeiten publizierte er laut "Focus" zusammen mit Herrmann, an 26 war Marion Brach beteiligt.Hat Mertelsmann, der Ziehvater von Herrmann, etwas gewußt? Mertelsmann verneint das: "Für meine Mitarbeiter und mich gilt, daß Datenfälschung uns bisher nicht bekannt war, geschweige denn toleriert oder praktiziert wurde." Die Forscher-Detektive prüfen weiter, diverse Kommissionen tagen, die Staatsanwaltschaft Ulm ermittelt, und in Lübeck gibt es Vorermittlungen gegen Frau Brach.Ein Ende ist noch nicht abzusehen.An der Humboldt-Universität will man prüfen, ob es bei der Habilitation von Frau Brach mit rechten Dingen zugegangen ist oder ob diese auf Fälschungen beruht.Die deutsche Wissenschaft hat vor, sich von ihren blinden Passagieren zu trennen.

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