Gesundheit : „Fatal für die Zukunft“

Die Freie Universität streicht Stellen, um neue Forschungsfelder zu definieren – und reißt damit schlimme Lücken, sagen die betroffenen Institute

A. Burchard

DAS SPAREN AN DEN BERLINER UNIVERSITÄTEN UND DIE PROTESTE DER STUDENTEN

Fit für die Zukunft will der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, seine Hochschule machen. Zukunftsweisende Schwerpunkte wie die Bioforschung oder Kunst und Ästhetik sollen in „Kompetenz-Clustern“ besonders gefördert werden. Unter öffentlichem Spardruck – die FU verliert bis 2009 rund 23 Millionen Landeszuschuss und muss 90 Professuren streichen – bedeute das, in anderen Fächern Stellen zu streichen, sagt Lenzen. „In Berlin sind wir die Besten“, hatte er einer Uni-Vollversammlung zugerufen, als er sein Sparszenario vorstellte, – und wurde bejubelt. Mittlerweile formiert sich nicht nur im Studentenstreik, sondern auch in den betroffenen Instituten Widerstand gegen die Einschnitte. Wir lassen vier Institutsleiter zu Wort kommen. (Fotos: Chr. Schroth (1), privat)

Albrecht Riethmüller, geschäftsführender Direktor des Instituts für Musikwissenschaften: Das FU-Präsidium hat vorgeschlagen, die Musikwissenschaft zu schließen. Unser Fach soll mit einem bürokratischen Fingerschnipps entfernt werden – unter falschen Annahmen und Behauptungen, die zudem mit zweifelhaften, undemokratischen Methoden zu Stande gekommen sind. So hat die Uni-Verwaltung beim Drittmittel-Ranking nicht berücksichtigt, dass das Fach Vergleichende Musikwissenschaft 1996 bis März 2003 nicht regulär besetzt war. Im Unterschied zu gängigen Evaluationen wurde das Institut nicht dazu befragt.

Das FU-Präsidium wirft uns ferner vor, wissenschaftlich „relativ isoliert“ zu sein. Dies ist eine Zweckbehauptung, mit der das Fach erst isoliert werden soll. Tatsächlich ist die Musikwissenschaft eines der am besten vernetzten Fächer: Ich selbst bin an zwei Sonderforschungsbereichen, darunter den „Kulturen des Performativen“, und an einem Graduiertenkolleg („Körper-Inszenierungen“) beteiligt. Zu Recht sieht die Universität den Schwerpunkt Kunstwissenschaft und Ästhetik als Zukunftsthema. Es wäre aber absurd, die Musikwissenschaft da auszugrenzen.

Nun argumentiert der Präsident damit, dass es in Berlin fünf Musikwissenschaften gäbe: an den drei großen Universitäten, außerdem an zwei Kunsthochschulen. Dabei hat er „übersehen“, dass unser Fach auch an der TU eingestellt werden soll. Außerdem ist es wegen der unterschiedlichen Profile und Aufgaben vollkommen unüblich, Fächer an Kunsthochschulen der universitären Forschung und Lehre gleichzustellen.

Mit der Streichung der FU-Musikwissenschaft würde Berlin auch zwei deutschlandweit einzigartige wissenschaftliche Akzente verlieren: die Vergleichende Musikwissenschaft als eigenständig vertretenes Fach und das Forschungsprojekt Filmmusik, das ich gerade aufbaue.

Heiner Ganßmann, geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie: Mit der Entscheidung des FU-Präsidiums, fünf von neun Soziologie-Professuren zu streichen, wird unser Fach faktisch abgewickelt. Denn von den verbleibenden vier Stellen soll nur eine am Institut angesiedelt sein, die übrigen drei am Osteuropa-, am John-F.-Kennedy- und am Lateinamerika-Institut. Damit ignoriert das Präsidium die Interessen der Studierenden – derzeit haben wir 930 Hauptfachstudenten – und unsere durchweg positiven Evaluationsergebnisse. So haben der Wissenschaftsrat (im Jahr 2000) und eine internationale Expertenkommission (im Herbst 2002) empfohlen, neun Professuren zu erhalten, davon sechs am Institut. Zuletzt standen wir im CHE-Ranking als forschungsstarkes Fach ganz oben bei Publikationen und Promotionen. Bei den Drittmitteln liegen wir im unteren Mittelfeld – weil die Unileitung seit Jahren die Neubesetzung dreier wichtiger Professuren blockiert.

Dass ein einziger Professor ein so großes Fach wie die Soziologie nicht vertreten kann, ist auch dem Präsidium klar. Deshalb ist der Vorschlag, die FU-Soziologie solle künftig nur noch Master- und Promotionsstudien anbieten, eine Mogelpackung. Damit soll die geplante Abwicklung der Soziologie verschleiert werden; eine Absicht, die in einem Papier der Verwaltung offen ausgesprochen wird. Niemand wird ein Weiterbildungsstudium an einem Institut mit nur einem Vollzeitprofessor beginnen. Auch für unsere Kooperationspartner, darunter das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und das Wissenschaftszentrum Berlin, wären wir durch die Streichungen erledigt. Die Schließung der Soziologie wäre unverantwortlich. Eine Volluniversität ohne Soziologie ist undenkbar.

Gisela Bock, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Geschichtswissenschaft: Das Fach Geschichte wird von den Streichungsplänen des Berliner Senats und des FU-Präsidiums dramatisch getroffen. Von 16 Professuren (vor kurzem waren es noch über 20) sollen sieben gestrichen werden. Unter den neun verbleibenden Stellen sind – wie schon bisher – diejenige für Didaktik und die drei Geschichtsprofessuren an den interdisziplinären Zentralinstituten (Nordamerika, Lateinamerika und Osteuropa). Gestrichen wird also ausschließlich im Kernbereich der Geschichte, am Friedrich-Meinecke-Institut (FMI). Am FMI, wo deutsche, europäische und internationale Geschichte unterrichtet wird, soll es nur noch fünf Professuren geben: eine für die Antike, eine fürs Mittelalter und drei für Neuere Geschichte, also für das letzte halbe Jahrtausend, wo vier Fünftel der Studierenden ihren Schwerpunkt setzen. Zwar wird noch über eine sechste Stelle am FMI verhandelt, aber auch sechs wären unzureichend für ein vernünftiges Geschichtsinstitut.

Begründet werden die Streichungen damit, dass zu wenig Drittmittel eingeworben würden, aber das stimmt nicht: Das FMI rangiert hier an siebter Stelle unter den Historischen Instituten in Deutschland (bei Promotionen liegt es an dritter, bei Publikationen an achter Stelle) und immerhin an 12. Stelle unter 39 FU-Instituten. Insgesamt gehört das FMI nach dem CHE-Ranking zu den „forschungsstarken“ Geschichtsinstituten. Die Streichungen sind nicht das Ergebnis solider wissenschaftlicher Evaluation, sondern einer politischen Entscheidung: Es wird kein Wert mehr auf Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur gelegt. Aber eine Universität ohne ein starkes Fach Geschichte darf sich nicht mehr Universität nennen.

Hans-Ulrich Reißig, geschäftsführender Direktor des Instituts für Chemie: Wir sind eines der forschungsstärksten Institute der Freien Universität. Als einziges naturwissenschaftliches Institut in Berlin wurde die FU-Chemie sowohl in den Rankings von CHE und DFG unter den Top fünf eingeordnet. Trotzdem schlägt das Präsidium Kürzungen vor, die etwa im FU-Durchschnitt von 23 Prozent liegen: nämlich den Wegfall von fünf unserer bislang 22 Professuren. Wir halten diesen Vorschlag für nicht nachvollziehbar, ungerecht und fatal für die Zukunft der Chemie an der FU. Mit den verbleibenden 17 Professuren, die das ganze Spektrum von der theoretischen Chemie bis zur Biochemie und Chemiedidaktik abdecken sollen, werden Lehre und Forschung in der bisherigen Qualität und Breite selbst bei noch höherem Einsatz der „Hinterbliebenen“ nicht mehr möglich sein. Die bisherige Zahl von 22 Professuren sind das Minimum für eine „Vollchemie“. Wichtige Neuberufungen, die für Schlüsselprofessuren anstehen, werden nun unmöglich sein. Die Universität sägt sich mit den Kürzungen den Ast ab, auf dem sie sitzt. Die geplante Schwerpunktbildung Biowissenschaften kann ohne eine starke und breite Chemie und Biochemie nicht funktionieren.

Auch Berlin drohen schwere Verluste: Naturwissenschaftliche Forschung schafft Arbeitsplätze in zukunftsträchtigen Branchen. Sie darf nicht genauso beschnitten werden, wie Fächer, deren Absolventen weniger zu zukünftigen Steuereinnahmen beitragen.

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