Gesundheit : Findige Finnen

Das Rezept der Pisa-Sieger: Qualität und Chancengleichheit in der Schule müssen sich nicht widersprechen

Bärbel Schubert

„Stellen Sie sich vor, wir sind im Jahr 2020. Die Produktivität hat sich verdoppelt, aber nur noch zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind in der Industrie beschäftigt. Für die Anderen gibt es hochqualifizierte Jobs in der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft.“ Mit diesem Szenario macht der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher deutlich, warum es für die Industriestaaten immer wichtiger wird, leistungsfähige Bildungssysteme zu haben. „Kein Land kann es sich in Zukunft noch leisten, Begabungen brach liegen zu lassen.“ Das aber geschieht in Deutschland, wo derzeit etwa jeder vierte Jugendliche die Schule verlässt, ohne beispielsweise Texte richtig verstehen zu können. Viel zu wenige erhalten auch die hochklassige Ausbildung, die sie in Zukunft brauchen werden. „Das Jahr 2020 scheint weit weg. Aber Bildungsreformen, die wir heute auf den Weg bringen, werden dann erst richtig Wirkung entfalten“, mahnt Schleicher.

Für Deutschland sind das alles andere als frohe Botschaften. Denn es gehört zu den Staaten, die bei der Schuluntersuchung Pisa mit besonders vielen „Drop-outs“ ausgesprochen schlecht abgeschnitten haben. Die jetzt von der OECD präsentierten neuen „Bildungspolitischen Analysen“ eröffnen aber Erkenntnisse, wie man es besser machen kann. Und diese Ergebnisse sind von Analyse zu Analyse besser abgesichert. Sie basieren teilweise auf dem internationalen Schultest Pisa, für den Schleicher als internationaler Koordinator verantwortlich ist.

Qualität und Chancengleichheit müssen nicht als konkurrierende Ziele angesehen werden, lautet eine dieser Schlussfolgerungen. Die bei Pisa erfolgreichen Staaten erreichen in ihren Schulen neben guten Leistungen auch ein hohes Maß an sozialer Gerechtigkeit. Das gilt etwa für Finnland, das bei den Lesefertigkeiten seiner Schüler als Spitzenreiter abschnitt, für Kanada, Schweden und Island. Deutschland ist bei beiden Zielen weit abgeschlagen. Gleichzeitig haben alle erfolgreichen Pisa-Staaten ihren Schulen viel Gestaltungsfreiraum dafür eingeräumt, wie sie ihre Ziele erreichen.

Das in Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien gegliederte deutsche Schulsystem gerät mit den neueren Analysen immer stärker unter Rechtfertigungsdruck: „In Bildungssystemen mit einer geringen Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Schularten scheinen die Gesamtleistungen besser und die Unterschiede zwischen den Schülern geringer zu sein“, heißt es dazu vorsichtig. Das deutsche System mit seiner durch die Schulformwahl relativ homogenen Schülerschaft führt dabei zu paradoxen Ergebnissen: Es produziert sowohl sehr viele Drop-outs als auch wenige Spitzenschüler.

Zudem klagen deutsche Lehrer viel mehr als etwa schwedische über die großen Leistungsunterschiede zwischen ihren Schülern und dringen auf immer homogenere Klassen, in denen dann endlich erfolgreich gelernt werden könne. „Einem finnischen Lehrer ist eben klar, dass er problematische Schüler nicht loswerden kann“, erklärt sich Schleicher den Unterschied. „Die Probleme müssen dort eben anders gelöst werden. Und das ist den Lehrern klar.“

Diese Erkenntnis korrespondiert mit einem anderen Erfolgskriterium, dessen Bedeutung immer klarer wird. „Die individuelle Förderung der Kinder entscheidet über den Erfolg“, lautet Schleichers Resumée. Der Bildungsforscher, der auch schon die OECD-Vorgängeruntersuchung Timss betreut hat, sieht Pisa als „Quantensprung“ für die Transparenz im Bildungssystem. Für Pisa (Programme for International Student Assessment) wurden im Jahr 2000 mehr als eine Viertel Million 15-jährige Schülerinnen und Schüler aus 32 Teilnehmerstaaten getestet. Pisa wird im Dreijahreszyklus fortgesetzt, im Jahr 2003 mit dem Schwerpunkt mathematische Grundbildung.

Der Bildungserfolg von Schülern hängt stärker als bisher angenommen von ihrer Lesekompetenz ab, sagte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) als Reaktion auf die neue OECD-Studie „Reading for Chance“. Schule und Eltern müssten die Lust am Lesen stärker fördern. Das müsse auch in den Lehrplänen sichergestellt werden.

Die „Bildungspolitischen Analysen“ kann auf Deutsch zum Preis von 20 Euro bei der OECD bestellt werden (ISBN 9264599304). Bestelladresse: books@turpinltd.com

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