Gesundheit : Flüssigkeitsbeatmung: Patient an der Charité gerettet

An der Berliner Charité ist ein 47 Jahre alter Mann als erster erwachsener Patient Deutschlands mit Hilfe der "partiellen Flüssigkeitsbeatmung" gerettet worden. Im Zusammenhang mit einer minimal invasivenGallenblasenoperation, der er sich in einem auswärtigen Krankenhaus unterzogen hatte, erlitt der Patient einen Schock mit akutem Lungenversagen. Bei diesem Zustand sind die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlendioxyd extrem eingeschränkt. Der Patient litt an schwerer Atemnot, weswegen er in die Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin der Charité verlegt wurde. Hier erforscht die Arbeitsgruppe von Udo Kaiser seit Jahren eine neue Behandlungsform des akuten Atemnotsyndroms: die Flüssigkeitsbeatmung.

Die Grundlagen wurden bereits in den 60er Jahren in den USA entwickelt. Sie knüpften daran an, dass die Lunge des Menschen, solange er im Mutterleib wächst, mit Flüssigkeit gefüllt ist - was ihr offenbar nicht schadet. Einige Wissenschaftler nahmen an, dass der Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid auch über Flüssigkeiten möglich sein müsste. Diese müssten mit Sauerstoff angereichert in die Lungen gefüllt werden.

Zunächst lächelte die Fachwelt. Doch das änderte sich, als eine Maus in einem flüssigkeitsgefüllten Gefäß nicht etwa ertrank, sondern ohne Zeichen von Atemnot unter der Oberfläche schwamm. Des Rätsels Lösung: Die Flüssigkeit gehörte zu den farb- und geruchlosen Perfluorkarbonen (PFC). Diese Kohlenwasserstoffverbindungen können Atemgase wie Sauerstoff und Kohlendioxyd in hohem Maße aufnehmen.

Die Flüssigkeiten fanden alsbald großes Interesse bei Tauchern, beim Militär und in der Intensivmedizin. Für die Behandlung von Menschen wurde im Jahre 1991 die "partielle Flüssigkeitsbeatmung" entwickelt. Bei Neugeborenen, allerdings nur in den USA, hat man dieses Verfahren schon mehrere hundert Mal, bei Erwachsenen jedoch erst in Einzelfällen angewendet. Der Kranke in der Charité wird im Rahmen einer internationalen Studie behandelt, die zum Ziel hat, die Flüssigkeitsbeatmung beim Erwachsenen mit akutem Lungenversagen zu erproben.

Bei der Flüssigkeitsbeatmung werden speziell für medizinische Zwecke geeignete Perfluorkarbone in die Lungen gefüllt. Da diese Stoffe doppelt so schwer wie Wasser sind, erweitern sie allein durch ihr Gewicht das System der Lungenbläschen. Die Flüssigkeit verteilte sich auf etwa drei Viertel der Lunge des großen Patienten der Charité, der auf dem Rücken gelagerte wurde. Ein Standard-Beatmungsgerät sorgte für den Gasaustausch.

Da Perfluorkarbone flüchtig sind, muss laufend Flüssigkeit nachgefüllt werden. Die benötigte Menge richtet sich nach dem Ausmaß des Atemvolumens pro Minute. Der Charité-Patient verbrauchte 50 bis 60 Milliliter pro Stunde. Damit konnte die Sauerstoffversorgung des gesamten Körpers gesichert werden. Vorteilhaft für die erkrankte Lunge ist, dass die maschinelle Beatmung bei der partiellen Flüssigkeitsbeatmung mit weitaus geringeren Drücken auskommt als die Standard-Überdruckbeatmung, die bisher beim Atemnotsyndrom eingesetzt wird.

Insgesamt wurde der Patient fünf Tage lang mit dem neuen Verfahren behandelt. Zusätzlich waren andere intensivmedizinische Maßnahmen notwendig, vor allem die Nieren-Dialyse. Erfahrungsgemäß stellt sich aber die Nierenfunktion nach zwei bis drei Wochen vollständig wieder her, wenn ein Mensch das akute Atemnotsyndrom übersteht. Am vierten Tag der Behandlung begann der Berliner Patient allmählich selbstständig zu atmen. Inzwischen konnte er von der Beatmung vollständig entwöhnt werden und sitzt zeitweilig im Lehnstuhl. Sobald die Dialyse beendet sein wird, kann er entlassen werden.

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