Gesundheit : Forscher diskutieren in Berlin über ein Weltproblem

Tilmann Warnecke

Auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise 1963 saß US-Präsident John F. Kennedy im Oval Office und grübelte, ob er auf den roten Knopf drücken und einen Atomkrieg auslösen sollte. Ein einziges Papier ist von diesen einsamen Stunden des Präsidenten geblieben. Es ist leer bis auf ein Wort, das JFK mehrmals hingekritzelt hat: Entscheidung.

Vor schwierigen Entscheidungen stehen auch Wissenschafler, wenn es um die Frage geht, was wertvoll genug ist, um als kulturelles Erbe der Menschheit bewahrt zu werden. Soll für die Konservierung eines fast leeren Blatt Papiers des US-Präsidenten viel Geld ausgegeben werden, damit es auch in hundert Jahren noch im Original eingesehen werden kann? Fragen wie diese wollten vierzig Wissenschaftlern aus aller Welt beantworten, die an der diesjährigen Dahlem-Konferenz teilnahmen. Die fünftägige Veranstaltung beschäftigte sich damit, ob man Modelle zur rationalen Entscheidungsfindung bei der Erhaltung von Kulturgütern erarbeiten könne: Eine hochaktuelle Frage, wie der Streit um die Museumsinsel in Berlin und um das Einkaufszentrum am Potsdamer Hauptbahnhof bewies.

Wer angesichts des verheißungsvollen Titels der Konferenz handfeste Entscheidungshilfen in Sachen Kulturerbe erwartete, wurde enttäuscht. In einer ersten Bilanz herrschte unter den Wissenschaftlern Einigkeit darüber, dass es einfache Kriterien gerade beim Thema Kulturerbe nicht geben kann. Das grundlegende Problem, so Norbert Baer, Professor für Konservierung der Universität New York und Leiter der Konferenz, sei vor allem die wachsende Fülle von Kulturgütern. "Durch die neuen Medien werden Kulturgüter geschaffen, die durch die herkömmlichen Techniken zur Erhaltung gar nicht mehr erfasst werden." Deswegen müsse der traditionelle Begriff vom Kulturerbe wie Denkmäler, Museen oder Archive stark erweitert werden. "Als kulturell wertvoll wird heute aufbewahrt, was die Entscheidungsträger, also Männer über 50, dafür halten", meint Ake Andersson, Professor an der Stockholmer Fakultät für Infrastrukturplanung. "Dabei fällt das Lebensgefühl der Jugendlichen völlig unter den Tisch. Wir laufen deshalb Gefahr, der Nachwelt ein falsches Abbild der Gegenwart zu hinterlassen." Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche vor allem an einer informellen, stark vergänglichen Kultur interessiert seien. 95 Prozent davon würden umgehend wieder zerstört, denn "wer zeichnet schon kleine Rockkonzerte auf?"

Erste Auswege sahen die Konferenzteilnehmer in unkonventionellen Maßnahmen. "Warum sollen wir nicht den Schweizer Weg gehen und das Volk zur Erhaltung bestimmter Denkmäler befragen?" schlug Baer vor. Vorbilder für Bürgerbeteiligungen dieser Art gebe es bereits. So sei der Abriss der Berliner Gedächtniskirche in den fünfziger Jahren am Engagement einer Bürgerinitiative gescheitert. Schließlich sei der emotionale Aspekt bei der Erhaltung des kulturellen Erbes nicht zu unterschätzen. "Rational zu entscheiden heisst nicht, nur eine kluge Finanzentscheidung zu treffen. Es ist vielmehr ein verstandesmäßig geleiteter Prozess, in dem sich emotionale und vernünftige Argumente gleichwertig begegnen können", meint Rolf Snethlage vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Eine andere Möglichkeit besteht darin, bedrohtes Kulturerbe mit bedrohten Tierarten gleichzusetzen. Sprachen von Minderheiten oder alte Bergbauanlagen müssten dann erhalten werden, wenn sie das letzte Beispiel ihres Zeitalters sind.

Die seit 1975 stattfindenden Dahlem-Konferenzen sind unter Wissenschaftlern beliebt und bekannt, weil Fachleute aus aller Welt und den unterschiedlichsten Disziplinen zusammenkommen, um ein aktuelles Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. So waren zur jüngsten Konferenz nicht nur Denkmalpfleger, sondern auch Soziologen, Ökonomen und Kulturwissenschaftler gekommen, um den Forschungsstand zu analysieren und neue Fragen aufzuwerfen.

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