Gesundheit : Forschung unterm Hakenkreuz

THOMAS GEHRINGER

Für Gelehrte hatte Adolf Hitler nicht viel übrig: "Man braucht sie ja; sonst könnte man sie eines Tages ja, ich weiß nicht, ausrotten oder sowas." Joachim Fest zitierte in seinem Buch "Das Gesicht des Dritten Reichs" diese Führer-Ansprache an die Presse. Die flapsig verkündete, brutale Drohung wurde durchaus Realität - für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jüdischer Abstammung. Was aber war mit den anderen? Welchen Einfluß nahmen die Nationalsozialisten auf die Forschung an den Hochschulen und Instituten?

Es gab ja nicht nur Verbrecher wie Josef Mengele, der in pervertierter wissenschaftlicher Neugier Versuche mit KZ-Häftlingen anstellte, sondern auch unbestrittene Fachleute wie Ferdinand Sauerbruch, die bis heute einen hervorragenden Ruf genießen. Aber entgegen der verbreiteten Meinung, man wisse nun eigentlich genug aus dieser Zeit, tun sich bei näherem Hinsehen bedenkliche Lücken auf: "Noch immer sind die Universitätspolitik, die Forschungsförderung, die Entwicklung der Wissenschaften und ihrer verschiedenen Institutionen während des Dritten Reichs nur teilweise erforscht", meint Notker Hammerstein, emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Frankfurt/Main. Das mußte auch der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Wolfgang Frühwald, erkennen, als er sich vor den Jubiläumsfeiern zum 75. Bestehen der DFG in seinem Hause vergeblich nach einer umfassenden Aufarbeitung der Geschichte dieser bedeutendsten Institution zur Forschungsförderung erkundigte.

Nur der einstige DFG-Generalsekretär Kurt Zierold hatte sich vor 30 Jahren damit beschäftigt, hielt aber einen "detaillierten Bericht" über die Nazi-Zeit für kaum möglich. Ein Forschungsantrag zu diesem Thema wurde von der DFG vor Jahren "aus Mangel an Quellen" (Frühwald) nicht bewilligt. Im übrigen nehme die DFG nur Anträge entgegen und erteile selbst keine Forschungsaufträge, wurde Frühwald von seiner eigenen Geschäftsstelle belehrt. Dem Münchner Literaturwissenschaftler ist das Verdienst anzurechnen, daß er sich zugunsten der Vergangenheitsbewältigung über diese Formalie hinwegsetzte und eine Studie bei Professor Hammerstein in Auftrag gab ("Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich", C.H. Beck, 98 DM).

Obwohl auch Hammerstein über die dürftige Quellenlage klagt, konnte er immerhin nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in bisher unzugänglichen Archiven stöbern. Die Unterlagen der DFG selbst lagern im Koblenzer Bundesarchiv, sind "aber ebenso zufällig und in vielem wenig aussagekräftig. Es gab keine systematische Archivierung, aber es gab auch keine gezielte Vernichtung", schreibt Hammerstein. In Hammersteins Buch begegnet dem Leser eine Generation von Wissenschaftlern, für die allein die freie Entfaltung ihres Forschungsinteresses zählte, die sich vielfach als unpolitisch, gleichsam über den Dingen stehend, freilich ihrem Land und ihrer Karriere, aber nur selten einem demokratischen Gesellschaftsbild verpflichtet sah.

Zwar gab es wohl nicht allzu viele überzeugte Nationalsozialisten, aber anfängliche Sympathien für Hitlers Politik. Man war gegen den Versailler Vertrag. Antisemitische Tendenzen im nationalkonservativen Milieu erleichterten zusätzlich die Anpassung an die neuen Verhältnisse. Hammerstein streut immer wieder biographische Schilderungen ein, was sein Buch lebendiger und lesbarer werden läßt. Die Anpassungsfähigkeit von Forschern jener Generation verkörpert etwa Peter Adolf Thiessen, der 1935 die Leitung des traditionsreichen Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem übernahm. Bis 1945 bestimmte er als Fachspartenleiter der DFG und im Reichsforschungsrat die Förderpolitik im Dritten Reich mit. Nach 1945 erwarb er sich in der Sowjetunion und der DDR hohes Ansehen durch seine Arbeit in der Atomenergieforschung. So wurde denn dem langjährigen NSDAP-Mitglied später der Lenin-Orden verliehen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft war 1920 als "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft" gegründet worden - auf Initiative des damaligen Dahlemer KWI-Leiters Fritz Haber. Der Chemiker wollte die Zukunft der deutschen Wissenschaften in Zeiten politischer Unruhe und internationaler Ächtung sichern. Besonders Habers Karriere ist ein Spiegelbild verhängnisvoller deutscher Geschichte. Er war an der Entwicklung von Gaskampfstoffen beteiligt, die 1915 erstmals eingesetzt wurden. Dennoch wurde dem von den Alliierten als Kriegsverbrecher an den Pranger gestellten Haber 1919 für seine wissenschaftlichen Arbeiten der Nobelpreis verliehen. Er hatte sich entschieden, "im Frieden der Menschheit und im Kriege dem Vaterland zu dienen", schrieb er später einen denkwürdigen Satz. Doch sein vermeintlicher Patriotismus nutzte ihm am Ende wenig; denn er war jüdischer Abstammung und nicht nur deshalb den Nazis im Wege.

Habers Rücktritt als Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts und als Vizepräsident der DFG 1933 war eine Intrige und zeigte zugleich ein trauriges Einknicken langjähriger Weggefährten. Nach Gesprächen mit NS-getreuen Beamten aus dem preußischen Kultusministerium legte DFG-Präsident Friedrich Schmidt-Ott seinem Vize Haber den Rücktritt nahe, um weitere Übergriffe der Nazis auf die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (die Vorläuferin der Max-Planck-Gesellschaft) und die DFG zu verhindern. So konnten die Nazis das Dahlemer Institut mit ihrem Mann besetzen, dem Göttinger August Gerhard Jander, der - so die Ironie der Geschichte - an militärchemischen Forschungen arbeitete.

Und natürlich konnte sich auch die DFG nicht durch das Hinauskomplimentieren ihres Gründervaters vor dem Zugriff der neuen Herrscher sichern. Selbst Schmidt-Ott, der im Jahresbericht 1933 noch bekannt hatte, "daß ich hohe Bewunderung für den Führer hege, dem es gelungen ist, uns aus dem jahrhundertelangen elenden Parteiwesen herauszuretten und uns als Volk zusammenzuschmieden", wurde 1934 vom neuen Reichserziehungsminister Bernhard Rust gekippt und durch Johannes Stark ersetzt. Weder beim Kesseltreiben gegen Haber noch bei der Entmachtung Schmidt-Otts rührte sich erwähnenswerter Widerspruch. Die Ernennung des fanatischen Antisemiten Stark sollte durch die DFG-Mitglieder nachträglich abgesegnet werden. 49 der 55 abgegebenen Stimmen lauteten: ja. Nur die Universität München und vier wissenschaftliche Akademien stimmten dagegen.

Nun brachten die Nationalsozialisten die DFG auf Kurs. Das Führerprinzip ersetzte die Selbstverwaltung; Wahlen und eigenständige Fachausschüsse wurden abgeschafft. Im März 1937 wurde ein Reichsforschungsrat gegründet - als Reaktion auf die Forderung Hitlers auf dem Nürnberger Parteitag, die Wirtschaft müsse in vier Jahren kriegsfähig sein. Die DFG wurde mit der Geschäftsführung beauftragt und somit zu einer "Art Kasse und Gebührenabrechnungsstelle" reduziert, urteilt Hammerstein.

Doch zugleich war DFG-Präsident Rudolf Mentzel, der im Dezember 1936 Stark abgelöst hatte, eine zentrale Figur in der Wissenschaftspolitik des Dritten Reichs. In der Praxis wurde er der entscheidende Mann bei der Mittelvergabe. Alle von den einzelnen Fachsparten bearbeiteten Forschungsanträge gingen über seinen Schreibtisch.

1938 wurden auf diese Weise acht Millionen, 1940 sechs und 1942 neun Millionen Reichsmark verteilt. Leider gibt Notker Hammerstein keine zuverlässige Antwort auf die Frage, wie groß die Bedeutung der von DFG/Reichsforschungsrat geförderten Projekte für die Kriegsführung war.

Den größten Batzen erhielt regelmäßig die Fachsparte Landbauwissenschaft, was durchaus auch aus militärischer Perspektive Sinn ergab, wollte man doch in der Versorgung der Bevölkerung möglichst unabhängig vom Ausland sein. Da sich jedoch im bürokratischen Wirrwarr des NS-Regimes zahlreiche Stellen von Partei und Staat für die Wissenschaften verantwortlich fühlten und zudem die Wehrmacht auch eigene Forschungen betrieb, waren DFG/Reichsforschungsrat nur eins von mehreren Rädchen im Getriebe militärisch bedeutsamer Forschung. Erst im Angesicht der Niederlage befahl Hitler im Juni 1942, einen neuen Reichsforschungsrat zu gründen, der nun von Reichsmarschall Göring geleitet wurde und die Forschungsanstrengungen bündeln sollte. Die vom Autor erwähnte Zwangsforschung, zu der 1944 in Konzentrationslagern inhaftierte ausländische Mathematiker herangezogen wurden, hätte eine eingehendere Betrachtung verdient.

Daß die DFG im Dritten Reich nach den Worten von Wolfgang Frühwald eine Institution "mit nach außen glänzend polierter Oberfläche" war, unter der jedoch "nur noch Blut und Dreck" zum Vorschein kam, hat mit einem anderen dunklen Kapitel zu tun. Zu den Stellen, zu denen DFG-Präsident Mentzel Kontakt pflegte, gehörte das "Ahnenerbe" von SS-Führer Heinrich Himmler. Deren Generalsekretär, der nach 1945 zum Tode verurteilte Wolfram Sievers, war "Mentzels engster Mitarbeiter der letzten Jahre", schreibt Hammerstein. Die DFG unterstützte die pseudowissenschaftlichen Erb- und Rasseforschungen und wurde mitschuldig an verbrecherischen Experimenten mit KZ-Häftlingen. Auf der Empfängerliste von Fördergeldern stehen beispielsweise die SS-Ärzte Josef Mengele, Sigmund Rascher und August Hirt, die in den Konzentrationslagern Auschwitz, Dachau und Natzweiler Häftlinge bis zum Tode quälten.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft will verstärkt das "schuldhafte Handeln der deutschen Wissenschaft im Dritten Reich" aufarbeiten. Das wurde jetzt auf der Jahresversammlung in Bremen erneut betont. Auf einem Kolloquium soll demnächst erörtert werden, warum viele der Täter und Mitläufer unbestraft blieben.

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