Gesundheit : Frankreich: Nachbarschaftshilfe

Nicole Dörr

Wussten Sie, dass nicht die USA, sondern Frankreich Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Import und Export ist? Dann gehören Sie zu einer Minderheit. Bei einer Umfrage unter Studierenden der Freien Universität Berlin antwortete nur ein Prozent richtig. Derartige Informationsdefizite und das sinkende Interesse für Frankreich an den Hochschulen gaben den Anstoß zur ersten interdisziplinären Tagung deutscher Frankreichforscher an der Technischen Universität Berlin. Ein weiterer Grund sind neue Forschungsansätze angesichts der Europäisierung. 140 Wissenschaftler aus deutschen und französischen Unis und Forschungszentren kamen am Wochenende an der TU zusammen. Das Treffen gilt als Auftakt im Engagement Frankreichs für eine aktivere Hochschulpolitik.

"Am Wendepunkt der deutsch-französischen Beziehungen und ihrer Bedeutung für Europa suchen wir neue Wege der wissenschaftlichen Zusammenarbeit," so der Hochschulbeauftragte des Institut Français, Etienne Sur, der die Tagung gemeinsam mit dem Frankreichzentrum der TU organisierte. Mit mehr finanziellen Mitteln will die französische Botschaft den direkten Dialog und die Vernetzung deutscher und französischer Hochschulen fördern.

Bei dem Treffen saßen Nachwuchsforscher gleichberechtigt mit am runden Tisch. Neben Ökonomen und Juristen diskutierten Sozial- und Kommunikationswissenschafter, Philosophen, Literatur- und Musikwissenschaftler über Verbesserungsmöglichkeiten und Perspektiven ihrer Projekte. Besonders in den Medienwissenschaften besteht großer Forschungsbedarf.

"Noch immer spürt man hierzulande nichts davon, dass in Frankreich Europas mit Abstand größte Filmindustrie sitzt", sagte Professor Franz-Josef Albersmeier aus Bonn. Während Hollywood-Filme die Kinosääle füllen, ging das Interesse des Publikums am französischen Film in letzten zehn Jahren um das Zehnfache zurück. Aber auch in Frankreich liegt der Marktanteil deutscher Filme unter einem Prozent.

Die Kommunikationswissenschaften sollen jetzt stärker vernetzt werden, ähnlich, wie es beispielsweise im Bereich Wirtschaftswissenschaften schon geschieht. Zweimal pro Jahr treffen sich seit 1997 Ökonomen und Sozialwissenschaftler des staatsnahen französischen Forschungszentrum CEPII und des Zentrums für europäische Integrationsforschung in Bonn.

Dennoch gelten Frankreichspezialisten in der Ökonomie weiterhin als Exoten. Der Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, Henrik Uterwedde, stellte fest: "Die Einbeziehung von kulturwissenschaftlichen und länderspezifischen Fragestellungen fehlt bisher in der allgemein ausgerichteten angelsächsischen Wirtschaftslehre." Dabei habe die Forschung auch eine politische Funktion. "Die Suche nach der zukünftigen Wirtschafts- und Sozialordnung in Europa erzeugt einen enormen Bedarf nach bereichsübergreifenden deutsch-französischen Forschungsprojekten."

Als unabhängiges Dokumentations- und Forschungszentrum veranstaltet das Deutsch-Französische Institut seit 15 Jahren interdisziplinäre Wissenschaftlertreffen und vergibt an Diplomanden und Doktoranden Forschungstipendien in Ludwigsburg. Die Nachwuchswissenschaftlerin Mirjam Schaub von der Freien Universität forderte, die Computer der Universitäten im Internet zu vernetzen. "Aufgrund zurückgehender Sprachkenntnisse brauchen wir außerdem unbedingt mehr Übersetzungen."

Junge Soziologen wie Dietmar Wetzel von der Uni Freiburg beklagen, dass Frankreich in Lehrbüchern so gut wie nie erwähnt wird: "Grund dafür ist eine immer stärkere Orientierung an den USA, verstärkt noch durch die deutsch-französischen Differenzen des Nizza-Effekts." Über diese Kritik der Jüngeren freute sich Etienne François vom Frankreichzentrum der TU: "Der Generationswechsel in der Frankreichforschung fordert eine stärkere Inangriffnahme gemeinsamer Projekte."

In der Rechtswissenschaft findet schon jetzt ein reger Austausch statt. "Infolge des Praxisbedarfs an juristischen Forschungsarbeiten für EU-Richtlinien existiert bereits eine Fülle von vergleichenden deutsch-französischen Publikationen im Zivilrecht," sagte Professor Hans-Jürgen Sonnenberger aus München. Allerdings warnte er vor einer "Amerikanisierung" des europäischen Rechts. "In der europäischen Verfassungsdebatte spielt der deutsch-französische Dialog über die Vereinheitlichung des europäischen Rechts eine entscheidende Rolle." Der französische Botschafter Claude Martin äußerte sich zufrieden über die Konferenz. "Wir planen weitere Tagungen abwechselnd in Frankreich und Deutschland."

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