Gesundheit : Frauen im goldenen Käfig Wellesley

STEFFEN HERRMANN

Ein Studium an einem exklusiven amerikanischen Frauencollege ist nicht eben preiswert.Doch gilt es geradezu als Garantie für den späteren beruflichen ErfolgVON STEFFEN HERRMANNHillary Clinton, Nancy Reagan und die berühmte Frauenrechtlerin Betty Friedan haben eins gemeinsam: Sie haben an einem Elite-College nur für Frauen studiert.Das berühmteste in den USA heißt Wellesley und ist ein kleines neogotisches Paradies nahe Boston.Hörsäle, Bibliotheken und Wohnheime liegen in einer wunderschönen Parklandschaft.2300 Studentinnen aus aller Welt studieren hier unter Bedingungen, von denen sie in Deutschland nur träumen könnten: hervorragende Professoren, kleine Seminare, große Sportanlagen, rund um die Uhr geöffnete Bibliotheken, ein Professor oder eine Professorin kümmert sich um rund zehn Studentinnen. In den USA erleben Frauencolleges einen Boom.An 84 Instituten werden Männer nur als Lehrer oder kurzer Besuch geduldet.Leistungsorientierte Frauen aus aller Welt hoffen, durch ein Studium unter Geschlechtsgenossinnen ihre Berufschancen zu verbessern.Studien haben gezeigt, daß die Absolventinnen doppelt so häufig Karriere machen wie Frauen, die an gemischtgeschlechtlichen Universitäten studieren: Karrieren an der Wall Street, in der Wissenschaft oder in den Vorständen großer Firmen.Jede dritte Frau, die es dorthin schafft, hat an einem Frauencollege studiert. Elke Schmeling, die hier seit einem Jahr Psychologie, Film und Russisch studiert, gefällt es "im goldenen Käfig Wellesley" mit seinen Parkettfußböden, wandhohen Flügeltüren und malerischen Porträts von wohltätigen Ehemaligen."So viele internationale Freundinnen und interessante Seminare hätte ich zu Hause nie gefunden.Aber ich muß schon aufpassen, daß mir der Bezug zur Realität nicht verloren geht." Über ein Austauschprogramm der Universität Konstanz ist sie in die USA gekommen."Sonst hätte ich mir das nie im Leben leisten können", sagt sie.Denn ein Jahr inklusive Unterbringung kostet hier 27 700 Dollar.Ähnlich teuer ist das Studium an anderen Fraueninstituten, die zu den 25 besten Colleges der USA zählen: Bryn Mawr, Smith College und Mount Holyoke.Sie alle liegen an der vornehmen amerikanischen Ostküste. Seit 1991 ist die Zahl der Bewerbungen an diesen Colleges um durchschnittlich 14 Prozent gestiegen.Wellesley hat gar ein Plus von 30 Prozent zu verzeichnen."Das liegt sicher auch am Hillary-Faktor", sagt Präsidentin Diana Chapman Walsh.Doch das am Lake Waban gelegene Wellesley kann nicht nur damit werben, schon einmal eine zukünftige First Lady ins Leben entlassen zu haben.Auch US-Außenministerin Madeleine Albright gehört zu den Absolventinnen. Vor dem College-eigenen Museum bummeln zwei Pärchen.Obwohl die Mädchen das Studieren in flirtfreier Zone ohne ständigen Attraktivitätszwang "bequem" finden, ist die Schule kein Kloster.Viele Studentinnen kommen aus behüteten Elternhäusern und genießen das freizügige College-Leben.Die wöchentlichen Parties während des Semesters sind legendär.Und der gleiche Bus, der während der Woche fleißige Studentinnen nach Harvard und ans Massachusetts Institute of Technology fährt, bringt am Wochenende herausgeputzte Frauen ins heiße Bostoner Nachtleben. "Wir wollen Frauen erziehen, deren Existenz Spuren hinterläßt", sagt unterdessen die dynamische Wellesley-Präsidentin Chapman Wash.Die Absolventinnen der Fraueninstitute sind dafür bekannt, daß sie couragiert sind und wortgewandt Position beziehen."Wir werden hier mit Selbstbewußtsein vollgepumpt", bestätigt Elke. Die Geschichte der Frauenunis beginnt im 19.Jahrhundert.Als Reaktion auf die traditionell männlich dominierte Akademikerwelt sollten sie Frauen eine vergleichbare Ausbildung ermöglichen.Denn erst 1972 zwang ein Gesetz altehrwürdige Institute wie Harvard und Yale, auch Frauen zuzulassen.Das führte damals zu einer Krise der Frauencolleges, weil die Frauen sich sofort von ihnen abwandten und die Edel-Universitäten stürmten.Zur Renaissance der Frauencolleges trägt heute auch eine Studie der "American Association of University Women" bei.Sie ergab, daß Mädchen in der Schule die besseren Noten bekämen, Lehrer aber den Jungen mehr Aufmerksamkeit widmeten und sie häufiger ermutigten.Entsprechend hätten Mädchen nach Abschluß ihrer Ausbildung an einer gemischten Schule niedrigere Erwartungen an ihre Karriere als beim Start.Anders in Wellesley: Jede Studentin wird im "Career-Center" auf Praktika und Bewerbungsgespräche vorbereitet - oft bei Ehemaligen, die heute in den Chefetagen sitzen wie Shirley Young, Vizepräsidentin von General Motors, oder Lois Juliber, Marketingchefin von Colgate-Palmolive. Wellesley ist aber nicht nur wissenschaftlich Spitze.In drei Mensen kann frau zwischen zehn Salatsaucen und zwölf Eissorten wählen."Ich habe einen Segel- und einen Ruderkurs gemacht und spiele regelmäßig Tennis und Squash", sagt Elke überdies.Jetzt lernt sie Russisch und unterrichtet Deutsch."Als Muttersprachlerin bin ich eine gern gesehene Hilfskraft." Nur eins stört die Heilbronnerin, die am liebsten in den USA bleiben würde: "Bloß drei Tage am Stück darf mein Freund zu Besuch kommen." So schreibt es die Collegeordnung vor.Wenn Besuch da ist, warnt ein Schild an der Gemeinschaftstoilette: "Achtung! Männer!"

0 Kommentare

Neuester Kommentar