Gesundheit : Freier forschen mit Stammzellen Wissenschaftler: Gesetze lockern

Adelheid Müller-Lissner

Führende deutsche Wissenschaftler fordern, freier mit embryonalen Stammzellen forschen zu dürfen. Andernfalls werde Deutschland den Anschluss an die internationale Spitzenforschung verlieren. „Wir Deutschen arbeiten mit alten embryonalen Stammzellen, die in den Labors anderer Länder gar nicht mehr gebraucht werden“, kritisierte Jürgen Hescheler, Direktor des Instituts für Neurophysiologie der Uni Köln, auf dem diesjährigen Forum der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin in Berlin.

Deutsche Wissenschaftler dürfen nach einer Sondergenehmigung nur mit Linien von embryonalen Stammzellen arbeiten, die vor dem Stichtag 1.1.2002 gewonnen wurden. In diese Zellen hätten sich aber Eiweiße von der Maus und genetische Defekte eingeschlichen, sagte Hescheler. „Sie sind mit Zusätzen hergestellt, die heute nicht mehr üblich sind und könnten deshalb beim Menschen nie eingesetzt werden“, ergänzte Frank Emmrich, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Klinische Immunologie in Leipzig. Das sei für die Forscher demotivierend. Hescheler plädierte für eine einheitliche europäische Gesetzgebung. „In Deutschland ist die Atmosphäre für Wissenschaftler, die mit embryonalen Stammzellen forschen, diskriminierend, in England gilt inzwischen eher als Exzentriker, wer mit dieser Forschung nicht einverstanden ist“, berichtete Miodrag Stojkovic von der Universität in Newcastle, der zuvor in München gearbeitet hatte.

Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster wies darauf hin, dass beide Arten von Stammzellen, die adulten und die embryonalen, sich in ihren Möglichkeiten ergänzen. „Das ist für die Ausschöpfung des therapeutischen Potenzials nur förderlich. Wenn man sie aber gegeneinander ausspielt, wird unter Umständen schlechte Forschung mit den adulten Stammzellen nur aus Gründen politischer Korrektheit gefördert.“ Für die Forschung mit adulten Stammzellen, also Stammzellen aus dem Knochenmark oder dem Blut eines Kranken, gelten in Deutschland weniger strenge Auflagen als für die umstrittenen embryonalen Stammzellen. Schöler forderte die Politiker auf, sich zunächst einmal anzuhören, welche Ziele die Stammzellforscher verfolgten, anstatt von sich aus Vorgaben zu machen.

Versprechungen auf schnelle Heilung schwerer, bisher unheilbarer Leiden seien da allerdings kontraproduktiv. „Wir müssen die grundlegenden Mechanismen noch besser verstehen, bis zur klinischen Anwendung der embryonalen Stammzellen werden sicher noch fünf bis zehn Jahre vergehen“, meinte Hescheler.

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