Gesundheit : Fritz Stern: Deutsche Geschichte mit wachen Augen verfolgt

Peter Steinbach

Fritz Sterns Studien zu Illiberalität in der deutschen Geschichte begleiteten in den siebziger Jahren Versuche jener Historiker, die in der historischen Bildung eine Voraussetzung für die Fähigkeit erblickten, politisch verantwortlich zu gestalten. Damals beeinflusste Stern so gegensätzliche Historiker wie Hans-Ulrich Wehler und Michael Stürmer. Wer konnte das von sich sagen? Wie, fragte man sich, ist es möglich, dass ein Zeitgenosse, der Zeit seines Lebens die Folgen der nationalsozialistischen Zeit zu tragen hatte, sich in einer nicht selten abgeklärt wirkenden Weise um die deutsche Geschichte bemüht und dazu beiträgt, dass man sie gerade dort besser versteht, wo man Deutschland gegenüber kritisch ist?

Fritz Stern gehört wie Gordon Craig oder Hajo Holborn zu den amerikanischen Historikern, ohne die man sich die Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft nicht vorstellen kann. Alle, die ihnen begegneten, bewunderten nicht nur ihre tiefe historische Bildung, die sich nie belehrend artikulierte, sondern ihren Willen zur historisch reflektierten Pragmatik. Geschichte war keine antiquarische Bemühung um die Vergangenheit, sondern Ausdruck des Willens zur politischen Aufklärung. So wirkten die deutsch-amerikanischen Historiker stilbildend.

Fritz Stern war ein ständiger Vermittler deutscher Empfindungen und auch politischer Interessen, und dies in einem doppelten Sinne. Er vermittelte in seinem akademischen Wirkungskreis, der renommierten University of Columbia, amerikanischen Studenten die deutsche Geschichte. Und zugleich versuchte er, die Gegenwart der Deutschen nach 1949 als Folge eines erfolgreich überwundenen Sonderwegs, der in die Katastrophe des Jahres 1933 geführt hatte, zu interpretieren. Stern trug 1989/1990 so in besonderem Maße dazu bei, bei den berühmten Gesprächen der britischen Premierministerin Margaret Thatcher mit Historikern, die Vereinigungsgegnerin davon zu überzeugen, dass ein neues Deutschland keine Gefahr mehr verkörpere, ja dass die Vereinigung als Chance für Europa zu sehen sei. Er blieb dennoch ein kritischer Beobachter der deutschen Entwicklung. 1994 äußerte Fritz Stern in der "Zeit" seine Besorgnis über den Grad der Bedrücktheit in Deutschland nach der Wiedervereinigung und den Mangel an Aufbruchstimmung.

Stern gilt nach wie vor als ein gesuchter Berater. Immer macht er viele Facetten eines Problems sichtbar, beeinflusst durch seine Denkweise, nicht durch seine Suggestionskraft. Er ist, wie ein Kollege einmal während eines Vortrags sagte, ein "Herr". Stern will durch Reflexionen, an denen er seine Zuhörer beteiligt, überzeugen. Letztlich aber muss jeder Satz seinen eigenen Qualitätsmaßstäben genügen. Die sind hoch, wie die glänzende Darstellung der Geschichte von Bismarck und Bleichröder, Bismarcks Bankier, zeigt. Aber auch dieser Klassiker der biografischen Geschichtswissenschaft verdeutlicht, dass es Stern um die Geschichte politischer Kultur der Deutschen geht. Er sucht nach Alternativen deutscher Illiberalität, denn er konnte sich niemals mit der gouvernementalen Fixiertheit mancher Historiker anfreunden. Stern weiß, dass vor allem Individuen - etwa Walter Rathenau, etwa Albert Einstein - diese Alternativen verkörperten.

Die deutsche Geschichte folgte also keiner Zwangsläufigkeit, sondern ist das Ergebnis von Entscheidungen aus freiem Willen. Diese Willensfreiheit begründet die Verantwortlichkeit der Eliten - in welchem Lager auch immer - die tragfähigen Elemente politischer Kultur vielleicht sogar gegen jene zu verteidigen, die sich nur zu ihnen bekennen und sie dennoch verraten. Deshalb sympathisiert Stern mit dem deutschen Liberalismus, deshalb fasziniert ihn auch der Weg der Sozialdemokratie in die Verantwortung.

Fritz Stern, vor 75 Jahren in Breslau geboren, emegrierte als Jude in der Zeit des Nationalsozialismus 1938 mit seinen Eltern in die USA. Er stammte aus einer berühmten Familie: Sein Vater war Professor für Medizin, sein Patenonkel der Nobelpreisträger Fritz Haber. In den USA wurde Fritz Stern zu einem der führenden Vertreter deutscher Geschichte. Er ist ein Glücksfall für die Deutschen. Deren Entwicklung haben Sterns ebenso wache wie verschmitzte und nicht selten auch verständnisvolle Augen kritisch begleitet. Es ist zu wünschen, dass Fritz Stern den Deutschen noch oft die Leviten lesen kann wie in seiner denkwürdigen Rede zum 17. Juni 1953, die er 1987 im Deutschen Bundestag hielt. Damals stellte er heraus, dass der 17.Juni kein Aufstand für die Wiedervereinigung gewesen sei, sondern ein "Aufstand für ein besseres, ein freieres Leben".

Stern wurde vielfach geehrt: seit 1994 ist er Träger des Ordens pour le mérite, im Jahr 1999 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wir wünschen Fritz Stern, dass sich sein Vertrauen in die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit bewährt. Heute feiert er seinen 75. Geburtstag. Wer ihn kennt, mag das nicht glauben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar