Gesundheit : Für jedes Kind Unterricht in der Muttersprache

Tilmann Warnecke

Wie eine Gesellschaft mit ihren Immigranten umgeht, zeigt sich oft an Kleinigkeiten. Im 25. New Yorker District beispielsweise leben viele Einwanderer aus Südkorea, die häufig mit der gesamten Familie zum Verwandtenbesuch nach Asien aufbrechen - egal ob die Kinder nun gerade Ferien haben oder nicht. Ein Problem, dass manchem Kreuzberger Lehrer von türkischen Schülern bekannt sein dürfte. Unaufholbare Versäumnisse sind da vorprogrammiert. Nicht so in New York: Die Schüler bekommen für die Zeit in Korea ein Paket mit Lehrstoff in die Hand, das sie bei der Rückkehr ihrem Lehrer bearbeitet vorlegen müssen.

Von den über eine Million New Yorker Schülern ist jeder Dreizehnte erst in den letzten drei Jahren nach Amerika gekommen, wie der New Yorker Schulsenator Harold Levy anlässlich eines Vortrags über das New Yorker Schulsystem in der Berliner American Academy sagte. Tests unter den Einwanderer-Kindern haben erwiesen, dass diese zu fast zwei Dritteln "praktisch Analphabeten" sind, wenn es um die englische Sprache geht. Gerade angesichts der Terroranschläge vom 11. September sei es nötig, so Levy, die Einwanderer aktiv in die Gesellschaft mit einzubeziehen. "Wir wollen, dass alle unsere Schüler unabhängige, kritische Bürger werden."

Mangelnde Sprachkenntnisse sind da oft das erste Hindernis. Hier geht New York seit zwei Jahren neue Wege. Alle Schüler müssen sich einem Test unterziehen, in dem ihre Englisch-Kenntnisse geprüft werden. Wer diesen nicht besteht, beginnt seine Schullaufbahn auf zweisprachigen Schulen. 160 000 Schüler lernen inwischen in diesen Klassen. Der gesamte Unterricht beginnt in der Muttersprache der Kinder, was in einer Stadt wie New York mit 140 Sprachen durchaus Probleme darstellt. Neben Spanisch müssen auch Sprachen wie Koreanisch, Italienisch, Chinesisch oder das Englisch der Karibik-Inseln angeboten werden. Sukzessive wird der Anteil des Englischen im Unterricht erhöht. Ziel ist es, die Schüler nach drei Jahren in allgemeine Englisch-Klassen zu übergeben. Darüber hinaus bietet New York Schulen mit intensiviertem Englisch-Unterricht an. In Wochenendklassen und Ferienkursen können Schüler ihre Englisch-Defizite ebenfalls aufarbeiten.

"Wir wollen den Eltern helfen, ihre Kinder zu erziehen, nicht aber sie ersetzen", sagt Levy. Einwandererfamilien werden deshalb mithilfe von Prospekten und Videos über die Schulangebote für ihre Kinder informiert. "So signalisieren wir den Eltern, dass wir von ihnen eine schulische Unterstützung ihrer Kinder erwarten."

Allerdings sind auch in New York den Integrationsbemühungen finanzielle Grenzen gesetzt. So würde Levy gerne mehr Wochenendklassen und Sommerkurse für die Englisch-Nachhilfe anbieten; das Geld dafür ist nicht vorhanden. Und schließlich finden sich selbst im Schmelztiegel New York nicht genügend Lehrer, die qualifizierten zweisprachigen Unterricht geben können. Deswegen will die Stadt weltweit 700 Lehrer anwerben. Dafür rührte der Schulsenator vor seinem Berliner Publikum höchstpersönlich die Werbetrommel: "Wer eine Lehrerausbildung hat und sich deutsch-englischen Unterricht zutraut, kann gleich mit nach New York kommen."

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