Fürst-Donnersmarck-Stiftung : Hirnforschung: Noch einmal leben lernen

Für Menschen mit schweren Hirnverletzungen sind schon alltägliche Verrichtungen ein großes Problem Am P.A.N.-Zentrum der Fürst-Donnersmarck-Stiftung in Frohnau wird ihnen geholfen

Adelheid Müller-Lissner

Darf man diese Geschichte mit der Feststellung beginnen, dass ihre Protagonistin großes Glück gehabt hat? Schließlich fängt alles damit an, dass die damals 25-jährige Studentin Verena P. Ende Januar 2005 auf eisglatter Fahrbahn einen schweren Autounfall hatte. Sie wurde mit einem Schädel-Hirn-Trauma in das Unfallkrankenhaus Berlin eingeliefert und verbrachte dort zunächst einen ganzen Monat im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Nach dem Krankenhaus kam die mehrere Monate lange Behandlung in einer Reha-Klinik. Aber anders als etwa der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus konnte die junge Frau nach der Reha trotzdem nicht sprechen, nicht laufen und sich nur sehr schwer neue Dinge merken. Wo und wie sollte sie von nun an leben? Führte überhaupt irgendein Weg am Pflegeheim vorbei? Was würde sie lernen können, welche Fortschritte waren überhaupt noch möglich?

Nun ist es doch an der Zeit, von Glück zu sprechen. Verena P. lebt heute in ihrer eigenen Wohnung in Berlin, sie arbeitet bei der Deutschen Rentenversicherung und kann dort auch ihren Studienabschluss machen. Man merkt der hübschen, modisch gekleideten jungen Frau mit den langen braunen Locken nichts an: Sie läuft, spricht und gestikuliert ganz normal.

Ihr Glück bestand zunächst darin, dass sie bei dem Unfall noch jung war. Dank der größeren Plastizität der Gehirnstrukturen sind Lernprozesse bei jüngeren Menschen leichter anzustoßen. Wenn Neurologen nach einer Verletzung des Gehirns die Prognose einschätzen sollen, schauen sie zuerst auf das Alter. Als Glücksfall erwies sich aber auch, dass Verena P. engagierte Eltern hat, die nicht locker ließen und eine Einrichtung suchten, in der die Rehabilitation weitergehen konnte. So bekam sie einen Platz im Bereich Befristetes Wohnen – Rehabilitation des Fürst-Donnersmarck-Hauses in Frohnau.

Wenn es Hoffnung auf Besserung gibt, dann rechnet man dort eher in Jahren als in Monaten. Verena P. hat fast drei Jahre ihres Lebens in Frohnau verbracht, zuerst in einer Wohngruppe, dann zum Üben in einem eigenen Apartment. Sie kennt die nähere Umgebung ziemlich gut, schließlich fanden dort ihre ersten Spaziergänge und Einkaufstouren statt.

„Unser Ziel ist, dass unsere Patienten nicht in einem Pflegeheim landen, sondern dass sie wieder selbstständig wohnen oder vielleicht sogar wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Dafür möchten wir ihnen Brücken bauen“, sagt Stephan Bamborschke. Der Professor für Neurologie und Psychiatrie ist neuer Leiter der Einrichtung, die inzwischen den Namen „P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation“ trägt. Sie gehört der 1916 gegründeten Fürst-Donnersmarck-Stiftung zu Berlin, die sich die Rehabilitation von Menschen mit Behinderung zum Ziel gesetzt hat. Hier geht es um Menschen, deren Gehirn von einer Infektion, einem Tumor, einem Unfall oder einem Schlaganfall geschädigt wurde.

Für die meisten, die hier leben, ist es ein langer Weg. „Wir setzen uns Etappenziele, und wir müssen die große Zielrichtung manchmal auch ändern“, so Stephan Bamborschke. In einigen Fällen kann auch nur ein Ort gefunden werden, an dem das möglich ist, was im Amtsdeutsch „zustandserhaltende Pflege“ heißt.

270 000 Menschen erleiden nach Angaben der Hannelore-Kohl-Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems in jedem Jahr in Deutschland eine Verletzung des Schädels und des Gehirns. Die Hälfte von ihnen ist unter 25 Jahre alt. 30 bis 40 Prozent der Menschen, die ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erleiden, überleben es nicht. In der Gruppe der unter 45-Jährigen ist das heute die häufigste Todesursache.

Man weiß inzwischen, dass es wichtig ist, mit der Rehabilitation sehr früh zu beginnen, nach Möglichkeit schon auf der Intensivstation. Langfristige Vorhersagen sind aber extrem schwierig: Welche Lähmungen, welche Beeinträchtigungen des Denkens und Planens werden bleiben, wie werden sich Aufmerksamkeit und Gedächtnis verbessern? Schon seit längerem ist klar, dass die Fortschritte, die innerhalb der ersten drei Monate gemacht werden, für die Prognose besonders wichtig sind.

Im P.A.N.-Zentrum werden dafür unterschiedliche Therapiepläne aufgestellt. An allen ist ein interdisziplinäres Team beteiligt. Neben Pflegekräften, Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Psychologen gehören auch geschulte Neuro-Pädagogen dazu. Sie treffen sich mit den Patienten, die man hier lieber Klienten nennt, zu Therapiestunden und üben mit ihnen Alltagskompetenzen anhand ohnehin anfallender Aufgaben wie Tischdecken oder Wäschewaschen.

Geduld und das Denken in größeren Zeiträumen wird aber vor allem von den Bewohnern des Zentrums und von ihren Angehörigen verlangt. „Es besteht immer wieder die Gefahr, dass die Patienten sich überfordert fühlen und in eine Depression abgleiten“, sagt Bamborschke. In vielen Fällen kann dann neben der psychologischen Betreuung auch mit Medikamenten geholfen und eine neue Basis für die Behandlung geschaffen werden.

Auch die Angehörigen durchleben eine schwierige Zeit und brauchen immer wieder Gespräche und Betreuung. Der Vater und zeitweilige gesetzliche Betreuer von Verena P. hat Schritt für Schritt mitverfolgt, wie seine erwachsene Tochter elementare Fähigkeiten ganz neu erlernte. Sie war zum zweiten Mal Kind geworden. „Immerhin“, sagt er, „ging es diesmal ein bisschen schneller, bis ich sie groß hatte.“

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