Gesundheit : Gameboy fürs Gehirn

TV und Computerspiele machen nicht dumm, sondern beflügeln den Geist – sagt US-Autor Steven Johnson

Bas Kast,Hartmut Wewetzer

Die Spaßgesellschaft lässt uns verblöden. Die Massen dämmern vor dem Fernseher dahin, narkotisiert von Talkshows, Reality-TV, Seifenopern und chronischer Werbe-Berieselung. Während wir Erwachsenen geistig und körperlich degenerieren, werden unsere Kinder mit Computerspielen gewalttätig gemacht. „Wir amüsieren uns zu Tode“, behauptete der amerikanische Medienkritiker Neil Postman schon 1985.

Und das kann man wortwörtlich nehmen, folgt man dem Ulmer Nervenarzt Manfred Spitzer. In seinem Buch „Vorsicht Bildschirm!“ behauptet der Neurologe, Bewegungsmangel, schlechte Ernährung und Rauchen infolge von Fernsehen würden vom Jahr 2020 an zu jährlich 40000 Toten führen. Mindestens. Nicht zu vergessen die „einige hundert Morde“ pro Jahr auf Grund von Gewaltdarstellungen im Fernsehen und in Computerspielen. Insbesondere aber leide die Intelligenz unter der Dauerberieselung.

Alles Unsinn, hält nun der US-Journalist Steven Johnson dagegen. Johnson glaubt, der angeblich so schlimme Medienkonsum mache die Menschen in Wahrheit gar nicht dümmer, sondern genau umgekehrt: Die Glotze beflügele geradezu unseren Geist. Eine steile These, und nicht unbedingt politisch korrekt. Kein Wunder also, dass Johnsons neues Buch „Everything Bad is Good for You“ in den USA die Gemüter erregt. „Der kulturelle Wettlauf nach unten ist ein Mythos“, widerspricht der Medienoptimist Johnson den Kassandrarufern und ist überzeugt: „Wir leben nicht in einer Welt voller billiger Vergnügungen, die verblasst gegenüber dem intellektuellen Reichtum vergangener Tage.“

Beispiel Computerspiele. Dem verbreiteten Klischee von den primitiven und gewalttätig machenden Ballerspielen hält Johnson entgegen, dass die meistverkauften Spiele wie „Die Sims“ oder „Age of Empires“ alles andere als „simpel“ sind. Der Spieler müsse komplizierte Aufgaben lösen, die Regeln verstehen, die hinter dem Spiel stehen und sich mit der künstlichen Intelligenz des Computers messen. Er müsse in schwierigen und sich schnell ändernden Situationen richtig reagieren. „Kollateral-Lernen“ nennt Johnson das.

Beispiel Fernsehen. Das TV stelle uns zwar vor nicht ganz so große Herausforderungen wie ein interaktives Videospiel. Dennoch gelangt Johnson zum Schluss, dass auch Fernsehserien in den letzten Jahrzehnten eine Evolution durchgemacht haben. Serien wie „Desperate Housewives“, „Emergency Room“ oder „24“ lassen mehrere Handlungsstränge parallel laufen und entspinnen vielschichtige Netzwerke von Personen und Beziehungen. Wer sich nicht konzentriere, verliere den Faden. Selbst moderne Reality-Shows würden den Zuschauer einbinden und so dessen emotionale Intelligenz schärfen. Johnson nennt das „soziales Schach“. Wer erinnert sich nicht an die Diskussionen um „Deutschland sucht den Superstar“, als der bis dahin völlig unbekannte Daniel Küblbock zu Ruhm kam – nicht als Sänger, sondern als Mensch?

Beispiel Internet. Einst dafür gescholten, dass es die Menschen vereinsamen lässt, ist es heute das Kommunikationsmedium par excellence, dient Millionen Menschen zur Selbstdarstellung und ist zudem zur wichtigsten Informationsquelle geworden.

Rückendeckung bekommt der Autor Johnson nicht zuletzt von Beobachtungen, die zeigen, dass der IQ in den Industrieländern seit den 50er Jahren stetig gestiegen ist, und zwar um ganze 15 Punkte – man spricht auch vom „Flynn-Effekt“, benannt nach dem amerikanischen Philosophen James Flynn. Für Johnson ist es keine Frage, dass nicht etwa bessere Ernährung die Menschen schlauer gemacht hat. Es war vielmehr ihre „mentale“ Diät, sprich: die größere Herausforderung durch die Popmedien Fernsehen, Computerspiel und Internet.

Doch selbst wenn Johnsons Analyse zutreffen sollte, es gibt erste Anzeichen dafür, dass der Flynn-Effekt seinen Zenit allmählich überschritten hat. Der Grund: „Es gibt immer weniger Verbesserungen der Übungsmöglichkeiten“, sagt die Lernwissenschaftlerin Elsbeth Stern vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. So wird unser räumlich-visuelles Vorstellungsvermögen durch 20 zusätzliche Computerspiele nicht noch weiter gefördert, wenn es bereits 500 Computerspiele gibt. Unser Gehirn ist gesättigt, der beflügelnde Flynn-Effekt ausgereizt.

Andere sehen den IQ neuerdings sogar im Sinkflug, zumindest in Deutschland, wo über 40 Prozent der Akademikerinnen keine Kinder mehr bekommen. Da die Intelligenz teilweise von den Genen abhängt, die Gene von Akademikern aber immer häufiger in der evolutionären Sackgasse enden, werde die Intelligenz bei uns, trotz visueller Stimulation, in Zukunft eher nach unten gehen, befürchtet der Leipziger IQ-Forscher Volkmar Weiss: „Wenn es uns nicht gelingt, Akademikerinnen auch mit Kindern eine Berufsarbeit möglich zu machen, wie in Skandinavien, sehe ich schwarz.“

Ein Indikator für den drohenden Untergang seien die schwachen Pisa-Ergebnisse hierzulande, die sich, so Weiss, „geradezu im Handumdrehen in IQ-Ergebnisse umrechnen lassen“. Ein Vergleich der Resultate der beiden Pisa-Erhebungen von 2000 und 2003 ergäbe, dass der IQ der Kinder hierzulande in nur drei Jahren um zwei Punkte abgerutscht sei. Gemessen an den Spitzenländern hinke unser IQ um ganze sieben Punkte hinterher.

Eine kühne Rechnung, wie die Lernforscherin Stern findet. „Bei Pisa geht es darum, das in der Schule erworbene Wissen in neuen Situationen anzuwenden“, sagt Stern. „Der IQ spielt zwar eine Rolle, aber wenn das Wissen schlicht fehlt, dann scheitert auch ein noch so intelligentes Kind.“

Wer die Intelligenz fördern wolle, sollte darum am besten in brauchbares Wissen investieren. Das gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene. „So genanntes Gehirnjogging nützt nichts“, sagt Stern. „Wenn Sie IQ-Aufgaben üben, schneiden sie etwas besser beim IQ-Test ab, nicht aber generell bei geistigen Anforderungen.“ Da komme man mit Lesen und Studieren bedeutend weiter.

Und, vielleicht, mit einem Videospiel dann und wann.

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