Gesundheit : Gefährliche Globetrotter

Mücken verbreiteten das West-Nil-Virus in kürzester Zeit über einen ganzen Kontinent

Hermann Feldmeier

Noch nie hat sich in Nordamerika ein neuer Krankheitserreger so rasch ausgebreitet wie das West-Nil-Virus (WNV). Das in Afrika und im Mittleren Osten verbreitete Virus erregte erstmals im Sommer 1999 Aufsehen. Damals erkrankte plötzlich ein Dutzend älterer Menschen im New Yorker Stadtteil Queens an einer ungewöhnlichen Gehirnentzündung. Nahezu gleichzeitig fielen scharenweise tote Krähen vom Himmel.

Und im nahe gelegenen Zoo in der Bronx starben so unterschiedliche Vogelarten wie chilenische Flamingos, Guano- Kormorane und Weißkopfseeadler, ohne dass sich die eilends hinzugezogenen Tierärzte einen Reim darauf machen konnten. Wie sich im Nachhinein herausstellte, waren sowohl die Menschen als auch die Tiere Opfer einer Infektion mit dem WNV.

Der Erreger gehört zu den Flavi-Viren. Sie werden ausschließlich von Stechmücken übertragen. Hofften die Gesundheitsbehörden anfangs noch, der Seuche durch drastische Mückenbekämpfungsmaßnahmen wie dem Giftsprühen Herr werden zu können, so ist mittlerweile klar, dass der Kampf verloren ist. Trotz Aufwendungen von mehreren hundert Millionen Dollar hat sich der Erreger von New York aus zuerst nach Süden und dann nach Norden und Westen unaufhaltsam ausgebreitet.

2001 traten die ersten Fälle in Florida auf, ein Jahr später erreichte der Erreger die Bundesstaaten westlich der Rocky Mountains. 2003 wurde das West-Nil- Fieber in Kanada beobachtet, und im letzten Sommer fiel die erste mit WNV infizierte Krähe tot auf mexikanisches Territorium.

Zwei Erklärungen hatten die Infektionsmediziner parat, um den ungewöhnlichen Siegeszug zu erklären. Nach der einen Hypothese war das Zusammentreffen eines neuen Erregers mit einer ungeschützten Wirtspopulation der Schlüssel für die rasante Ausbreitung. Denn in Amerika hatten sich weder Vögel noch Säugetiere je mit dem WNV auseinander setzen müssen, ihre Abwehrkräfte also auch nicht entsprechend geschult. Für andere Wissenschaftler erklärte das simple Zusammentreffen eines gefährlichen Virus mit der Stechmücke Culex pipiens den Erfolg von WNV auf dem amerikanischen Kontinent.

Blutsaugende Stechmückenarten unterscheiden sich nämlich enorm in ihrer Fähigkeit, einen bestimmten Erreger zu übertragen, genannt Vektorkompetenz. Diese kann zwischen 100 Prozent – dann wird quasi bei jeder Blutmahlzeit auch das Virus übertragen – oder null schwanken. Allerdings gibt es selbst innerhalb einer Spezies erhebliche Unterschiede in der Vektorkompetenz.

So auch bei Culex pipiens, einer Mücke, die überall auf der Welt gleich aussieht. Spielarten des Moskitos unterscheiden sich gleichwohl in kurzen Gensequenzen. Während in Mittel- und Nordeuropa entweder Culex pipiens sensu strictu oder Culex pipiens molestus vorkommt, sind in den USA etwa 40 Prozent aller Culexmücken Hybride einer „Hochzeit“ der beiden Spielarten. Ein winziger, für die Verbreitung des WNV allerdings entscheidender Unterschied.

Denn während die ursprünglichen Arten Blut ausschließlich von Vögeln oder von Säugetieren saugen, haben die Hybride keine klare Präferenz. „Eine solche Mücke sticht heute einen Vogel und morgen einen Menschen“, sagt Dina Fonseca vom Smithonian Museum of Natural History in New York, „und garantiert damit eine rasche geografische Ausbreitung des WNV.“

Mücken, die nur Säugetiere stechen, sind dagegen kein Risiko: nur bei Vögeln sind genug Viren im Blut, um eine Übertragung des Erregers zu garantieren.

Die Beobachtungen der Entomologin aus New York erklären auch, warum es in Südfrankreich schon einige Male kleinere Ausbrüche von West-Nil-Fieber gegeben hat. Dort sind nämlich zehn Prozent aller Culexmücken Hybride und können so die Infektion von erkrankten Zugvögeln auf die heimische Säugetierpopulation übertragen. Im übrigen Europa kommt die „promiskuitive“ Variante dagegen nur selten vor.

Das ohnehin schon trickreiche WNV hat noch weitere Überraschungen in petto. So wurde schnell klar, dass der Erreger auch über das Blut infizierter, aber noch nicht erkrankter Menschen übertragen werden kann.

In zahlreichen Fällen wurden Menschen durch Bluttransfusionen infiziert, und auch nach Organtransplantationen ist das West-Nil-Fieber aufgetreten. Deshalb werden in den USA mittlerweile alle Blutspender auf eine WNV-Infektion untersucht.

In Deutschland gilt, dass Personen, die sich zwischen dem 1. Juni und dem 30. November in Nord- oder Mittelamerika aufgehalten haben, vier Wochen nach ihrer Rückkehr kein Blut spenden dürfen. Das betrifft Kanada, die USA und Mexiko.

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