Gesundheit : Gefahr für Maja

Eingeschleppte Parasiten bedrohen die heimischen Honigbienen. Forscher suchen nach Gegenmitteln

Frank Schubert

Die Milbe heißt Varroa destructor, stammt aus Südostasien, ist gerade einmal anderthalb Millimeter groß – und eine Plage. Denn sie bedroht die Existenz der Honigbiene in Deutschland. Die winzigen Parasiten schieben sich zwischen die Bauch- oder Rückenschuppen der Honigbienen, bohren sich durch deren Körperdecke und saugen ihr Blut, die Hämolymphe. Die Insekten überstehen das nicht, und mitunter gehen ganze Bienenvölker durch den Befall mit Milben zugrunde.

„Jedes Jahr verursachen die Milben in Deutschland einen Schaden von etwa 15 Millionen Euro“, sagt Eva Rademacher von der Freien Universität Berlin. Diese Summe beziffert nur die direkten Verluste durch Vernichtung von Bienen und durch Ausfälle in der Honigproduktion. Hinzu kommt, dass die getöteten Bienen keine Pflanzen mehr bestäuben können und unzählige Gewächse deshalb keine Früchte mehr tragen, sagt die Biologin. Etwa 80 Prozent der insektenbestäubten Pflanzen seien betroffen. „Die Schäden durch die Milben übersteigen die aller anderen Bienenkrankheiten zusammen“, sagt Rademacher.

Was die kleinen Parasiten so gefährlich macht: Sie befallen die hiesigen Honigbienen erst seit wenigen Jahrzehnten. Vorher hatten ihnen östliche Honigbienen der Art Apis cerana als Wirte gedient. In deren Herkunftsländern hatte sich über lange Zeit hinweg ein biologisches Gleichgewicht zwischen Bienen und Parasiten eingestellt.

Erst im letzten Jahrhundert sprangen die Milben auf die westlichen Honigbienen der Art Apis mellifera über. Ende der 1970er-Jahre wurden infizierte Bienen in Deutschland eingeschleppt. Seither grassieren die Milben auch hier, aber anders als die Honigbienen in östlichen Ländern, sind die Insekten im Westen nicht auf die Schädlinge eingestellt. Daher sterben sie fast immer, wenn sie von Varroa destructor befallen werden.

Die Milbenplage weitet sich aus. „Uns rennt die Zeit davon“, sagt Rademacher. Forscher und Imker versuchen, die Milben mit Bekämpfungsmitteln zurückzudrängen – doch der Erfolg hält sich in Grenzen, denn gegen manche Mittel sind die Parasiten bereits resistent. Eine Substanz scheint jedoch zu wirken: Oxalsäure. Der organische Stoff kommt in vielen Lebensmitteln vor, etwa in Spinat, Rhabarber, Roter Beete, Tee oder Kakao. Europäer nehmen jeden Tag durchschnittlich 80 Milligramm Oxalsäure zu sich.

Rademacher und ihre Kollegen haben in etlichen Versuchsreihen befallene Bienen mit Oxalsäure beträufelt. Dabei zeigte sich: Bei richtiger Behandlung gehen 95 Prozent der Milben zugrunde, ohne dass die Bienen Schaden nehmen. Warum die Milben daran sterben, wissen die Forscher noch nicht, „und wir haben jetzt auch nicht die Zeit, es detailliert zu untersuchen, wenn wir die heimischen Bienenvölker noch retten wollen“, sagt die Biologin.

Jeweils im Spätherbst – in der brutfreien Periode – träufeln die Wissenschaftler niedrig konzentrierte Oxalsäure direkt auf die Bienen. Für die Verbraucher erwachsen daraus keine Risiken, betont Rademacher. Bei sachgerechter Behandlung sei im darauffolgenden Frühjahr kein erhöhter Säuregehalt im Honig nachweisbar. Selbst wenn sich die Werte geringfügig erhöhen sollten, stelle das kein gesundheitliches Problem für die Verbraucher dar. Im Vergleich zur durchschnittlichen Oxalsäure-Menge aus anderen Nahrungsmitteln, die jeder Mensch am Tag durchschnittlich aufnimmt, sei jene im Honig unbedeutend.

Deshalb setzen sich europäische Forscher seit Jahren gemeinsam dafür ein, dass Oxalsäure als Tierarzneimittel in allen EU-Staaten zugelassen wird. In Deutschland könnte es bald so weit sein. Voraussichtlich wird die Oxalsäure für Imker bald als offizielles Milbenbekämpfungsmittel zugelassen.

Aber es gibt noch andere Strategien, gegen die Parasiten vorzugehen. Ralph Büchler, Leiter des Bieneninstituts Kirchhain, arbeitet daran, milbenresistente Bienen zu züchten. „Unser Ziel ist es, den Imkern Honigbienen zur Verfügung zu stellen, die möglichst ohne Arzneimittelbehandlung mit den Schädlingen zurecht kommen“, sagt Büchler. Schon jetzt gäbe es Zuchtvölker, die bis zu zwei Jahre lang ohne Behandlung überleben könnten.

Büchler und seine Kollegen verfolgen drei Strategien. Erstens sammeln sie – in Zusammenarbeit mit Imkern – in ganz Deutschland Daten über die verschiedenen Bienenvölker und deren Krankheitsresistenzen. Zudem machen die Forscher Vitalitätstests. Dabei werden Bienenstämme mit positiven Eigenschaften ohne Behandlung sich selbst überlassen. Die Wissenschaftler können so herausfinden, wie überlebensfähig die Stämme sind. Drittens nutzen sie isolierte Landschaftsgebiete – etwa Nord- oder Ostseeinseln –, wo sich Bienenköniginnen nur mit ausgewählten Drohnen paaren können. In diesen Gebieten ist gezielte Züchtung möglich.

„Um der Milbenplage entgegenzuwirken, bringt man ausgewählte Bienenköniginnen seit einigen Jahren mit besonders krankheitsresistenten Drohnen in Kontakt“, erläutert Büchler. Über viele Generationen hinweg entstünden so Bienenvölker, die deutlich widerstandsfähiger gegenüber den Milben seien. Büchler hofft auf einen entscheidenden Durchbruch in der Züchtung resistenter Völker in den nächsten Jahren.

„Wir müssen die Bienenvölker mit ihrem hohen Nutzen für die Allgemeinheit erhalten“, sagt Rademacher. Denn ihr Verschwinden als Honigproduzenten, vor allem aber als Bestäuber zahlreicher Pflanzen, hätte ernste Folgen für die Artenvielfalt in Deutschland. Ohne Apis mellifera würde das ökologische Gleichgewicht wahrscheinlich dramatisch verschoben, befürchtet die Biologin. Flora und Fauna könnten verarmen.

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