Gesundheit : Geheimnis

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Nicht wenige Menschen klagen heute darüber, dass es keinerlei Geheimnisse mehr gibt. Alles, so sagen sie, wird ohne jede Rücksicht hervorgezerrt, wird in den Medien breitgetreten. Und schlimmer. Wie man eine schrecklich wirkungsvolle Bombe baut, ist längst kein Geheimnis mehr, sondern kann im Internet nachgelesen werden.

Andere Menschen finden es dagegen gut und richtig, dass es kaum mehr wirkliche Geheimnisse gibt. Sie halten es für ein Zeichen von Aufklärung, wenn alles offenliegt, und verweisen dann gern auf Max Weber. Der hatte bekanntlich unter dem Stichwort „Entzauberung der Welt“ Anfang der zwanziger Jahre beschrieben, dass es in der Neuzeit prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte mehr gebe, die die Lebensbedingungen von Menschen bestimmen, weil ein neuzeitlicher Europäer eben besser „als ein Indianer oder ein Hottentotte“ wisse, welche körperlichen und natürlichen Phänomene für Gesundheit und Wetter verantwortlich seien. Und längst sind auch jene lupenreinen Platoniker ausgestorben, die als Krone der Philosophie eine nur für den engsten Kreis der Schüler bestimmte esoterische Lehre des Meisters lediglich mündlich weitergaben und ausführliche schriftliche Aufzeichnungen vermieden. Sie sind so gründlich ausgestorben, dass das „Historische Wörterbuch der Philosophie“ zwar auf die Vorstellung einer „Philosophia occulta“ in der frühen Neuzeit hinweist, aber Platon und seine Akademie glatt vergessen hat.

Nun wird man ja trotz aller Bedenken gegen Webers etwas grobflächige Vorstellungen über das Weltbild amerikanischer und südafrikanischer Ureinwohner vielleicht ganz dankbar darüber sein, dass die Geheimnisse von Sonne und Mond auch noch anders erklärt werden können als in den Mythen dieser Völker (in denen sich beispielsweise die schöne Vorstellung findet, Sonne und Mond seien an den Himmel geworfene Schuhe). Ich kann mir auch kaum einen Kollegen vorstellen, der sich heutigentags über eine Ernennung zum Geheimrat freuen würde. Dass ein Geheimnis trotzdem eine Sache von Wert ist, wissen wenigstens alle Eltern, die die Weihnachtsgeschenke ihrer Kinder verstecken. Und die Kinder, die es nicht abwarten können und die Geschenke vor dem Heiligen Abend finden, erfahren schmerzlich, wie unklug es ist, Geheimnisse vor der Zeit zu lüften: Die Bescherung am Weihnachtsabend fällt nämlich dann je nach Temperament peinlich oder langweilig aus. Weber hat schon recht: Ohne Geheimnisse hat die Wirklichkeit jeden Zauber verloren. Sollte man sich das wirklich wünschen?

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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