Gesundheit : Gehemmt, aber siegreich

Rolf Degen

Es ist im Leben selten das Klügste, seine Absichten und Impulse unvermittelt in die Tat umzusetzen. Sehr oft liegt die Kunst gerade darin, die jeweiligen Antriebe und Ideen so lange abzuwürgen, bis sich eine bessere Gelegenheit ergibt. Genau diese Gabe, sich geistige Inhalte aus dem Kopf zu schlagen, hat nach neuen Forschungsergebnissen den Durchbruch bei der Evolution des menschlichen Intellektes ermöglicht.

Intelligenz stellt man sich intuitiv als einen Prozess vor, bei dem Gedanken und Vorstellungen vor unserem geistigen Auge auftauchen und ablaufen. Dabei übersieht man leicht, dass entscheidende Teile der geistigen Arbeit darin bestehen, irrelevante Aspekte in den Hintergrund zu drängen, hält der Psychologe David Bjorklund von der Florida Atlantic University fest. Denn das Denken besteht zu einem Großteil auch darin, bestimmte Dinge eben nicht vor dem geistigen Auge auftauchen zu lassen: Sich auf etwas zu konzentrieren bedeutet stets, eine Flut von nebensächlichen Dingen abzublocken, während jeder Akt des Erinnerns das Ausblenden nicht benötigter Gedächtnisinhalte verlangt.

Es ist in erster Linie seine herausragende Intelligenz, mit der sich der Mensch vom Rest der Schöpfung abhebt. Evolutionsbiologen glauben, dass die enorme Vergößerung des Hirns, durch die sich der Mensch auszeichnet, nicht zuletzt dazu gedient hat, dass er damit die Absichten und Motive seiner Artgenossen besser verstehen und also auch besser "manipulieren" konnte. Denn der Mensch ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil er in komplexen Sozialverbänden zusammenlebt.

Unsere beispiellosen Fähigkeiten wurzeln also letztlich in der sozialen Intelligenz, und die Unterdrückung unangemessener Impulse hat bei ihrer Entwicklung eine entscheidende Rolle gespielt. Der Mensch gehört, genauso wie der Schimpanse, der Gruppe der sozial lebenden Primaten an. Es ist für ein Herrentier deshalb nicht ratsam, hemmungslos seinem Bedürfnis nach Essen, Sex oder anderen Triebzielen zu folgen, weil es damit bei den "Mackern" weiter oben auf der Hackordnung anecken könnte. Aus diesem Grund haben sich die Hirnregionen, die Triebe und Affekte im Zaum halten, bei den sozialen Primaten sprunghaft ausgedehnt.

Chaos im Bewusstsein

Die höchste Instanz der Hemmung, der präfrontale Cortex im vorderen Bereich des Stirnlappens, direkt hinter unseren Augen, hat beim Übergang zum Menschen ein massives Wachstum erlebt. Schädigungen in diesem Kontrollzentrum, das erst im jungen Erwachsenenalter seine Reifung vollendet, machen die Fähigkeit zur Hemmung zunichte. Die Betroffenen können irrelevante Inhalte nicht mehr aus dem Bewusstsein verbannen, sie halten zwanghaft an einmal angefangenen Routinen fest und lassen hemmungslos jede ungebührliche Gefühlsregung heraus.

Die Höherentwicklung des Verstandes begann mit der Hemmung von Triebimpulsen, aber das menschliche Gehirn hat dieses Hemmungsvermögen immer weiter verfeinert und ausgebaut, sagt Bjorklund. Auch die "Theorie des Geistes", der größte Meilenstein in der intellektuellen Entwicklung des Kindes, leitet sich von der Fähigkeit zum Hemmen ab. Unter dem Schlagwort "Theorie des Geistes" bezeichnen Psychologen unsere Fähigkeit, uns in die Perspektive anderer Menschen hineinzuversetzen.

Im vierten Lebensjahr reift bei den meisten Kindern die Erkenntnis, dass andere Menschen auf der Basis ihrer Wahrnehmung handeln, und dass diese Wahrnehmung sich von der eigenen unterscheiden kann. In einem typischen Experiment können Kinder verfolgen, wie der Versuchsleiter Süßigkeiten aus einer Schachtel entfernt und an einer anderen Stelle versteckt. Dann werden sie gefragt, wo ein anderes Kind, das den Vorgang nicht sehen konnte, nach den Süßigkeiten suchen wird. Dreijährige können sich noch nicht von ihrer eigenen Wahrnehmung lösen und zeigen unvermittelt auf den für ahnungslose Kinder nicht nachvollziehbaren Ort. Ihr Problem besteht darin, dass sie die dominierende Wahrnehmung nicht blockieren können. Die Kinder können sich erst an dem Punkt in die fremde Psyche versetzen, an dem ihnen die Unterdrückung der vorherrschenden Impulse gelingt.

Das zeigt auch ein Experiment, in dem man den Kindern mehrere Fenster präsentiert, von denen einige eine Süßigkeit enthalten. Die Kinder bekommen die Schleckereien aber nur geschenkt, wenn sie auf das leere Fenster daneben zeigen. Erst im vierten Lebensjahr überwinden die Kinder den Impuls, auf die Süßigkeit zu zeigen, und an dem Punkt setzt bei ihnen auch die "Theorie des Geistes" ein.

Lügen: Glanzleistung des Geistes

Die Schimpansen, unsere nächsten Verwandten im Tierreich, gelangen vermutlich nie bis zu diesem Punkt. Das zeigt ein Experiment, in dem die Tiere beobachten konnten, wie der Versuchsleiter einen Leckerbissen an einer für sie nicht einsehbaren Stelle versteckte. Die Affen konnten bei einem von zwei Menschen Hilfe suchen, die Zeuge des Vorgangs gewesen waren. Allerdings hatte einer der beiden "Zeugen" einen Sack über den Kopf gestülpt gehabt. Mangels einer Theorie des Geistes waren die Tiere unfähig, das zu berücksichtigen und gingen unbekümmert auch diesen "Zeugen" an.

Auch die Fähigkeit zum Täuschen und Lügen gehört zu den Glanzleistungen des Verstandes, die erst beim Menschen ihren Höhepunkt erreicht. Und auch diese Gabe fängt laut Bjorklund mit der Hemmung an: "Jede Form der Täuschung, vom einfachen Nichtbeachten eines Objektes, das man heimlich begehrt, bis zur ausgeklügelten Hinterlist, baut auf der Grundlage der Hemmung auf." Eine Lüge besteht eben nicht nur im Vortäuschen falscher Tatsachen; das Nichtausdrücken des wirklich Gewussten gehört immer dazu.

Auch die Erfindung der Sprache, die die Basis für alle kooperativen Leistungen des Menschen war, geht auf das Hemmungsvermögen zurück. Bereits unsere haarigen Vettern, die Affen, stoßen emotional stark besetzte Laute aus. Mit ihren Vokalisierungen weisen sie zum Beispiel auf die Anwesenheit von Futter oder Feinden hin. Nach Beobachtungen der Verhaltensforscher haben sie jedoch erhebliche Schwierigkeiten, diese Lautgebung in brenzligen Situationen abzublocken. Vermutlich konnten unsere frühesten aufrecht gehenden Vorfahren erst die Savanne erobern, als ihnen die Unterdrückung der äffischen Laute gelang.

Selbst eine junge Errungenschaft des menschlichen Geistes, wie das wissenschaftliche Denken, funktioniert nicht ohne die Fähigkeit zur Hemmung. Sein zentrales Anliegen, die Erforschung des Unbekannten, setzt immer die Unterdrückung aller alternativen Handlungsimpulse voraus. So ist es völlig unmöglich, das Neue zu erkunden, wenn man die alten und eingefahrenen Routinen nicht blockiert.

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