Gesundheit : Gelbe Karte für die BVG

FRANZISCA BUSSE

Eine Unterschriftenaktion soll Bewegung in die Diskussion um das Semesterticket-bringenVON FRANZISCA BUSSE"Ja, ich fordere das neue Semesterticket", so lautete die Botschaft von ungefähr 2000 Gelben Karten, die, von Studenten unterschrieben, am Dienstag vor dem U- und S-Bahnhof Friedrichstraße zu einer Kette aufgefädelt die Straße zierten.Adressat dieser Gelben Karten waren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und der neue Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, Absender Studenten der Vereinigung "Semesterticket der Studierendenvertretungen in Berlin" (Semtix).Die Landeskoordinatoren von Semtix wollten darauf aufmerksam machen, daß bereits seit sechs Jahren keine Einigung über ein Semesterticket erzielt wurde.Die BVG ist nach Meinung der Semtix-Studenten verantwortlich für das Scheitern der Verhandlungen.Seit 1992 sei sie "der Bremsklotz auf dem Weg zu einem umweltverträglichen und sozialen Semesterticket."Das sogenannte Semesterticket ist in einigen deutschen Hochschulstädten bereits ein erfolgreich laufendes Modell.Die Studierenden zahlen dabei eine pauschale Summe, ähnlich einem Solidarbeitrag, an die ansässigen Verkehrsunternehmen.Dafür akzeptieren die dann den Studierendenausweis als Fahrkarte der öffentlichen Verkehrsmittel.Die Erfahrung hat gezeigt, daß das Modell kostenneutral umgesetzt werden kann.In Berlin ist ein solcher Sammelvertrag bisher an unterschiedlichen Vorstellungen über Kalkulation und Preise gescheitert.Mit dem zurückliegenden Studierendenstreik haben die Forderungen nach einem Semesterticket durch die Studenten neuen Auftrieb bekommen."Wir haben während der Streikwochen verstärkt über die Möglichkeiten eines Semestertickets informiert und bei den Studierenden um Unterschriften auf den gelben Karten gebeten", berichtet Antje Mayer von Semtix.Insgesamt seien über 10 000 solcher Karten zusammen gekommen.Nach der Gründung des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) ist auch auf Seiten der Verkehrsunternehmen Bewegung in die Diskussion gekommen.Eine erste Verhandlungsrunde zwischen der Semtix und dem VBB hat ergeben, daß beide Parteien eine Einführung des Semestertickets zum frühestmöglichen Termin anstreben.Nach dem Willen der Semtix-Studenten sollte dies bereits das kommende Wintersemester sein.Mit der Aktion "Gelbe Karte" hat Semtix ganz besonders die BVG aufgefordert, der Bitte des Verkehrsverbundes nachzukommen und sich ab sofort an den Verhandlungen mit der Koordinationsgruppe Semtix Berlin-Brandenburg zu beteiligen.Ein letztes Mitspracherecht soll aber auch allen Berliner Studierenden eingeräumt werden.Bevor das Semesterticket eingeführt wird, soll es im Juni eine Urabstimmung an den Berliner Hochschulen geben."Um dies zu erreichen, müssen die Verhandlungen jetzt besser laufen als in den letzten sechs Jahren", so Christoph Schäberle von Semtix. Alle zahlen, viele profitieren.Aber ist es gerecht, das Semesterticket?Am besten für die Umwelt und die Lebensqualität in Berlin wäre es natürlich, alle Studenten führen Rad.Das tun sie aber nicht.Zählungen ergaben, daß beispielsweise an der Technischen Universität und der Universität Potsdam ein Viertel der Studenten mit dem Auto zur Hochschule fahren.Dieser Mobilitätsdrang verursacht allein für die Technische Universität eine Blechlawine von 10 000 Autos.An den anderen Hochschulen dürfte es nicht anders aussehen.Die zweitbeste Variante wäre, alle Studenten nutzten die Öffentlichen Verkehrsmittel.Das tun aber auch immer weniger, weil die Azubi-Tickets unerschwinglich teuer werden - von den Einzelfahrscheinen ganz abgesehen.Das Semesterticket wäre hier die Lösung, denn je mehr mitmachen, desto billiger wird das Ticket.Die Schätzungen der Kosten reichen von 130 bis 190 Mark pro Semester.Geht man von der schlechtesten Variante aus, hieße das 32 Mark pro Monat, wenn das Ticket sechs Monate genutzt wird, oder 45 Mark, wenn man nur die vier Monate pro Semester in Berlin ist, in denen das Studium läuft.Immer wieder wird als Gegenargument zum Semesterticket die Ungerechtigkeit gegenüber denjenigen, die die VBB nicht nutzen, beschworen.Rentenversicherung, Krankenversicherung - unser ganzes Sozialsystem basiert aber gerade darauf, daß alle mitmachen, obwohl nicht alle in den vollen Genuß der eingezahlten Leistungen kommen.Und fahren wirklich so viele Studenten weniger als zehn Mal pro Monat mit Bus oder Bahn? Schon dann hätte sich das Semesterticket nämlich amortisiert.Selbst eingeschworene Fahrradfahrer könnten mit ihrem Fahrhrad auch die Bahn nutzen, zum Beispiel, wenn das Wohnheim in Mitte liegt, der Studienort aber in Dahlem.So ließen sich Fahrweg und -zeit verkürzen.Kauft man einen Einzelfahrschein, wäre mit dem Fahrrad aber das Doppelte des Fahrpreises fällig: für Hin- und Rückfahrt je zweimal 3,90, also 15,60 Mark.Nach drei Hin- und Rückfahrten im Monat hat sich das Semesterticket rentiert.Das Ticket entwickelt sich höchstwahrscheinlich zu einem Selbstläufer in Sachen ökologisches Umdenken.Ist man gezwungen, das Ticket zu kaufen, nutzt man es auch.Wenn es so gelingt, einige von ihrem Auto abzubringen, ist für die Lebensqualität in Berlin schon einiges getan - und die kommt ja schließlich allen zugute.Und nicht zuletzt entstünde mit den 130 000 Studenten eine geschlossene Kundengruppe, die mit der Drohung des Ausstiegs und damit des plötzlichen Wegfalls erheblicher Einnahmen für die VBB ein nicht unerhebliches Druckmittel in die Hand bekäme, um die öffentlichen Verkehrsmittel zu einem besseren Service zu zwingen.INGO BACHDas klingt gut: Alle bringen ein Opfer für die gute Sache.Und alle profitieren davon.Das Opfer ist klein, der Nutzen hingegen groß.In diesem Fall heißt das kleine Opfer Gebühr und die gute Sache Semesterticket.Busse, U- und S-Bahnen, der gesamte ÖPNV, steht den Studenten mit diesem Ticket offen.Kein Fahrschein, keine Monatskarte sind mehr nötig.Billig wird er sein, der universale Studentenausweis-Fahrschein - eben das kleine Opfer zu Semesterbeginn.Kann, darf man etwas dagegen haben?Nein, könnte man meinen, schaut man in die Runde der Diskutanten.Lediglich um das "Wie", nicht aber um das "Ob" streiten die Verhandlungspartner Verkehrs-Verbund-Berlin-Brandenburg (VBB) und Studentenvertreter.Wieviel kostet die Sache, wieviel bringt sie ein - nur hierum dreht es sich.Die Rollen sind verteilt: Ein höheres Opfer fordern die Vertreter des VBB, ein geringeres die Studenten-Fürsprecher.Studenten-"Fürsprecher"? In dieser Formulierung verbirgt sich eine andere Frage zum Semesterticket, die bisher niemand laut stellte: Wer sind die Studenten, "für" die die Fürsprecher "sprechen"? Und zwingend die entscheidenden beiden Fragen: Ist das Semesterticket sinnvoll? Ist es gerecht?Die erste ist leicht zu beantworten: Sinnvoll ist das Semesterticket für die Studenten, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen.Für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger ist es sinnlos.Mehr noch: Es schadet ihnen, jedenfalls ihrem Geldbeutel.Das mag dem einen oder anderen egal sein.Dem autofahrenden Studenten etwa, der sein schlechtes Gewissen beruhigt, wenn er seine Vorliebe für individuelle Mobilität mit ein paar Mark extra bezahlt.Der ebenfalls zahlende Radfahrer hat einen solchen Ablaßkauf nicht nötig.Seine Bereitschaft für ein Zusatzopfer könnte höchstens eine generelle sein: Generell ist ÖPNV gut.Oder so.All das sind persönliche Motive.Sinn ist persönlich.Die zweite Frage fordert eine klarere Antwort: Ist das Semesterticket gerecht? Wenn alle Studenten der Stadt mit der Immatrikulation gleichzeitig einen Fahrschein erwerben müssen, egal ob sie U-Bahn fahren oder nicht - entspricht das dem Grundsatz der Gerechtigkeit: Gleiche gleich, Ungleiche ungleich zu behandeln? Nein.Die Fürsprecher der Studenten sprechen lediglich "für" den Teil der Studenten, die das Interesse eint, billig öffentlich transportiert zu werden.Gerecht wäre also die Forderung nach einem Semesterticket für genau jene Studenten.Ungerecht ist es hingegen, auch Fußgängern, Auto- und Radfahrern das Ticket aufzuzwingen.Auch wenn diese sich weder äußern noch wehren oder persönlich nichts gegen das Ticket haben.Nur die dem Gemeinwohl verpflichtete Körperschaft hat das Recht, allgemeine Opfer, etwa Steuern, zu fordern, konkrete Gegenleistung aber zu verweigern - der Staat.Gerechtigkeit ist unpersönlich.KATHRIN SPOERR

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