Gesundheit : Gemeinsam wächst der Gewinn

Strafen helfen dem Gemeinsinn auf die Sprünge und retten eine Gesellschaft vor dem Zusammenbruch

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Die weggeworfene Bierdose im Park ist für Bettina Rockenbach von der Universität Erfurt ein gutes Beispiel. Die Professorin für Mikroökonomie möchte nämlich herausbekommen, wie Selbstlosigkeit und Kooperation funktionieren. Selbstlos wäre es zum Beispiel, wenn ein Spaziergänger im Park den Menschen anspricht, der die Bierdose gerade weggeworfen hat. Denn er riskiert, von dem möglicherweise Angetrunkenen angepöbelt oder schlimmer noch verprügelt zu werden. Ist der Appell dagegen von Erfolg gekrönt und der Biertrinker hebt seine Dose wieder auf, hat der Spaziergänger davon wenig: Der Park gehört ihm schließlich nicht. Obendrein hätte auch jeder andere Passant für Ordnung sorgen können. Wieso sollte man also ein Risiko eingehen? Und doch zeigen Menschen jeden Tag Zivilcourage.

Was hinter dieser Selbstlosigkeit steckt, klären Bettina Rockenbach und ihre Kollegen Özgür Gürerk von der Erfurter Universität und Bernd Irlenbusch von der London School of Economics mit einer Art Rollenspiel für 84 Studenten. So erfolgreich war dieses Spiel, dass die Forscher ihre Ergebnisse im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichen konnten (Band 312, Seite 108).

Das Spiel selbst wirkt fast bescheiden. Zunächst einmal dürfen die Studenten entscheiden, in welcher von zwei Gruppen sie mitmachen wollen: Im Prinzip geht es in beiden Gruppen um Kooperationen, die gern von Trittbrettfahrern ausgenutzt werden. Diese rühren für ein Gemeinschaftsprojekt wie den Bau eines Dorfbrunnens oder die Reinigung des Gemeindesaales selbst keinen Finger, holen aber trotzdem ihren Teil am Gewinn und schöpfen zum Beispiel Wasser aus dem neuen Brunnen. In der einen Spielgruppe können solche Trittbrettfahrer von anderen Teilnehmern bestraft werden, in der anderen Gruppe nicht.

„Es geht dabei nicht um das Strafrecht ganzer Staaten“, stellt Bettina Rockenbach das Ziel von Spiel und Forschung klar. Die Wissenschaftler untersuchen vielmehr, welche Faktoren die Zusammenarbeit in kleinen Gruppen wie einer Horde Jäger in der Steinzeit oder in einem abgelegenen Dorf in einem Alpental erst möglich machen. „In manchen Naturvölkern sieht die Strafe zum Beispiel so aus, dass Trittbrettfahrer von gemeinsamen Festen ausgeschlossen werden.“

Im Spiel dagegen geht es ums Geld, nicht unüblich bei Wirtschaftswissenschaftlern. Am Anfang bekommt jeder Student 20 Einheiten Spielgeld. Um einen echten Anreiz zu haben und das karge Studenteneinkommen ein wenig aufzubessern, dürfen sich die Teilnehmer am Ende die während des Spiels erwirtschafteten Beträge ausbezahlen lassen. Gewinn aber macht man nur gemeinsam: Freiwillig und anonym kann jeder Teilnehmer Spielgeld in eine gemeinsame Kasse einzahlen. Der Spielleiter erhöht die eingezahlten Beträge um zwei Drittel und teilt das Gemeinschaftsgeld anschließend an alle Gruppenmitglieder gleichmäßig auf.

Fast zwangsläufig tauchen bei diesem System Trittbrettfahrer auf, die keinen Cent in die Kasse einzahlen, beim Auszahlen der Gewinne aber die Hände aufhalten. Der Spielleiter informiert die Teilnehmer dann auch, ob es Trittbrettfahrer in der eigenen Gruppe gibt, verrät aber deren Namen nicht. Gibt es solche Schmarotzer, reduzieren die „Guten“ daraufhin in der Gruppe ohne Möglichkeit zur Strafe ihre Einzahlungen in die Gemeinschaftskasse. Weil Trittbrettfahrer natürlich auch weiterhin ungestraft die Kooperationswilligen ausbeuten, sinkt der Profit für alle und nach einiger Zeit bricht die Kooperation völlig zusammen.

Anfangs wählen zwei Drittel der Studenten Gruppen ohne Strafen. Weil dort aber Trittbrettfahrer den Profit schmälern, wechseln nach jeder Spielrunde einige Teilnehmer in die Gruppe mit Sanktionen. „An möglichst hohen Gewinnen orientieren sich diese Wechsler nicht“, sagt Rockenbach. Denn auch das Sanktionieren ist kostspielig: Wer einen anonymen Trittbrettfahrer strafen will, zahlt selber eine Geldeinheit. Auch wenn eine solche Strafe jeden Schmarotzer drei Geldeinheiten kostet, sollten die eigenen Kosten aber erst einmal von Sanktionen abschrecken. Damit scheint das Spiel an dem Punkt angelangt, der bereits beim Wegwerfen der Bierdose beobachtet werden kann: Warum sollte der Einzelne mit einem Griff in den eigenen Geldbeutel strafen, wenn das auch andere tun könnten?

Im Spiel aber schauen die Teilnehmer nicht etwa weg, sondern strafen Trittbrettfahrer rasch ab. Da jede Sanktion den Schmarotzern tief in die Tasche greift, lohnt sich deren unkooperatives Verhalten bald nicht mehr - und sie kooperieren ebenfalls. Nach dreißig Spielrunden läuft alles wie am Schnürchen: Praktisch alle zahlen in die Gemeinschaftskasse und steigern so den Gewinn auf ein Maximum. Strafen werden kaum noch gebraucht, offensichtlich reicht bereits ihre Androhung. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Gruppe ohne Strafen bereits in Nichts aufgelöst, selbst die Trittbrettfahrer sind in die Gruppe mit Strafen gewechselt, weil diese Teams die Nase eben vorn haben. Dort aber ahmen sie rasch die anderen nach. Und strafen.

Fordert das Erfurter Experiment also einen Überwachungsstaat mit hohen Strafen selbst für kleine Vergehen? Bettina Rockenbach verneint diese Folgerung: Die Experimente imitieren das Verhalten von kleinen Gruppen, „eher folgt die Forderung nach mehr Zivilcourage“, sagt die Wissenschaftlerin. Obendrein beschreibt das Forschungsspiel nur eine Situation, in der die Beteiligten sehr genau wissen, dass Trittbrettfahren letztendlich den Gewinn aller schmälert. „Das ähnelt einem kleinen Kind, das zwar mit Messer und Gabel essen kann, aber partout die Finger nimmt“, erklärt Bettina Rockenbach. In solchen Situationen können Eltern ihre Kinder durchaus mit Strafen beeinflussen. Soll ein Kind dagegen etwas Neues wie zum Beispiel Sprechen lernen, bringen Strafen nichts. „Dann erreicht man mit Belohnungen viel mehr“, sagt die Erfurter Wissenschaftlerin.

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