Gesundheit : Gen-Technologie: Gesetz für genetische Privatsphäre - wie beim Ladenschluss

Der Sprecher des Deutschen Genom-Projekts, Hans Lehrach, hat sich dafür ausgesprochen, die "genetische Privatsphäre" des Menschen gesetzlich zu garantieren. Es müsse sichergestellt werden, "dass Leute nicht durch Versicherungen oder Arbeitgeber zu Gentests gezwungen werden", sagte der Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik dem Tagesspiegel. Allerdings sieht Lehrach darin kein Problem. "Ein Staat, in dem die Ladenschlusszeiten auf die Minute genau geregelt sind, sollte imstande sein, Gesetze zu erlassen, die solchen Missbrauch verhindern."

Als "anmaßend und überheblich" lehnt Lehrach es ab, Eingriffe in die Keimbahn des Menschen grundsätzlich zu verbieten. "Wir sollten nicht versuchen, jetzt für die künftigen Generationen solche Fragen zu entscheiden." Gewisse Grenzen würde er aber setzen. Eltern sollten nicht das uneingeschränkte Recht erhalten, die Keimbahn ihrer Kinder zu verändern. "Aber ich würde es für manche Sachen schon in Betracht ziehen." Als Beispiele nannte er die Möglichkeit, "seine Kinder relativ leicht gegen den Aids-Erreger HIV resistent" zu machen oder "die Krebsanfälligkeit durch irgendein Gen um einen Faktor zehn" zu senken. Das müssten jedoch die Menschen in 30 Jahren überlegen. Derzeit seien Eingriffe in die Keimbahn des Menschen "viel zu riskant".

Allerdings sieht Lehrach auch die Gefahr des Missbrauchs. "Natürlich gibt es das Problem, dass irgendwelche Moden zu Änderungen der menschlichen Keimbahn führen." Die systematische Verkrüppelung der Füße von Mädchen in China und die Beschneidung mache "schon nachdenklich", räumte der Gen-Forscher ein.

Entschieden wandte Lehrach sich gegen ein Moratorium für die Erbgutforschung. Ein solches Ansinnen halte er für "fast totalitär - aus ideologischen Gründen wird das Leid anderer Menschen in Kauf genommen." Viele Menschen könnten sterben, wenn die Entwicklung eines wichtigen Medikamentes verzögert werde.

Aus diesem Grunde setzt Lehrach auch auf Gen-Patente als das kleinere Übel im Gegensatz zur Geheimhaltung. Ohne Patent würden Firmen nicht "Hunderte Millionen Dollar pro Medikament" investieren. Deshalb sollten durch Patente zeitlich beschränkte Rechte für die kommerzielle Nutzung vergeben werden. Er will die Patentierung daran geknüpft sehen, dass dem Gen eine klare Funktion zugewiesen werden kann, um ein Medikament zu entwickeln. Für eine reine Gen-Sequenz dürfe dies nicht gelten. Es sei von Interesse für die ganze Gesellschaft, dass solche Gene patentiert werden, weil so Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Angesichts der Entscheidungsmöglichkeiten amerikanischer Gerichte müsse man aber damit rechnen, dass auch "fragwürdige Patente" vergeben würden.

Der Vorstandsvorsitzende des Chemiekonzerns BASF, Jürgen Strube, sieht durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms die Tür für die Pharmaindustrie einen Spalt weit geöffnet. Für die Industrie sei es "hochinteressant", dass man zielgerichtet nach Medikamenten suchen könne, sagte Strube dem Tagesspiegel. "Dadurch werden die Kosten und der Zeitaufwand für die Entwicklung neuer Medikamente deutlich sinken."

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