Gesundheit : Gentechnik: Christiane Nüsslein-Volhard im Interview: "Die Kirche hat nicht das Recht, Ethiknormen festzulegen"

Deutschland diskutiert heftig über Stammzelle

Christiane Nüsslein-Volhard ist Nobelpreisträgerin und arbeitet am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie. Sie wurde nun in den Nationalen Ethikrat berufen.

Deutschland diskutiert heftig über Stammzellen und Präimplantationsdiagnostik, also die Gen-Analyse am Reagenzglas-Embryo. Wie sehen Sie als Biologin diese Diskussion?

Ich finde sie sehr überzogen, sowohl die Ängste als auch die Hoffnungen.

Man wirft sich gegenseitig vor, unethisch zu denken. Gerade die Wissenschaftler kommen dann immer gleich schlecht weg. Als hätten sie nichts anderes im Sinn, als dauernd Menschen genetisch zu verändern.

Bundespräsident Rau sieht das offenbar anders. In seiner Gentechnik-Rede hat er gesagt: Zum ersten Mal scheint die Menschheit fähig, den Menschen zu verändern, ja ihn genetisch neu zu entwerfen .

Das ist vollkommen überzogen. Es gibt heutzutage keine Technologie, die erlaubt, den Menschen genetisch zu verändern. Viele Leute haben nicht verstanden, dass ein Unterschied zwischen Analyse und Synthese, zwischen Diagnose und Therapie besteht. Man kann zwar die Schrift lesen, in der Erbinformation geschrieben wurde, aber daraus jetzt was neues zu konstruieren, das ist ein vollkommen anderer Prozess.

Wie hat denn überhaupt die Rede von Bundespräsident Rau auf Sie gewirkt?

Die ausgesprochen wissenschaftsfeindliche Haltung hat mich erschreckt. Ob es so weise war, als Bundespräsident eine so extrem konservative Stellung zu beziehen, wird sich noch zeigen.

Wie stehen Sie denn zur Präimplantationsdiagnostik, der PID?

Ich würde einer Frau nur in seltenen Fällen empfehlen, das machen zu lassen. Verbieten würde ich die PID trotzdem nicht. Ich finde, das sollte man den Frauen überlassen.

Wie sehen Sie denn die Position der Engländer, die ja Stammzellforschung und therapeutisches Klonen bis zum 14. Tag erlaubt haben?

Therapeutisches Klonen funktioniert überhaupt nicht. Es gibt keine Technik, die das kann. Die Briten haben ein Gesetz gemacht, das die Arbeit an einer solchen Technik erlaubt. Sie haben ein etwas weniger verkrampftes Verhältnis zum Embryo als wir Deutschen. Und ich kann das nachvollziehen. Wenn ein Embryo in einer Petrischale existiert und keine Mutter da ist, die ihn annimmt, dann ist er eigentlich nicht lebensfähig.

Bundeskanzler Schröder hat eine Diskussion der Gentechnik ohne Scheuklappen gefordert. Verhärten sich die Fronten?

Im Moment sieht es sehr brisant aus. Zu einer Diskussion ohne Scheuklappen ist Deutschland derzeit nicht in der Lage. Alle Seiten werfen sich die schlimmsten Sachen vor, und es wird mit Heftigkeit, Intoleranz und Hochmut argumentiert, auch bei Politikern, das ist einfach erschreckend. Dass sich einige Politiker so stark auf den Katholizismus berufen, finde ich intolerant. Ich denke nicht, dass die katholische Kirche das Recht hat, dogmatisch Ethiknormen festzulegen.

Was könnte das für Deutschland als Wissenschaftsstandort heißen?

Es ist ja ganz klar, dass wir uns lächerlich machen. Angesichts der Tatsache, dass die moderne Forschung international ist, ist es für deutsche Forscher nicht angenehm, sich in so eine Ausposition gedrängt zu sehen. Wir können nicht einfach behaupten, nur wir Deutschen hätten die Moral gepachtet. Nehmen wir einmal an, mit Hilfe der Stammzellforschung lassen sich vernünftige Therapien entwickeln - ich bin da allerdings sehr skeptisch-, dann werden die Deutschen diese Therapien auch haben wollen und auch bekommen.

Sie sind in den Nationalen Ethikrat berufen worden. Was erhoffen Sie sich von diesem Gremium?

Ich hoffe, dass zunächst einmal die Tatsachen klargestellt werden. Meine Rolle sehe ich darin, die biologischen Grundlagen der modernen Technologien zu erklären und meine Prognosen dazu abzugeben, wie das mit bestimmten Entwicklungen weitergeht. Im Grunde finde ich einen solchen Rat positiv. Endlich gibt es ein Beratergremium, das schwierige Entscheidungen des Parlaments sachkundig begleiten kann.

Sie haben eben schon eine gewisse Vorsicht bei Stammzellen durchblicken lassen. Embryonale Stammzellen gelten als Arznei-Quelle der Zukunft. Wird ihr Potenzial überschätzt?

Ich bin da sehr zögerlich. So viele Möglichkeiten sehe ich da nicht. Die ganze Euphorie, die auch das Genom-Projekt begleitet hat, wird zum Teil herbe Entäuschungen erleiden.

Das werden manche Forscher nicht so gerne hören.

Ich glaube, man kann das Potenzial der embryonalen Stammzellen noch nicht einschätzen. Auf der anderen Seite ist es legitim, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Forschung an importierten embryonalen Stammzellen fördern will. Aber diese Zellen sind so stark durch Patente abgesichert, dass man praktisch damit nicht viel machen kann. Da wird viel Lärm um fast nichts gemacht.

Sie sprechen auf die Firma Geron an, die menschliche embryonale Stammzellen hergestellt hat?

Ja. Über diese Zellen weiß man sehr wenig. Amerikanische Wissenschaftler überlegen deshalb, ob man nicht in internationaler Zusammenarbeit eine "standardisierte" menschliche Stammzelllinie herstellen soll, die der Grundlagenforschung zur Verfügung steht.

Warum könnte die Stammzellenforschung scheitern?

Es ist bisher lediglich bei der Maus gelungen, embryonale Stammzellen zu vermehren, und auch nur bei bestimmten Stämmen. Ich arbeite mit Taufliegen und Zebrafischen, da funktioniert es nicht. Ebensowenig bei Kaninchen, Schweinen oder Rindern, nicht einmal bei Ratten. Deshalb glaube ich nicht, dass man es beim Menschen so leicht können wird. In England ist die Forschung mit embryonalen Stammzellen erlaubt. Das gibt uns die Möglichkeit, von diesen Erfahrungen, die unter strengen ethischen Richtlinien gesammelt werden, zu lernen.

Sie plädieren für Offenheit?

Offenheit, Behutsamkeit und Toleranz. Es eilt alles nicht. Man kann erstmal warten, bis diese Aggressionen verraucht sind, bis man die anstehenden Probleme mit mehr Abstand betrachten kann.

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