Gesundheit : Gesine Schwan bei der Verleihung der Urania-Medaille: "Das Internet ersetzt nicht die Universität"

Uwe Schlicht

Was bedeutet die Wissenschaftsgesellschaft? Schon vor mehr als dreißig Jahren hat der amerikanische Soziologe Daniel Bell vorausgesagt, dass die Grundlage der künftigen Wirtschaft nicht mehr die Produktion der materiellen Rohstoffe sein wird, sondern das Wissen. Aber reicht es für die Wissensgesellschaft aus, wenn die Jugend dazu angehalten wird, möglichst frühzeitig vom Computer Gebrauch zu machen und sich in Windeseile im Internet unzählige Informationen zu besorgen? Diese Fragen stellte sich Gesine Schwan in ihrem Vortrag, den sie anlässlich der Verleihung der Urania-Medaille gehalten hat.

Es ist kaum zu erwarten, dass sich eine Politikwissenschaftlerin mit ausgeprägtem philosophischen Hintergrund mit einer so oberflächlichen Betrachtung zufrieden gibt. Schon wird über eine neue Didaktik in den Hochschulen nachgedacht, wonach im Zeichen des Internets der wissende Lehrer zum Tutor mutiert, der den Lernprozess seiner Studenten nur beratend unterstützt. Gesine Schwan möchte nicht wie die Bilderstürmer früherer Jahrhunderte gegen eine Technik angehen, hinter die auch die Wissenschaftler nicht mehr zurückfallen können. Aber für unentbehrlich hält sie, dass sich Menschen aus Fleisch und Blut an einem konkreten Ort auch weiterhin treffen, mit ihrem Interesse an Wissenschaft und ihrem Liebeskummer, mit Lebenserfahrungen und ihrer Fähigkeit zur Abstraktion, ihrer Wahrheitsliebe und Interessengebundenheit. Erst dieser Hintergrund fordere auch jenes radikale Infragestellen heraus, das es erlaubt, sich auf das Eigentliche eines Vorhabens zu besinnen. Das ist die traditionelle Aufgabe der Universität.

Allein schon die tiefgehende Unsicherheit über die künftige Gestalt des Arbeitsmarktes, die Unklarheit darüber, auf welche Berufe man die Ausbildung ausrichten soll, zeigt, dass eine Beschäftigung mit den Fragen einer nachhaltigen Ausbildung keineswegs im Gegensatz zur Bildung steht. Wenn die Zukunft offen ist, kann eine zukunftsoffene Ausbildung nur als ein Element von Bildung und Persönlichkeitsentwicklung verstanden werden. Bildung ist kein handliches Gut, sondern die "andauernde Anstrengung". Ein abgeschlossenes Wissen gibt es nicht. "Der Wissende kennt die Grenzen und die prinzipielle Hürde gegenüber jeder Sicherheitsanmaßung besser als der nur Informierte", mahnt Gesine Schwan.

Mit dem populären Schlagwort von der Halbwertszeit des Wissens kann die Politikwissenschaftlerin und künftige Präsidentin der Viadrina wenig anfangen. Eine solche Formulierung ist für sie vielmehr ein Zeichen von Computergläubigkeit. "Wirklich reflektiertes Wissen wird nämlich nicht nach drei Monaten ungültig, so wie die Information über einen Fahrplan ungültig wird, wenn dieser sich geändert hat." Nach wie vor hält Gesine Schwan die bürgerlich-politische Dimension des Bildungsverständnisses für unverzichtbar, wenn es darum geht, den Gefahren einer partiellen Blindheit und einer Verantwortungslosigkeit zu wehren. Ohne eine Verankerung in moralischen und politischen Bedingungen wie Freiheit und Gerechtigkeit geht das nicht. Einem solchen Ziel hat sich die Universität unterzuordnen.

Wenn man die an einen Ort gebundene Universität durch eine virtuelle ersetzen will, bedeutet das, "sich freiwillig um den Erkenntnisreichtum, die Reflexionstiefe und die Kreativität amputieren". Tragende Freundschaften könnten nur zwischen Menschen entstehen, die sich nicht nur virtuell, sondern konkret begegnen und in ihrer gegenseitigen Verlässlichkeit erfahren können.

Der Universität wies Gesine Schwan die Aufgabe zu, das scheinbar Selbstverständliche zu problematisieren und damit dem Chaos ins Auge zu blicken. "Die Technik des Computers bietet eine vorzügliche Hilfe, Informationen beschleunigt zu übermitteln und aufzunehmen. Daraus wird aber Wissen erst, wenn sich Menschen an einem Ort treffen, wo sie das ganze Potential ihrer vieldimensionalen Erkenntnisfähigkeit ausschöpfen und fruchtbar machen können." Vor diesem Hintergrund dürften auch Massenuniversitäten nicht zu "Orten anonymer Massenabfertigung" werden, sondern müssten sich der besonderen Herausforderung stellen, keine seelenlosen Verwahranstalten für Studierende zu werden.

Deutlich warnte Gesine Schwan davor, unter dem neuen Stichwort der Budgetierung Fakultäten wie Unternehmungen oder Banken zu betrachten, die einander Kredit geben und Gewinne machen wollen. Zwar wirkten solche Modelle "ungemein modern", ließen aber nicht auf Anhieb die Folgen erkennen, die die Anpassung der gesamten Universität an die Logik kapitalistischen Wirtschaftens mit sich bringt. Auf keinen Fall dürften "die unterschiedlichen Logiken der einzelnen Teilbereiche - Bildung, Kunst und Kultur, Gesundheit, Recht, technische Kommunikation - von einer einzigen, der ökonomischen Rationalität verdrängt werden.

Gesine Schwan schloss ihren Vortrag mit der Aussage, der prinzipiell unberechenbaren Zukunft sei die Gesellschaft am ehesten gewachsen, wenn sie sich eine große Vielfalt und Dynamik bewahre. "Eine geistig enge Gesellschaft hat wenig Zukunft."

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