Gesundheit : Wie Pollen ihren Reiz verlieren

Eine homöopathische Methode hilft vielen Heuschnupfenkranken weit besser als Tabletten: die Eigenbluttherapie. Einige Berliner Ärzte setzen sie schon ein

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Nahaufnahme einer Weidenblüte. Foto: Fotolia / Weitzmann
Nahaufnahme einer Weidenblüte. Foto: Fotolia / WeitzmannFoto: faunuslsd Fotolia

Es kommt Radojka Knoche vor, als habe sie dreieinhalb Jahrzehnte einen Dieb beherbergt. Einen, der im Frühling auftauchte und erst im Herbst verschwand. Der ihr tagsüber den Atem nahm und sich nachts zentnerschwer auf ihre Brust setzte, sie in Todesangst, nach Luft schnappend, hochschrecken ließ. Der Dieb hat einen harmlosen Namen: Heuschnupfen. Radojka Knoche stahl er die Freude am Leben, machte sie dauerhaft krank. 17 Jahre schweres Asthma, kraftlose Monate mit sinkendem Lebensmut. Drei Nasenoperationen in elf Jahren, weil Nasenmuschel und Nasenscheidewand sich durch die ständige Entzündung verformten. Dass der Eindringling vor gut einem Jahr ganz ohne schwere Medikamente verschwand, kann sie noch kaum glauben. „Ich fühle mich wieder wohl, ja, wie neu geboren“, sagt die 62-Jährige. Der Satz ist der Rentnerin aus Friedrichshain fast peinlich. Er hört sich an, als sei ein Wunder geschehen.

Das Wunder heißt Eigenbluttherapie und ist für viele Heuschnupfenkranke die bessere Alternative zu Nasenspray, Augentropfen und immer neu auf den Markt geworfenen Antiallergika. Eine homöopathische Behandlungsweise, die sanfter wirkt als die häufig propagierte Hyposensibilisierung, bei der über längere Zeit gespritzt wird, was eigentlich Heuschnupfen auslöst: Allergene, die die Beschwerden zunächst extrem verschlimmern und erst auf lange Sicht Besserung bringen, in heiklen Fällen aber sogar einen allergischen Schock auslösen können. Radojka Knoche fand einen Hausarzt, der auf eine sanftere Methode setzt.

Thomas Minks, Allgemeinmediziner in Kreuzberg, wendet bei vielen seiner Patienten eine spezielle Art der Eigenblutbehandlung an: Er entnimmt nicht in klassischer Manier Blut aus der Vene, um es dann wieder intramuskulär zu injizieren. Er spritzt in die Armvene zunächst ein homöopathisches Präparat, das von Sitzung zu Sitzung variiert – je nach Krankheitsbild etwa Ameisensäure oder auch Schlangenenzyme –, zieht dann etwas Blut heraus, schüttelt das Ganze eine Minute auf und verabreicht den Cocktail per Spritze in den Pomuskel. Dabei geht es weniger darum, die homöopathischen Zusätze zu verabreichen. Entscheidend ist der Impuls, der im Körper eine schwache Abstoßreaktion auf das in die falsche Bahn gelenkte Blut auslöst. Die genügt offenbar, um an der Immunabwehr beteiligte Zellen zu aktivieren. „Man schafft sozusagen eine Provokation“, sagt Thomas Minks. „Die Information, die an der Stelle ankommt, wird systemisch aufgenommen.“ Es wird also eine Schwingung erzeugt, eine Welle mit der gleichen Frequenz geglättet, ein Abwehrimpuls mit dem Abwehrimpuls besänftigt. „Zu 90 Prozent Erfolg“ hat Thomas Minks mit seiner Version der Eigenblutbehandlung. Die besten Erfolge erzielt er, wenn die Therapie früh genug vor dem Pollenflug beginnt. Zehn Injektionen, also 20 Piekser, muss der Patient in einer ersten Sequenz ertragen, nach zwei Wochen eine Sequenz Wiederholung, maximal zwei, jährlich möglichst vor jeder Saison wiederholt. Das ist aufwendiger als die Ohrakupunktur, mit der Minks Pollenallergiker ebenfalls behandelt („spricht bei sechs von zehn Patienten an“), weniger unangenehm als die Ganzkörperakupunktur, bei der er mehrere Nadeln direkt ins Gesicht setzt („Erfolgsquote bei Wiederholung: 75 Prozent“).

Für die Eigenbluttherapie zahlen gesetzliche Krankenkassen nicht, denn schulmedizinisch ist sie, mangels ausreichender Studien, die die Wirksamkeit beweisen würden, nicht anerkannt – und außerdem nicht eben billig. Radojka Knoche war es den Versuch wert. Ihr Wunder kostete sie zehn Raten à 188 Euro.

Selbst Patienten, die nach dem überlangen Winter erst vor kurzem die Therapie starteten, berichten von Erfolgen. Thorsten Klein aus Charlottenburg hat seine Behandlung im April begonnen. „Ich bin etwas nachlässig, ich mach’ erst immer was, wenn’s akut wird“, sagt er. Nach drei Wochen schlug die Kur dennoch an. Schluss mit Schneuzen und Grippegefühl. Jahrelang hatte er geglaubt, er sei erkältet.

Fiona Schnittgen, 37, aus Kreuzberg litt unter Heuschnupfen seit der Teenagerzeit: Erst reagierte sie in den Sommermonaten auf Roggen und Gräser, später begann das Leiden mit den Frühblühern Erle und Birke. Sie nahm die üblichen Antihistamine aus der Apotheke, außerdem Augentropfen und Nasenspray – mit bescheidenem Erfolg. Vor drei Jahren entschied sie sich erstmals zur Eigenbluttherapie. Die Symptome verschwanden sofort. „Mir geht es bestens“, sagt sie. „Ich fühle mich auch frischer.“ Als sie neulich bei einer Hochzeit direkt unter ihrer Allergiehorrorpflanze, einem schwer duftenden Fliederbaum saß, passierte – nichts. Letztes Jahr konnte sie die Therapie sogar aussetzen, ohne Beschwerden zu bekommen.

Mona Philipp, 35, aus Dahlem ist überzeugt, die Behandlung hat ihre Schwangerschaft gerettet. Als sie davon erzählt, ist sie im neunten Monat und erwartet glücklich ihr drittes Kind, einen Jungen. Allergikerin ist sie seit ihrem 22. Lebensjahr. Von Anfang an waren die Beschwerden massiv, Asthma inklusive. „Teilweise dachte ich, ich ersticke in der Nacht. Man fühlt förmlich, wie sich die Last auf die Lunge legt.“ Zweimal pro Nacht duschen, Haare waschen, Fenster nicht mehr öffnen – sie kennt das. Die Allergie wurde wegen ihrer Risikoschwangerschaft zum Problem. „Bei den schweren Hustenanfällen mussten wir ja Angst haben, dass das Kind rausfliegt.“ Diesen Frühling, im siebten Monat, ließ sie sich auf die Eigenblutbehandlung ein. „Ich dachte, wie soll mir das helfen? Aber erstmals habe ich ein Frühjahr überstanden ohne Asthmaanfälle, ohne Kortisonspray – dabei blüht auf unserem Grundstück ein halber botanischer Garten!“

Michael Essers, Facharzt für Inneres in der Praxis am Urban, hat sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Naturheilverfahren der Charité intensiv mit der Wirkungsweise der Eigenblutbehandlung befasst. Er setzt auf diese Methode, allerdings bevorzugt bei Herpesinfektionen, Dermatosen und bestimmten Allergieverläufen. Aber auch bei Heuschnupfen wirke sie immunmodulatorisch, das körpereigene Abwehrsystem werde mindestens stimuliert. Für das Mischen des Blutes mit Zusatzstoffen ist er nicht. „Ich halte das nicht für effektiver. Blut rein, Blut raus entspricht dem Körper mehr.“ Er steigert nach und nach die Dosis des entnommenen und wieder injizierten Blutes auf bis zu fünf Milliliter und reduziert sie dann langsam wieder. Sechs Wochen dauert die Behandlung, Kostenpunkt: 15 Euro pro Sitzung. „Die Wirkung tritt nicht sofort ein“, sagt Essers, doch dann sei sie nachhaltig. „Wenn die Therapie anschlägt, hält das ein Leben lang.“ Doch er schränkt ein: „Es gibt durchaus Leute, bei denen es nicht wirkt.“

Christa Graef, Ärztin mit Naturheilpraxis in Schöneberg, muss, wie sie sagt, gar nicht erst zur Spritze greifen. Sie arbeitet klassisch homöopathisch und verabreicht nach ausführlicher Anamnese bevorzugt Globuli, also Kügelchen. Niesanfälle, entzündete Augen, Jucken am Gaumen, da ist etwa Sabadilla – im Volksmund: Läusesamen – das Mittel der Wahl. Zehn verschiedene Präparate kommen, je nach Art der Beschwerden, infrage. Und obwohl Allergien, wie Graef sagt, meist eine tief liegende Geschichte haben, der Auslöser selbst in der Kindheit liegen kann, muss nicht jeder tief einsteigen. „Ich habe einen Patienten, der kommt jeden Frühling und holt sich die gleichen Kügelchen. Das funktioniert für ihn tatsächlich.“

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