Gesundheit : Gewaltvideos nicht verbieten, sondern das Leiden zeigen

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Hat die Tat von Erfurt - über das konkrete Gymnasium hinaus - Schwachstellen unserer Schulen im Umgang mit Jugendlichen gezeigt?

Natürlich kann man jetzt nicht die konkret betroffenen Lehrer und die Schule an den Pranger stellen. Aber generell spricht einiges dafür, dass die Verständigung zwischen Lehrern und problematischen Schülern nur schlecht gelingt. Wenn Jugendliche sich beispielsweise in die innere Emigration zurückziehen, weil sie mit der Wirklichkeit nicht zurecht kommen, erkennen Pädagogen das oft nicht. Hier fehlt ein professioneller Blick. Ein guter Arzt erkennt ja auch, wenn jemand Magenschmerzen hat. Den Lehrern fehlt es aber an Diagnosefähigkeiten im psychosozialen Bereich. Das kann man ihnen auch kaum vorwerfen: Sie lernen es in ihrer Ausbildung nicht, der es an Wirklichkeitskontakt fehlt.

Was muss sich da ändern, über Verbesserungen bei der Lehrerausbildung hinaus?

Gerade Großstadtschulen brauchen auch einen schulpsychologischen Dienst, auf dessen Hilfe die Lehrer zurückgreifen können, wenn sie einen Schüler in Schwierigkeiten sehen.

Anscheinend ist der jugendliche Täter von Erfurt ja von der Schule entlassen worden, ohne dass man gefragt hat, was aus ihm wird. Das ist sicher kein Einzelfall, auch wenn die Jugendlichen sonst keine so drastischen Konsequenzen ziehen. Was müssen die Schulen in solchen Fällen anders machen?

Wenn die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern fehlt, gibt es wenig Möglichkeiten zum Eingreifen. Elternabende sind an den meisten Schulen nur mäßig besucht, was auch eine Reaktion auf geringes Interesse der Lehrer an Elternarbeit ist. Ich höre öfter Eltern darüber klagen, dass Lehrer sich zu wenig Zeit nehmen: Zehn Minuten Sprechzeit, dann kann man wieder gehen. In den letzten Jahren haben sich die Erwartungen sogar noch auseinander entwickelt: Lehrer meinen die legitime Erwartung an die Eltern zu haben, dass diese Aufgaben wie etwa das Üben zu Hause übernehmen. Eltern wiederum erwarten von der Schule, die Verantwortung für die Ausbildung der Kinder zu übernehmen. Durch die Lücke zwischen beiden Erwartungen können problematische Kinder leicht hindurchschlüpfen. Wir brauchen stattdessen eine lebendige Schulgemeinschaft von Lehrern, Eltern und Schülern, die alle gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Muss die Schule Jugendliche, die sie entlässt nicht begleiten und auffangen?

Kann Schule das denn? Die Lehrer fragen doch, was sollen wir noch alles machen? Ich kann das verstehen. Während die Kinder schulpflichtig sind, gibt es diese Aufsicht ja. Doch danach ist dafür niemand in Sicht. Wir können nicht zu einem Erziehungsstaat werden, der junge Erwachsene immer weiter unter Beobachtung stellt und damit auch ihre Freiheit immer weiter einschränkt.

Sie starten jetzt ein neues Forschungsprojekt über die Todesvorstellungen Jugendlicher, das Sie schon vor Monaten zur Förderung angemeldet haben. Was war dazu der Anlass?

Bei einer Studie an Hauptschulen in Berlin und Bayern, an der auch viele türkische und arabische Jugendliche mit großer Gewaltbereitschaft bis hin zu Tötungsdelikten beteiligt waren, kamen wir auf die Todesvorstellungen der Jugendlichen. Wir wollten wissen, was dahinter steckt, was Tod und Sterben für die Schüler bedeutet. Gibt es dafür beispielsweise auch religiöse Erklärungen? Die Jugendlichen haben oft mit Filmszenen auf unsere Fragen geantwortet. Bei einer Pilotstudie mit 12- bis 16-Jährigen bekamen wir das überraschende Ergebnis: Jungen und Mädchen unterscheiden sich um fast 100 Prozent in ihrer Einschätzung der Szenen. Die Mädchen erlebten die Gewaltszenen fast ausschließlich auf der Beziehungsebene, das heißt sie identifizierten sich mit der Trauer der Angehörigen und betrauerten die Toten. Die Jungen sahen die Todesszenen dagegen rein technisch und operativ etwa mit Fragen, wie: Wie ist die Szene gemacht? Die Mädchen konnten also mit ihrer Vorstellungskraft Mitleid entwickeln, Jungen nicht.

Wie reagierten ältere Schüler?

Mit der neuen Grundlagenstudie wollen wir genau das erforschen. Es haben sich überraschend viele Jugendliche dazu gemeldet, drei Viertel von ihnen haben schon selbst Erfahrungen mit dem Tod von Angehörigen oder Freunden gemacht.

Muss man nach Ihren Erfahrungen Horrorvideos und Killerspiele am Computer verbieten?

Wissenschaftlich kann man ein Verbot von Gewaltvideos jedenfalls nicht begründen. Die Forschung kann keinen direkten Wirkungszusammenhang zwischen dem Medienkonsum und Gewalttätigkeit nachweisen. Aus ästhetischen, moralischen oder anderen Gründen kann man solche Darstellungen natürlich trotzdem verbieten. Anders sieht es schon bei der Frage aus, wer sich solche Filme aussucht. Häufig hat sich die Vorstellung vom Tod da bereits verändert. Wir hatten das Beispiel eines Metzgersohnes, der sich jedes Wochenende fünf bis sechs Schlächtervideos geholt und zu Hause angeschaut hat, wie ein Ritual inszeniert. Er entsprach zwar jedem Klischee, war aber eine Seele von Mensch, fern jeder Gewalttätigkeit.

Also kein Verbot?

Weiter kommt man mit Filmen, die das Leiden stärker zeigen. Bei Gewaltfilmen wird gerade das immer ausgeblendet. Aber nur wer begreift, dass Leiden und Sterben miteinander verbunden sind, kann das nicht mehr glorifizieren. Dies wahrnehmen lernen, heißt mitleiden lernen. Man muss lernen, die Grausamkeit, die man selbst ausübt, als solche zu erkennen, sonst kann man nicht davon ablassen.

Das Gespräch führte Bärbel Schubert.

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