Gesundheit : Giftspritze gegen Tumoren

Deutsche Mediziner entwickeln eine neue Methode zur Behandlung von Lungenmetastasen

Peter Spork

Etwa 400000 Menschen müssen in Deutschland jedes Jahr die Diagnose Krebs verkraften. Die nächste Frage ist meist, ob es bereits Tochtergeschwulste, Metastasen, gibt. Vor allem beim Darmkrebs, mit 66000 Neuerkrankungen pro Jahr der häufigste Krebs überhaupt, ist es ganz entscheidend, ob und wie stark der Haupttumor gestreut hat.

Metastasen verschlechtern die Prognose oft dramatisch, weil sie anders als die meisten Haupttumore nur schwer zu behandeln sind. Onkologen suchen folglich fieberhaft nach neuen Methoden im Kampf gegen die Krebs-Ableger. Neue Chemotherapeutika werden entwickelt, die Metastasen aufspüren und gezielt bekämpfen. Und mit Gentests versuchen Experten den Krebs auszuspionieren, um einzuschätzen, auf welches Mittel die Metastasen am besten reagieren.

Der Radiologe Thomas Vogl und seine Mitarbeiter vom Institut für Interventionelle Radiologie an der Uniklinik Frankfurt am Main versuchen seit Jahren, die Tochtergeschwulste auszumerzen. Jetzt entwickelten sie eine neue Methode zur Bekämpfung von Lungenmetastasen. Ersten Tests zufolge kann sie manchmal in bereits „austherapierten“ Fällen helfen.

„Die Behandlung von Lungenmetastasen ist noch immer ein Riesenproblem“, sagt Vogl. Eine chirurgische Entfernung der Krebsherde komme nur sehr selten in Frage, die Geschwulste kehrten zudem gelegentlich zurück und auch die klassische Chemotherapie versage oft. Bei ihr geben Ärzte die Mittel in den Blutkreislauf. Sie greifen dann überall im Körper auch gesunde Zellen an, was zu den bekannten Nebenwirkungen führt, etwa Entzündungen, Übelkeit, Haarausfall.

Seit wenigen Jahren erproben Ärzte aber noch eine Reihe experimenteller Verfahren: Vor allem in Leber oder Nieren, neuerdings aber auch in vielen anderen Organen einschließlich der Lunge, bekämpfen sie die Krebsherde mit Radiowellen oder Laserstrahlen, die das Gewebe erhitzen und so abtöten.

Den gegensätzlichen Weg bestreiten Kryotherapeuten wie Theodor Junginger von der Uniklinik Mainz: Sie schockgefrieren die Geschwulste und töten sie mit eisiger Kälte von bis zu Minus 196 Grad.

Zu diesem Hoffnung weckenden Reigen gesellt sich nun die so genannte regionale Chemotherapie. Dabei versuchen Ärzte ein Zellgift möglichst nah an den Einsatzort heranzubringen und zu verhindern, dass es in den Blutkreislauf gelangt. Dadurch lässt sich die wirksame Dosis deutlich erhöhen – und mit ihr die Aussicht auf Erfolg. Die Frankfurter Radiologen haben dieses Verfahren schon oft im Kampf gegen Lebermetastasen eingesetzt. Nun übertrugen sie die Technik auf den Einsatz in der Lunge.

Wie sie im Fachblatt „Radiology“ (Band 234, Seite 917) berichten, wurden 23 Patienten zwei bis vier Mal im Abstand von etwa drei Wochen einem ambulanten Eingriff unterzogen. Dabei führten die Ärzte unter lokaler Betäubung einen Katheter in die Lungenarterie ein. Computertomographie-Aufnahmen halfen, den Katheter bis zu jenem Blutgefäß- ast vorzuschieben, der den Krebsherd versorgt. Dann verstopften die Ärzte das Gefäß mit einem Ballon, um es anschließend mit der Antikrebs-Chemie voll zu pumpen. Das Zellgift Mitomycin C sollte die Krebszellen töten. Ein spezielles Öl half ihm, in die bösartigen Zellen einzudringen und so genannte Mikrosphären sorgten dafür, dass der Körper die Medizin nicht zu schnell abbaute.

Bei acht Patienten verkleinerten sich die Geschwulste anschließend, bei sechs kam das Krebswachstum zum Stillstand – bei neun Probanden allerdings wuchsen die Tumore weiter.

Die Transpulmonare Chemoembolisation (TPCE) genannte Methode „ist ein viel versprechender Ansatz zur Behandlung inoperabler Lungenmetastasen“, so das Fazit von Vogl. Ihr größter Vorteil sei, dass sie die Patienten vergleichsweise wenig belaste: „Sie müssen fast keine Nebenwirkungen ertragen und können noch am Tag der Operation nach Hause.“

Diese Vorzüge teilt die Behandlungsmethode mit der Laser- und der Radiowellentherapie. Und wie diese oder sogar mit diesen kombiniert dürfte sie deshalb zunächst vor allem wichtig für die palliative Medizin werden: Weil die neuen Verfahren schonend sind, kann man ihren Einsatz auch unheilbar kranken, mit klassischen Methoden austherapierten Patienten zumuten und deren Lebensqualität mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit verbessern. Das klingt wenig, kann aber im Einzelfall sehr viel bedeuten.

Thomas Pfammatter vom Züricher Universitätsspital, der mit Radiowellen Knochenmetastasen und Nierentumore bekämpft und die regionale Chemotherapie aus der Behandlung der Leber kennt, warnt indes vor übersteigerten Erwartungen: „Der Ansatz ist sehr kreativ, aber für ein abschließendes Urteil muss man viel mehr Erfahrungen über eine längere Beobachtungszeit hinweg sammeln.“

Sollte sich die TCPE eines Tages etablieren, kommt sie hierzulande nach Vogls Schätzungen für 5000 Menschen in Frage. Sie dürfen noch nicht zu schwach sein, nicht mehr als fünf Lungenmetastasen haben, die maximal fünf Zentimeter groß sind. Zudem sollten möglichst keine anderen Organe mit untherapierbaren Metastasen befallen sein. Der Sitz des Haupttumors scheint keinen großen Einfluss auf den Ausgang zu haben: Die acht besonders erfolgreich behandelten Probanden hatten sechs verschiedene Krebsarten, darunter an Darm, Leber und Nieren.

Ob eventuell sogar Heilungserfolge möglich sind, darüber möchte der Frankfurter Radiologe noch nicht spekulieren: „Die Patientengruppe war relativ klein und wir konnten nicht testen, wie eine Kontrollgruppe ohne Eingriff oder mit einer anderen Therapie abgeschnitten hätte“, sagt er und hofft auf die Chance für eine größere Studie. Diese Hoffnung dürfte er mit manchem Patienten teilen.

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