Gesundheit : „Größter Schwindel der Uni-Geschichte“

Streit um Nobelpreise: Die Humboldt-Uni ist nicht die Erbin der alten Berliner Universität, sagt ein Historiker

Anja Kühne

Die Konkurrenz zwischen Freier Universität (FU) und Humboldt-Universität (HU) beschäftigt die Hochschulforschung in China. Die Präsidenten beider Berliner Hochschulen, Dieter Lenzen und Jürgen Mlynek, haben jetzt E-Mails an die Schanghai-Jiao-Tong-Universität geschrieben. Lenzen fordert von den Chinesen, sie sollten in ihrem internationalen Ranking der „Top 500 World Universities“ die Nobelpreise der 1810 gegründeten Berliner Universität auch bei der Einordnung der FU berücksichtigen. Mlynek lehnt das ab. Nur die Humboldt-Universität könne als Nachfolgerin der Berliner Universität gelten. Unterdessen bekommt Lenzen Schützenhilfe: Die Humboldt-Universität sei nach dem Krieg auf einer neuen juristischen Grundlage völlig neu gegründet worden, sagt der FU-Historiker Siegwart Lönnendonker. Sie habe heute deshalb kein Recht, das alte Erbe für sich zu beanspruchen.

„Die beste Lösung wäre es, die Nobelpreisträger beiden Universitäten zuzugestehen“, schlägt FU-Präsident Lenzen dem chinesischen Ranking-Team in seinem Schreiben vom März vor, das dem Tagesspiegel vorliegt. Lenzen beruft sich darauf, dass beide Unis erst 1948 beziehungsweise 1949 gegründet wurden. Die HU sei also nicht mehr Nachfolgerin der alten Universität als die FU.

Die Argumentation des FU-Präsidenten verunsichert die Forscher in Schanghai. Nian Cai Liu, Professor am Institute of Higher Education, bat den HU-Präsidenten um eine Stellungnahme. Mlynek lehnt den von Lenzen vorgeschlagenen Kompromiss in seiner Antwort jedoch ab. Die Nobelpreise gehören der HU, der „rechtmäßigen Nachfolgerin der Berliner Universität“, stellt Mlynek klar und nennt fünf Wissenschaftler: Max Planck, Erwin Schroedinger, Walter Nernst, Peter Debye und Adolf Butenandt.

Ein neuer Akt in einer Posse? Alles begann vor zwei Jahren, als die FU sich mit ihrem Abschneiden im Schanghai-Ranking schmückte. Damals lag sie weltweit auf Platz 95, die HU dagegen in der Gruppe der Ränge von 152 bis 200, in denen die Liste keine Einzelplatzierungen mehr ausweist. Dieser Abstand kam jedoch nur zustande, weil die Chinesen die Nobelpreise der alten Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität der FU zuschlugen. Das ließ HU-Präsident Mlynek nicht auf sich sitzen. Er schrieb an die Uni Schanghai, die daraufhin die Liste zugunsten der HU veränderte. Nun liegt die HU auf Platz 95, die FU belegt einen Platz zwischen 202 bis 310.

Hochschulrankings prägen das Renommee einer Einrichtung. Eine gute Reputation aber hilft jeder Hochschule, die besten Studierenden und Wissenschaftler anzuziehen – und dafür mit öffentlichem Geld unterstützt zu werden, im überschuldeten Berlin eine Frage des langfristigen Überlebens. Deshalb kämpfen die Uni-Präsidenten um gute Noten in Rankings, selbst wenn deren Kriterien fragwürdig sind. Für Berlin ist der Konflikt um die Nobelpreise aber noch mehr. Er berührt die Narben der 40-jährigen Teilung der Stadt. Wem gehört das alte Erbe, dem Osten, dem Westen, beiden?

Lenzen hat die FU in den vergangenen Monaten mehrfach ausdrücklich in die „moralische Nachfolge“ der von Humboldt gegründeten Friedrich-Wilhelms-Universität gestellt. Die Gründung der FU sei nötig geworden, um den Humboldt’schen Geist vor der kommunistischen Diktatur zu bewahren. Aus Sicht mancher an der HU ist Lenzens Geschichtsdeutung eine schreckliche Provokation. Öffentlich geäußert hat sich das HU-Präsidium aber bislang nicht. Jedoch schaltete sich der angesehene FU-Historiker Klaus Zernack mit einer Warnung an beide Universitäten ein, sich angesichts der „Diskontinuitäten“ der Berliner Geschichte allein in die moralische oder rechtliche Nachfolge stellen zu wollen.

Diese Sichtweise unterstützt nun auch der Historiker Siegwart Lönnendonker – zumal, wenn es um die Humboldt-Universität geht. Lönnendonker, der ehemalige Leiter des Archivs „Apo und soziale Bewegungen“ der FU, hat über Jahrzehnte hinweg die Universitätsgeschichte der Berliner Nachkriegszeit erforscht. Er sieht in der HU eine juristische Neugründung der Kommunisten auf einer völlig neuen Rechtsgrundlage. Ziel sei die Umwandlung der Universität in eine „Parteihochschule sowjetischen Typs“ gewesen, „die nicht mehr das Geringste mit den Vorstellungen von Humboldt zu tun hatte“, schreibt Lönnendonker in einer unveröffentlichten Skizze. Das Ergebnis: „Unterdrückung und Verfolgung jeglicher Opposition durch Verhaftung und Verschleppung, Bespitzelung und Terror bis in die Hörsäle“.

Lönnendonker stützt sich vor allem auf Forschungen des FU-Gründungsstudenten und späteren FU-Professors Georg Kotowski. Danach unterstellte die Sowjetische Militäradministration (SMAD) im September 1945 die Berliner Universität der von der SMAD eingerichteten Deutschen Verwaltung für Volksbildung. Als deren untergeordnete Dienststelle sei die Universität jeglichem Einfluss der Westmächte entzogen worden.

Lönnendonker verweist auf einen vertraulichen Bericht aus jener Zeit. Er stammt vom Leiter des Studentenreferats bei der Deutschen Verwaltung für Volksbildung, Rudi Böhm, und ist an den Kulturausschuss des „Deutschen Volksrates“ gerichtet: „Auf Grund dieses Befehls der Besatzungsmacht wurde (…) die Universität Berlin eröffnet – nicht w i e d e r eröffnet. Es ist vermieden worden, an die alte Universität, die bestand, anzuknüpfen, sondern es ist eine neue Schöpfung, eine neue Anstalt, die hier gegründet wurde.“ Diese neue Anstalt, so Böhm weiter, sei noch keine juristische Person des öffentlichen Rechts, dazu müsse ihr Statut erst „von einer Besatzungsmacht“ gebilligt werden. Bis dahin handle es sich juristisch um eine Dienststelle der Deutschen Verwaltung für Volksbildung.

Die Absicht dieser Gründung sowie das juristische Konstrukt verweisen für Lönnendonker auf einen völligen Bruch mit der Geschichte der alten Universität. Der Name „Friedrich-Wilhelms-Universität“ habe aufgehört zu existieren. Alle Anstellungsverhältnisse mit der Universität seien erloschen, von 900 Professoren und Dozenten seien nur 120 neu eingestellt worden. Ebenso seien alle Immatrikulationen erloschen, „die Studenten mussten sich neu bewerben, von über 9000 Bewerbern wurden nur 2800 angenommen“, schreibt Lönnendonker. Alle Einrichtungen der ehemaligen Friedrich-Wilhelms-Universität einschließlich ihrer Institute in den Westsektoren seien „herrenlos“ gewesen. Später habe die SMAD gegen deren Übernahme durch die FU kaum Widerstand geleistet. Dieses Opfer habe man zugunsten des Ziels, der Neugründung und der daraus folgenden alleinigen Kontrolle über die Hochschule, in Kauf genommen.

Lönnendonkers Schluss: Alle späteren Versuche, aus der faktischen Neueröffnung eine Wiedereröffnung zu machen, sowie die Namensgebung „Humboldt-Universität“ seien „der größte Etikettenschwindel in der Geschichte der deutschen Universität“. Die Kommunisten hätten versucht, „sich nachträglich wieder in die Tradition der alten Universität einzuschleichen und sich deren Verdienste in die Tasche zu lügen“. Die Machthaber hätten sich stets in die Kontinuität der alten Universität gestellt, wenn es ihnen genutzt habe, etwa bei den Nobelpreisen, so Lönnendonker. Aber eine Entschädigung der 1933 von der Universität vertriebenen jüdischen Mitarbeiter hätten sie kategorisch abgelehnt.

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