Haarausfall : Die Angst vor dem Kahlschlag

Bei jedem dritten Mann um die 30 lichtet sich das Haar. Eine Pille kann den Verlust stoppen. Eine Behandlung der Ursachen ist noch nicht in Sicht

Sebastian Leber

Freunde können sehr kreativ sein, wenn es darum geht, einem den Haarausfall schönzureden. Zum Beispiel: Irgendwann trifft es doch jeden. Oder: Bruce Willis sieht auch gut damit aus. Oder: Es soll da eine Studie geben, die besagt, dass Glatzenträger patente Familienväter sind. Mark Rienermann* hat das alles nicht getröstet. Und Bruce Willis konnte er sowieso noch nie leiden.

Es gibt unterschiedliche Arten des Haarausfalls. Die häufigste beim Mann – der androgenetische, also erblich bedingte – ist ein schleichender Prozess. Das Kopfhaar dünnt sich über Jahre aus, erst gibt’s vorne Geheimratsecken, dann hinten eine Platte, und am Ende bleibt nur ein Haarkranz. 95 Prozent aller Fälle von Haarausfall beim Mann sind erblich bedingt, bis zum 30. Lebensjahr ist bereits jeder Dritte betroffen. Bei Mark Rienermann fing es kurz nach dem Abitur an, vor sieben Jahren. Jetzt ist er 26. Das Schlimmste, sagt er, sind die vielen Stunden, die man abends vor dem Spiegel steht und sich Fragen stellt. Die erste lautet: Ist das überhaupt richtiger Haarausfall, oder bilde ich mir das nur ein? Denn auch jeder gesunde Mensch verliert bis zu 100 Haare pro Tag, bei durchschnittlich 100 000 Kopfhaaren fällt das nicht auf, und die ausgefallenen werden ersetzt. „Man entdeckt die ersten kahlen Stellen und redet sich ein, dass die immer schon da waren“, sagt der Student.

Irgendwann kam die zweite Frage: Bemerken es die anderen schon? Kann ich es noch verdecken? Und dann, als auch geschicktes Kämmen nichts mehr half, stand Rienermann eines Abends wieder vor dem Spiegel und fragte sich: Soll ich einfach alles abrasieren?

Eine Frage schlägt alle andere: Kann man den Haarausfall irgendwie stoppen? Ja, kann man. Und dass viele Männer darüber nicht Bescheid wissen, erstaunt auch Ulrike Blume-Peytavi. Die Professorin für Dermatologie leitet das Internationale Haarkompetenzzentrum an der Charité. Bis zu 4000 Menschen kommen hier jedes Jahr in die Spezialsprechstunde. Blume-Peytavi sagt: „Haarausfall ist eine komplizierte Angelegenheit. Als Arzt braucht man Zeit, um seinem Patienten alle Möglichkeiten aufzuzeigen – und die haben niedergelassene Ärzte meist nicht.“ Also bekämen Männer mit Haarausfall dort oft zu hören, dass man „eh nicht viel machen könne“. Richtig ist aber: Es gibt zwei Medikamente, die den Haarausfall stoppen können – aber nur, solange man die Therapie fortsetzt.

Das eine heißt Regaine und ist flüssig. Man reibt es auf die Kopfhaut, der enthaltene Wirkstoff Minoxidil fördert die Durchblutung und stimuliert die Haarfollikel. Das andere – und wirksamere – wird unter dem Namen Propecia verkauft und ist in Deutschland seit 1999 als Tablette zugelassen. Langzeitstudien belegen, dass der darin enthaltene Wirkstoff Finasterid in 90 Prozent der Fälle weiteren Haarausfall verhindert und in zwei von drei Fällen sogar neues Wachstum anregt. Zunächst hieß es, das Medikament wirke nur bei jüngeren Männern. Inzwischen haben weitere Studien bewiesen, dass Finasterid auch bei Männern zwischen 40 und 60 Jahren positive Effekte hat. Und dass es, anders als oft selbst von Hautärzten verbreitet, auch im Stirnbereich ein weiteres Zurückweichen des Haaransatzes verhindern kann. „Wichtig ist, dass bei Behandlungsbeginn noch keine Vollglatze eingetreten ist“, sagt die Haarspezialistin der Charité. Denn verkümmerte Haarwurzeln lassen sich nicht reanimieren.

Früher glaubte man, dass zu viel Testosteron die Haare ausfallen lässt. Deshalb konnten sich Glatzenträger damit trösten, dass sie womöglich potenter seien als andere. Beides ist falsch. Nicht die Höhe des Testosteronspiegels ist verantwortlich, sondern dessen Abbauprodukt Dihydrotestosteron (DHT). Noch genauer gesagt: Die Empfindlichkeit der Haarwurzeln für DHT. Das Finasterid wirkt nicht auf die Haare direkt, sondern senkt den DHT-Spiegel im Körper um 70 Prozent. Deshalb wird in seltenen Fällen über Erektions- und Libidostörungen berichtet, die aber nach einigen Wochen, schlimmstenfalls erst nach Absetzen des Medikaments verschwinden.

Ein weiterer Nachteil ist, dass Propecia ein Leben lang genommen werden muss, sonst setzt der Haarausfall nach einem halben Jahr wieder ein. Und: Die eine Tablette am Tag kostet zwei Euro. Krankenkassen übernehmen das nicht – aus ihrer Sicht ist männlicher Haarausfall keine Erkrankung. Das gab Mark Rienermann zu denken: Hochgerechnet auf 50 weitere Lebensjahre müsste er 37 000 Euro im Kampf gegen die Glatze ausgeben. Das ist ein Audi A6, in der Basisversion. Dennoch nimmt der er das Präparat jetzt seit zwei Jahren. Sein Haarausfall ist gestoppt, die Geheimratsecken sind geblieben. Aber er ist zufrieden. „Andere geben so viel Geld fürs Rauchen aus“, sagt er.

Viele Patienten sind ohne Weiteres bereit, die Kosten zu übernehmen. Weil sie gewohnt sind, große Summen auszugeben, um ihre Haare zu retten. Die meisten, die in Blume-Peytavis Sprechstunde kommen, haben zuvor haufenweise Tinkturen getestet. Oft von Herstellern beworben, bei denen man nüchtern betrachtet vorher wissen müsste, dass deren Angebot unseriös ist. Die Stiftung Warentest hat eine Reihe von Anti-Haarausfall-Mitteln getestet. Bis auf Propecia und Regaine fielen alle durch. „Wer verzweifelt ist, probiert’s trotzdem aus“, sagt Mark Rienermann. Blume-Peytavi kennt Patienten, denen Erfolge durch „Soft-Laser-Therapie“ versprochen wurden. „Die ist zwar teuer, aber komplett wirkungslos.“ In Internetforen kursieren zudem die absurdesten Vorschläge, wie man mit Hausmittelchen sein Problem bekämpfen kann. Mit Brennnesselpaste etwa oder mit Honig oder Bier. Manche versuchen es mit Eigenurin. Das Einmassieren auf die Kopfhaut ist dabei die harmlosere Variante.

Die Charité-Ärztin lobt zwar, dass sich Betroffene übers Netz „informieren und austauschen“ könnten. Allerdings werden dort auch Tipps verbreitet, von denen sie dringend abrät. Zum Beispiel kursiert im Internet der Vorschlag, bei der Propecia-Behandlung Kosten zu sparen, indem man auf Prostata-Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff in fünf Mal höherer Dosierung zurückgreift. „Manche besorgen sich die und zerkleinern sie eigenhändig.“ Das sei zwar günstiger, aber nicht ohne Risiko, sagt die Ärztin. Denn dabei werde unter anderem der Schutzfilm zerstört, der sicherstellen soll, dass die Magensäfte die Substanz nicht angreifen. Außerdem darf der Wirkstoff Finasterid nicht von Schwangeren berührt werden. Das könnte zu Entwicklungsstörungen bei männlichen Föten führen. Tatsache ist aber: Viele Hautärzte verschreiben das Prostata-Mittel – und halten die Zerkleinerung für unproblematisch. Auch wenn sie das niemals öffentlich sagen würden. In den letzten Monaten war über Finasterid viel in der Presse zu lesen. Allerdings in einem ungewöhnlichen Zusammenhang: Mehrere Sportler fielen bei Dopingkontrollen durch, weil ihnen Finasterid im Körper nachgewiesen wurde. Der Wirkstoff steht auf dem Index. Nicht, dass er beim Muskelaufbau helfen würde. Aber er erschwert den Nachweis von Stimulanzien.

Das mussten einige Spitzensportler teuer bezahlen – sogar Weltfußballer Romario wurde gesperrt. Auch manche Topstars sind eben eitel.

*Name von der Redaktion geändert

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