Gesundheit : Hans, der Kopfakrobat

Pferde, die rechnen können. Tauben, die als Kunstkritiker in Erscheinung treten – sind das alles nur Tricks?

Roland Knauer

Erstauntes Raunen geht durch das Publikum, wenn der dunkle Hengst neunmal mit dem rechten Vorderhuf auf das Pflaster eines Hinterhofs in der Berliner Griebnowstraße klopft und nach einer kleinen Pause zehn weitere Hufschläge ertönen lässt. So mancher Zuschauer hätte als Lösung für die Bruchrechenaufgabe „zwei Fünftel plus ein Halb“ ganz ohne Papier und Bleistift nicht so schnell neun Zehntel heraus bekommen. Ohne auch nur einen Hufschlag zu zögern, teilt der Hengst gleich darauf mit, wie viele Frauen im Publikum Hüte tragen oder zieht die Wurzel aus der Zahl 729.

Enttarnt der „Kluge Hans“ mit solchen Leistungen die „Krone der Schöpfung“? Modernen Biologen gilt schließlich das von diesem Hengst anscheinend demonstrierte abstrakte Denken als wichtigster Unterschied zwischen Mensch und Tier. Und während Pisa-Studien eben dieses abstrakte Denken in den Schulen abfragen, beweisen in Zirkusarenen und Varietés, aber auch in den Labors moderner Tierphysiologen Dackel, Schimpansen und Tauben anscheinend täglich, wie gut Tiere in dieser Disziplin abschneiden.

Wolfgang Prinz vom Münchner Max- Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften bringt der „Krone der Schöpfung“ aber schließlich doch noch die Ehrenrettung: „Wer genau nachschaut, kann solche rätselhafte Vorgänge oft exakt erklären.“ Auf Anhieb aber funktioniert dieses genaue Hinschauen nicht immer, beweist Wolfgang Prinz mit der Geschichte des „Klugen Hans“.

Der Hengst trat bereits am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Berliner Hinterhöfen auf. Sogar ranghohe Militärs interessierten sich für seine Rechenkünste. Schließlich könnte ein so kluges Pferd ohne großes Enttarnungsrisiko doch auch als Top-Spion hinter den Reihen des Feindes agieren, raunten damals die Generäle einander zu. Vor einem solchen Einsatz in einer Spezialtruppe aber sollte das Pferd erst einmal beweisen, dass es wirklich rechnen könne, beschied das Preußische Kultusministerium. Eine Kommission mit einigen hohen Militärs und Naturwissenschaftlern schaute im September 1904 daher nicht nur dem „Klugen Hans“ auf die Hufe, sondern beobachtete auch den Pferdebesitzer Wilhelm von Osten genau. Das Ergebnis war eindeutig: Der ehemalige Mathematiklehrer wandte keinerlei Tricks an.

Ein paar Monate später aber fiel dem Studenten Oskar Pfungst etwas Sonderbares auf: Sagte der Experimentator zum Beispiel laut eine eben ausgedachte einstellige Zahl und Wilhelm von Osten ergänzte mit einer anderen Ziffer, klopfte der „Kluge Hans“ bei 31 Versuchen satte 29-mal die exakte Summe dieser „Rechnung“. Sobald aber beide Menschen ihre Zahlen nur dem Pferd ins Ohr flüsterten, ohne dass jemand anderes sie kannte, war es mit den Rechenkünsten des Tieres plötzlich vorbei – und nur noch drei von 31 Antworten waren richtig.

Der Hengst rechnete also nur dann richtig, wenn irgendjemand im Publikum die Lösung der Aufgabe kannte. Nicht Wilhelm von Osten trickste, sondern der Hengst, folgerte Oskar Pfungst. Die Tricks des Pferdes enttarnte der Student mit einer speziellen Apparatur, die auch minimale Kopfbewegungen eines Menschen aufzeichnet. Zu Beginn einer Rechnung bewegte der Mathe-Pauker seinen Kopf praktisch unmerkbar ein wenig nach vorn. Sobald der Lehrer aber die richtige Zahl von Hufschlägen gehört hatte, ruckte sein Kopf unwillkürlich, aber nahezu unmerklich ein wenig nach oben. „In Herden lebende Tiere erkennen solche winzigen Zeichen exakt“, erklärt der Münchner Psychologe Wolfgang Prinz heute dieses Verhalten.

Der Rest war für den „Klugen Hans“ einfach: Sobald Wilhelm von Osten oder sonst jemand im Publikum mit dem Kopf ruckte, hörte er mit dem Hufklopfen auf. Dieses von Oskar Pfungst als „Rücktritt“ bezeichnete Verhalten brachte dem Pferd prompt eine Mohrrübe ein, weil das Tier ja vermeintlich richtig gerechnet hatte.

Ähnliche Versuche verblüffen noch heute nicht nur Varieté-Besucher, sondern auch gestandene Naturwissenschaftler. So schaffen es die Tauben des Bochumer Psychologie-Professoren Onur Güntürkün zuverlässig, Bilder von Expressionisten von impressionistischen Meisterwerken zu unterscheiden. Der Wissenschaftler fragte sich schon ernsthaft, wieso wir uns teure Kunstkritiker leisten, wenn Tauben die gleiche Leistung für ein paar Getreidekörner liefern. Als er die anscheinend fantastischen Leistungen seiner Tauben jedoch genauer unter die Lupe nahm, entlarvte sich auch ihre Kunst als eine Beobachtungsgabe von Kleinigkeiten: Die für Tiere ja gar nicht so einfache Unterscheidung von Männern mit langen Haaren und Frauen mit Kurzhaarfrisur gelingt den Tauben zum Beispiel mit Hilfe der Farbtöne: Der Schatten der Bartstoppeln lässt jedes männliche Gesicht ein wenig dunkler scheinen. Anhand solcher Details entdeckt eine Taube wohl auch Menschen auf Bildern. Das legen Experimente nahe, in denen die Vögel anscheinend immer wieder Garnrollen oder sogar Laptops als Menschen erkennen.

Sozial lebende Tiere lernen solche genaue Beobachtung durch exaktes Nachahmen, zeigt Michael Tomasello vom Max- Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sobald der Schimpansenforscher plötzlich zum Himmel schaut, wenden auch die Affen den Blick nach oben, selbst wenn dort so gar nichts zu sehen ist. Aber der Forscher könnte ja einen gefährlichen Raubvogel erspäht haben, also reagiert man besser auch auf dessen kleinste Zeichen. Nicht anders reagieren auch Passanten in der Fußgängerzone, wenn ein Straßenkomödiant zum Himmel starrt.

Das funktioniert bekanntermaßen nur, wenn der Komödiant nicht allzu auffällig agiert. Entlarven die Passanten den Schauspieler aber an Hand übertriebener Gesten als „Simulanten“, reagieren sie oft genauso sauer, wie die Schimpansen manchmal Michael Tomasello gegenüber treten: Reicht der Forscher den Tieren Futter, verliert es aber außer Reichweite der Affen anscheinend zufällig, verzeihen ihm die Schimpansen das „Missgeschick“. Zieht der Wissenschaftler die Hand mit dem Futter aber offensichtlich mutwillig zurück, fangen die Affen das Toben an, obwohl die Situation sich objektiv überhaupt nicht verändert hatte: In beiden Fällen sehen sich die Tiere um das bereits sicher gewähnte Futter doch noch geprellt. Es ist eben ein Unterschied, ob man einen Trick entlarvt oder ihn nicht durchschaut.

Schon vor einem Jahrhundert interessierte sich das Publikum nicht mehr für den Rücktritt des „Klugen Hans“ – nachdem dieser als Reaktion auf den Kopfruck Wilhelm von Ostens enttarnt war.

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