Gesundheit : Harte Versuchung Studiengebühren

Heiko Schwarzburger

Wahlkampfauftakt nun auch an den Hochschulen: Auf einem Treffen der Heinrich-Böll-Stiftung suchten über hundert Experten und Politiker nach konkreten Wegen, die von Bündnis 90 / Die Grünen geforderten Bildungsgutscheine so bald wie möglich in die Hände der Studenten zu bringen. Mit solchen Gutscheinen vom Staat könnten die Studenten direkt auf die Finanzierung einer Hochschule Einfluss nehmen. "Die Hochschulen und Fachbereiche erhalten einen Teil ihres Budgets in Abhängigkeit von den unterrichteten Studenten", sagte Reinhard Loske, bildungspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. "Mit den Gutscheinen wird der Wettbewerb um die Studenten eröffnet", meinte der Grüne. "Dann erhält die ganze Hochschulreform eine neue Dynamik."

Weit gediehen ist das Studienkonten-Modell des rheinland-pfälzischen Bildungsministers Jürgen Zöllner (SPD). Er will jedem Studenten ein Zeitkonto in Höhe von 200 Semesterwochenstunden zugestehen, verteilt über höchstens die doppelte Regelstudienzeit. Mit diesem Konto kann sich der Student an jeder beliebigen Hochschule immatrikulieren und frei wechseln. Sollte nach dem Diplom, dem Bachelor oder Master noch ein Zeitguthaben übrig bleiben, kann der Absolvent mit diesem Bonus an Weiterbildungsprogrammen teilnehmen. Über dieses Modell wird noch beraten.

"Bestrafung für Studenten"

Nordhein-Westfalen und Schleswig-Holstein preferieren ähnliche Modelle. Baden-Württemberg führte hingegen als erstes Land Studiengebühren für so genannte Langzeitstudenten ein. "Dies lehnen wir als völlig unsinnig ab", kritisierte Loske. "Man reformiert die Hochschulen nicht, in dem man die Studenten bestraft." Allerdings steht der baden-württembergische Vorstoß nicht mehr allein: Auch Hamburg, Niedersachsen und das Saarland wollen diese Studiengebühren einführen.

Detlev Müller-Böling, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), sieht in den Bildungsgutscheinen einen ersten Schritt zu "mehr Wettbewerb und einer transparenten Finanzierung der Hochschulen." Er stellt sich vor, Bildungsgutscheine zusammen mit Studiengebühren für das Erststudium einzuführen - was die Grünen nicht wollen. "Diese Mischung würde die Stellung der Studenten gegenüber der Universität noch weiter stärken", sagte er. Durch Stipendien und Darlehen will er verhindern, dass die Kinder ärmerer Familien vom Studium ausgeschlossen bleiben.

Aus einer CHE-Umfrage nannte Müller-Böling Zahlen, wonach heute 47 Prozent der Studenten ein staatliches Darlehen aufnehmen würden, um Studiengebühren von 500 Euro pro Semester zu zahlen. 52 Prozent aller grünen Wähler seien gleichfalls dafür. "Privates, durch den Gesetzgeber gefördertes Bildungssparen wäre eine zusätzliche Möglichkeit, privates Kapital für die Hochschulen zu mobilisieren."

In Europa macht es jeder anders

In den europäischen Ländern gibt es sehr verschiedene Modelle. Skandinavische Studenten erhalten vom Staat eine Art Studentengehalt und werden großzügig unterstützt. Zusätzlich gibt es zinsgünstige Kredite. Die Abzahlung beginnt, wenn sie in den Beruf eingestiegen sind. In Holland erhalten junge Leute eine feste Summe vom Staat, wenn sie ein Studium aufnehmen. Daraus bezahlen sie sowohl die Gebühren als auch ihren Lebensunterhalt. In der Schweiz zahlen Kantone, die keine Hochschule haben, den Kantonen, in denen ihre Landeskinder studieren, etwa 8000 Franken jährlich pro Kopf.

Ronald Mönch, Rektor der Hochschule Bremen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, wies darauf hin, dass Bildungsgutscheine und privates Kapital die öffentliche Finanzierung der Hochschulen niemals ersetzen könnte. Spekulierten die Grünen noch vor Jahresfrist mit einem Anteil von einem Drittel, den eine Hochschule über die Bildungsgutscheine ihrer Studenten einwerben könne, war auf dem jüngsten Treffen nur noch von zwanzig Prozent die Rede. "Achtzig Prozent müssten weiterhin als institutionelle Förderung vom Staat kommen", forderte Mönch.

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