Gesundheit : Hauptstadt der Gebührenflüchtlinge

Wenn Studierende in Berlin auch künftig nicht für ihre Ausbildung zahlen müssen, ist ein neuer Ansturm auf die Unis zu erwarten

Amory Burchard,Tilmann Warnecke

Überall Proteste gegen Studiengebühren – nur in Berlin nicht. Noch nicht. „Studiengebühren werden nicht erhoben“, heißt es im Berliner Hochschulgesetz. Selbst das vom rot-roten Senat bereits beschlossene Studienkonten-Modell scheiterte am Widerstand der PDS-Parteibasis. Im September aber wird das Abgeordnetenhaus neu gewählt. Studentenvertreter befürchten, dass das Verbot nach der Wahl alsbald fällt und wollen die heiße Wahlkampfphase mit Protesten begleiten.

Wie wahrscheinlich sind Gebühren auch in Berlin? Die Spitzenkandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters haben sich in den vergangenen Monaten stets für allgemeine Studiengebühren ausgesprochen. „Man muss jetzt die Entwicklung in den anderen Bundesländern beobachten. Dann wird man sehen, ob die zukünftige Regierung in Berlin bereit ist, Studiengebühren einzuführen“, sagte Amtsinhaber Klaus Wowereit (SPD) im März. Angesichts der leeren öffentlichen Kassen komme man nicht daran vorbei, die Studierenden an den Kosten des Studiums zu beteiligen. Das bedeutet, dass die Kürzungen bei den Hochschulen durch Studiengebühren kompensiert werden sollen.

Noch deutlicher wird Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD): Selbstverständlich solle mit den Studiengebühren die Lehre verbessert werden, aber weil Berlin trotz der extremen Haushaltsnotlage im Vergleich zu den anderen Bundesländern besonders hohe Hochschulausgaben habe, müsse mit einem Teil des Aufkommens auch die Allgemeinheit entlastet werden.

Friedbert Pflüger (CDU) forderte auf dem Landesparteitag der CDU „sozial verträgliche“ Studiengebühren in Höhe von 500 Euro. Doch die CDU gilt nach Umfragen als chancenlos – und in der SPD will außer Finanzsenator Thilo Sarrazin derzeit niemand öffentlich für Gebühren eintreten.

Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD im Abgeordnetenhaus, Christian Gäbler, jedenfalls schließt Studiengebühren auch nach den Wahlen aus (siehe unten), mahnt allerdings die potenziellen Koalitionspartner Linkspartei und Grüne, bei den Studienkonten einzulenken: „Wer das Kontenmodell nicht will, gibt den Gebührenbefürwortern auch in der SPD Auftrieb.“

Sind Studienkonten die Alternative, mit der die Berliner Studierenden nach der Wahl rechnen müssen? Ja, wenn es nach SPD und Linkspartei geht. Die Parteien befürworten aber unterschiedliche Modelle: Die SPD will, dass Studierende, die die Regelstudienzeit um 20 Prozent überziehen, 500 Euro pro Semester zahlen. Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linkspartei) will den Studierenden im ersten Semester ein Stundenkontingent zuteilen, das sie mit individuellem Tempo aufbrauchen können – in bis zu 24 Semestern. Langzeitgebühren, auf die das SPD-Modell hinausläuft, wären damit praktisch ausgeschlossen.

Unterdessen setzen die Studiengebührenpläne von sieben anderen Bundesländern (siehe Tagesspiegel vom 30. Juni) Berlin tatsächlich unter Zugzwang: Wenn die Stadt auf Gebühren verzichtet, könnte über die Hochschulen der Hauptstadt ein Studentenansturm sondergleichen hereinbrechen. Bereits jetzt ist Berlin das beliebteste Bundesland für Studenten aus ganz Deutschland. Kein Land nimmt so viele Abiturienten aus anderen Ländern auf: Nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes kamen 2004 rund 63 000 Studierende an den Berliner Hochschulen nicht aus Berlin (zum Vergleich: In ganz Bayern studierten gut 54 000 Nicht-Bayern). Auf fast jedes Berliner Landeskind kommt damit an den Hochschulen ein Jugendlicher, der woanders sein Abitur abgelegt hat. In Nordrhein-Westfalen und Bayern liegt der Anteil der Landeskinder bei über 70 Prozent. Die Gründe für die Attraktivität der Hauptstadt-Unis sind bekannt: Berlin zieht die Jugend an, und die Hochschulen haben einen guten Ruf. Wenn dann noch der Faktor „kostenloses Studium“ hinzukommt, könnten sich die Zahlen leicht vervielfachen.

Für Studienanfänger würde das bedeuten, dass es noch härter wird, hier einen Studienplatz zu ergattern als bisher. Bereits jetzt besteht an den großen Berliner Unis ein flächendeckender Numerus Clausus, um der großen Bewerberzahl Herr zu werden. An der Charité gibt es jedes Semester fast 20 Bewerbungen für einen Medizinstudienplatz. An den großen Unis sind durchschnittlich vier Bewerbungen auf einen Platz.

Auch wenn darunter viele Mehrfachbewerbungen sind: Wenn der Run auf das gebührenfreie Berlin kommt, würden Abiturienten einen Studienplatz wohl nur mit einer herausragenden Abiturnote ergattern. Theoretisch können die Universitäten in den Fächern mit einem landesweiten NC zwar inzwischen für 60 Prozent der Studienplätze zusätzliche Auswahlkriterien wie ein Gespräch oder einen Eignungstests heranziehen, um ihre Erstsemester auszuwählen. Dann würde der Wert der Abiturnote relativiert werden. Experten sagen aber voraus, dass die Universitäten wegen des enormen Aufwandes für Tests und Gespräche auch künftig vor allem auf der Basis der Abiturnote ihre Studienanfänger zulassen – zumal der Aufwand mit mehr Bewerbern noch größer würde.

Freuen sich die Universitäten womöglich auf den Andrang, weil sie dann die besten Studierenden aus einer noch größeren Bewerbermenge aussuchen können – mit Auswahlgesprächen oder Tests? Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, hält „eine Auswahl von Studierenden durch die Hochschule, so wie sie in anderen Ländern längst üblich ist, für unbedingt notwendig“. Aber wenn die Berliner Universitäten in Zukunft zusätzliche begabte Studierende aufnehmen sollten – was im Interesse des Wissenschaftsstandortes Berlin wäre –, müssten auch zusätzliche Finanzmittel für ihre Ausbildung bereitstellt werden. Da das Land dieses Geld aber nicht habe, könnten auch Studiengebühren helfen, sagt Markschies. Gleichzeitig müsse aber „ein wirklich nachhaltiges Stipendiensystem“ eingeführt werden.

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