Gesundheit : Herzinfarkte: Die Gunst der goldenen Stunde nutzen

Adelheid Müller-Lissner

Der Stadtstaat Berlin und das Bundesland, das ihn umgibt, sind auch im Hinblick auf gesundheitliche Daten noch nicht ein Herz und eine Seele. Auf 100 000 Einwohner sind im Land Brandenburg im Jahr 1999 117,6 Menschen an einem akuten Herzinfarkt gestorben, im Bundesdurchschnitt waren es 85,5 Menschen, und Berlin steht mit etwa 50 Todesfällen pro 100 000 Einwohner in der Statistik sogar besonders günstig da. Eine Großstadt mit dichtem Netz an Krankenhäusern und kurzen Wegen ist für den Kampf gegen eine Krankheit, an der im Bundesdurchschnitt ein Drittel aller Betroffenen vor dem Eintreffen im Krankenhaus sterben, gut gerüstet.

Das Ziel der Brandenburgischen Arbeitsgemeinschaft Kardiologie, die am Sonnabend zu ihrer zweiten Sommertagung nach Potsdam geladen hatte, ist jedoch hoch gesteckt: Durch Anwendung aller wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse will man es schaffen, die Hälfte aller Menschenleben zu retten, die heute dem Herzinfarkt zum Opfer fallen. Ein Trend in diese Richtung, analog zu der erfreulichen Entwicklung im Bundesdurchschnitt, nur auf höherem Niveau, zeigt sich in den letzten Jahren bereits.

Ganz besonders bedeutsam ist es dafür, die Gunst der "goldenen ersten Stunde" nach dem Infarkt zu nutzen: Möglichst viele Patienten und ihre Angehörigen müssen möglichst schnell merken, dass sie ärztliche Hilfe brauchen, die Betroffenen sollten möglichst schon "an der Haustür" behandelt werden und rasch in die Klinik kommen. Noch warten die Brandenburger aber nach einem Infarkt im Schnitt zehn Stunden, bis sie Hilfe rufen. So jedenfalls das vorläufige Ergebnis des Myokardinfarkt-Registers Brandenburg, das der Herzspezialist Michael Oeff vom Städtischen Klinikum Brandenburg bei der Tagung vorstellte.

Bisher wurden hier Daten von 1500 Infarktpatienten aus 30 Krankenhäusern gesammelt. Für den nächsten Schritt nach dem entscheidenden Anruf, den Weg zum Krankenhaus, ergeben sich daraus praktische Verbesserungswünsche wie nachtflugtaugliche Rettungshubschrauber für die gesamte Region und moderne EKG-Geräte mit Handys für die Rettungswagen.

Die technischen Voraussetzungen für die wichtigste Akutmaßnahme, die Wiedereröffnung der verstopften Blutgefäße, sind dabei vorhanden, wie die Brandenburger Kardiologen übereinstimmend mitteilten: Medikamentös kann man den Blutgerinnseln mit der Thrombolyse beikommen, für die ein Mittel in die Vene gespritzt wird. Das kann sogar schon in der Wohnung des Patienten passieren.

Mechanisch kann das Hindernis in speziell dafür ausgerüsteten Herzkatheterlabors beseitigt werden. Bei der PTCA (Perkutane Transluminale Koronar-Angioplastie) wird mit einem dünnen Schlauch ein Ballon bis an die Engstelle im Herzkranzgefäß vorgeschoben und dort aufgeblasen, um das Gefäß wieder durchlässig zu machen. Das Land Brandenburg verfügt mit sieben speziell ausgerüsteten Kliniken auf diesem Gebiet über ausreichend Kapazität. Ein Problem besteht allerdings darin, dass die Patienten vielfach nicht schnell genug aus einer Klinik der Grundversorgung dorthin überwiesen werden.

Was die Wiedereröffnung der Gefäße nach einem Infarkt betrifft, kann aber auch in anderen Bundesländern noch einiges verbessert werden, wie der Ludwigshafener Kardiologe Jochen Senges darlegte: Einem Register zufolge, das seit 1992 in Ludwigshafen und Umgebung geführt wird und das inzwischen schon 27 000 Fälle umfasst, werden nur 52 Prozent aller Patienten nach Infarkt mit einer der beiden Methoden behandelt, davon 40 Prozent mit Medikamenten und zwölf Prozent mit der PTCA. Auch mit der Gabe von Medikamenten, die die Herzkranzgefäße nach einem Infarkt schützen und unterstützen sollen, scheint es noch zu hapern, obwohl die Empfehlungen der Fachgesellschaften eindeutig sind: Acetylsalizylsäure (ASS) wird zwar in 92 Prozent, doch Betablocker und ACE-Hemmer werden nur in 58 und 57 Prozent gegeben.

Mit dem Brandenburger Herzinfarktregister sollen nun genaue Zahlen auch für dieses dünn besiedelte Bundesland gewonnen werden, um die Situation verbessern zu können. "Wir wollen genau wissen, wann und wo nach einem Infarkt was passiert. Dann können wir uns ein Spiegelbild vorhalten und es mit den nationalen und internationalen Vorgaben vergleichen", beschreibt Oeff das ehrgeizige Ziel.

In Berlin läuft ein vergleichbares Vorhaben unter Federführung des Instituts für Gesundheitswissenschaften der TU seit 1998. Nun will man gemeinsam einen Antrag auf Förderung durch das Bundesforschungsministerium stellen. Zumindest die kardiologische Daten-Fusion ist inzwischen also Berlin-Brandenburgische Herzensangelegenheit.

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