Gesundheit : Heute gehört die vom Aussterben bedrohte Art zu den Touristen-Attraktionen der Galapagos-Inseln

Roland Knauer

Als im März 2000 die tausendste Schildkröte auf der Galapagos-Insel Española ausgewildert wurde, feierten Forscher der Charles-Darwin-Station und die gesamte Bevölkerung des Archipels ein rauschendes Fest. Auch Touristen kommen wegen der einmaligen Natur auf die Inseln, die vor Jahrmillionen als nackte Vulkane aus den Tiefen des Pazifiks auftauchten. Seither haben sich zufällig angeschwemmte Tiere und Pflanzen wie in einem Mini-Labor der Evolution auf den einzelnen Inseln zu verschiedenen Arten weiter entwickelt, die möglichst gut an die Gegebenheiten des jeweiligen Eilandes angepasst waren.

Jede größere Insel hat zum Beispiel eigene Arten der tonnenschweren und meterlangen Elefantenschildkröten. Da obendrein niemals große Raubtiere hierher gelangten, haben die Tiere keine Angst vor Feinden - auch nicht vor dem Menschen. Touristen können sich hier exotischen Tierarten wie Drusenköpfen, Meerechsen oder Blaufußtölpeln bis auf Schnappschussentfernung nähern.

Der Mensch aber hat absichtlich und unabsichtlich viele Tierarten vom Festland auf die Inseln eingeschleppt. Verwilderte Ziegen fressen den Schildkröten die Nahrung weg, Ratten machen sich über ihre Eier her. Bei den Riesenschildkröten der Insel Española kamen die Naturschützer, die Mitarbeiter der Charles-Darwin-Forschungsstation auf der Hauptinsel Santa Cruz und die Ranger des Nationalparks, der nahezu das gesamte Archipel und Teile der angrenzenden Gewässer umfasst, beinahe zu spät: Genau zwölf Weibchen und zwei Männchen gab es auf dem Eiland noch, als zwischen 1963 und 1974 alle Schildkröten eingefangen und in eine Zuchtstation auf Santa Cruz gebracht wurden. Denn auf natürlichem Weg vermehrten sie sich in ihrer Heimat nicht mehr.

Wohl aber in der Zuchtstation: 1971 schlüpfte das erste Schildkrötenbaby aus dem Ei. Inzwischen sind tausend junge Schildkröten auf Española ausgewildert worden und beginnen eine neue Population der urtümlichen Tiere dort aufzubauen. Anfangs stand die Bevölkerung der Inseln dem Naturschutz recht skeptisch gegenüber. Erst intensive Aufklärungskampagnen, die jährlich mit mehr als einer viertel Million Mark von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt finanziert werden, haben die Menschen auf den Inseln davon überzeugt, dass die einzigartige Tierwelt von Galapagos mit flügellosen Kormoranen, Pelikanen, Albatrossen und den nördlichsten Pinguinen der Welt vom Leben im Meer und damit von der Schutzzone abhängt. Fangen die Industriefischer aus Ecuador und Japan diese Nahrungsgrundlage leer, werden auch die Touristen ausbleiben, die den Lebensunterhalt der meisten Menschen auf den Insel sichern.

1997 und 1998 eskalierte der Konflikt, als rabiate Fischer vom Festland mehr als einmal Wissenschaftler und Naturschützer der Charles-Darwin-Station auf den Inseln als Geiseln nahmen und Mordanschläge verübten. Die Industriefischer sind vor allem auf Seegurken und Haifische aus, die sich auf den Märkten Asiens hervorragend vermarkten lassen. Gerade die Seegurke spielt eine zentrale Rolle im Ökosystem um die Inseln.

In dieser Woche ist es zu einem neuerlichen Vorfall gekommen: Fischer haben 300 junge Meeresschildkröten der vom Aussterben bedrohten Art Holoturias entführt. Damit wollten sie die Erlaubnis zur Jagd auf die erwachsenen Exemplare erzwingen. Inzwischen wissen die Menschen aber, dass ihr eigenes Einkommen aus dem Tourismus von einem intakten Ökosystem auf den Inseln und in den umliegenden Gewässern abhängt. Jetzt protestieren sie selbst gegen die illegale Ausbeutung der Meere durch Industriefischer.

Die Entwicklung der Galapagos-Inseln zeigt, wie Naturschutz drohende Gefahren abwenden kann: Die Zuchtstation für Schildkröten und das Abschießen eingeschleppter Tierarten verhindern unmittelbar die Ausrottung einzigartiger einheimischer Arten. Gleichzeitig hat man die Bevölkerung davon überzeugt, dass sie in einer einmaligen Natur lebt und mit dieser ihren Lebensunterhalt verdienen kann. Der World Wide Fund for Nature (WWF) stellt Galapagos auf der Expo 2000 als eine der Regionen der Welt vor, die auf diesem Globus unersetzlich sind.Aus der Tagesspiegel-Serie "WWF: Schützenswerte Gebiete der Erde" (Teil 7)

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