Gesundheit : Hier spricht der Löschknecht

TOM HEITHOFF

Serie Studentenjobs: Ein Tag als Videokassetten-Löscher und Codierer bei einem FernsehsenderVON TOM HEITHOFFDie Tür quietscht im dritten Stock des Fernsehsenders.Maschinen, Regale, Videokassetten.Das also ist der Arbeitsplatz - aber auch ein Platz zum Arbeiten? Eine Kammer, gefüllt mit elektrisch aufgeladener Luft.Nein, Luft ist das eigentlich nicht.Kein Fenster.Da kann sich der Löschknecht noch so oft umdrehen.Dafür tropische Hitze.Die Video-Codier-Rekorder sirren in hohen Tönen, leise, doch eindringlich.Musik läuft aus dem Radio und wird in regelmäßigen Abständen unterbrochen von der elektromagnetischen Störmacht um mich herum. Die gesendeten oder beim Schnitt benutzten Videobänder landen alle in einer Kiste.Und die Kiste landet beim Löschknecht.Die Hand greift hinein und zieht eine Kassette heraus.Die andere Hand reißt mit einem Ruck die auf der Kassette klebende Etikette ab, wobei die zarte Haut unter dem Fingernagel einreißt.Anschließend versucht der Verletzte, die Blutung zu stillen.Die zurückgespulte Kassette wird in eine hüfthohe Eisenkiste gestopft.Der Finger drückt auf einen Knopf, mit der Folge, daß ein magnetisches Kraftfeld auf- und wieder abgebaut wird, was dem Löschknecht als zehnmaliges dumpfes Knallen in die Ohren dringt.Mit interessiertem Blick verfolgt er, wie die zu löschende Kassette auf- und niederfährt. Auf jeder Kassette wird mit einem Strich vermerkt, wieviele Löschungen sie nun hinter sich hat.Höchstens vier Striche darf sie tragen.Die einmal gelöschten Kassetten bekommen ihren Platz links auf dem Tisch, rechts wachsen die viermal gelöschten in die stickige Luft.Der Löschknecht sieht die Tür nicht mehr. Diese vielen Knöpfe! Er fühlt sich anfangs wie ein Flugkapitän.Die LCD-Ziffern blinken - composite on - Timecode auf TC.Die Codenummer 09581000 für die Einfachgelöschten, 09575000 für die zweimal, 09573000 für die dreimal Gelöschten und schließlich die 09571000 - Kontrolle o.k.Kippschalter in Mittelstellung, Rekord, Start und der Codiervorgang läuft.Nach drei Stunden kann er die Nummern auswendig.Fliegen ist langweilig, denkt er, todlangweilig sogar. Die Kassetten sind gelöscht und codiert.Sie warten auf die erneute Verwendung in einem der Schnitträume.Ein Cutter stürzt herein.Er greift ins Regal, doch er ist nicht schnell genug, denn seine Cutterkollegen haben es längst wieder ausgeräumt.Er faßt ins Leere und schimpft auf den Löschknecht. Als eines schönen Tages das Telefon klingelt, nimmt der Schwitzende den Hörer ab, räuspert sich und sagt mit fester Stimme: "Hier spricht der Löschknecht, wer spricht da?" Die Dame aus der höheren Etage fragt: "Wer spricht da bitte?", und als der Löschknecht sagt: "Der Löschknecht", flötet sie: "Dann habe ich mich also doch nicht verhört".Und nur weil er der Dame zustimmt, wird sie böse.Was hat der Löschknecht bloß falsch gemacht? Manche behaupten, monotone Beschäftigung sei dem Denken förderlich.Ebenso könne ein monotones Geräusch den einen oder anderen Gedanken freisetzen.Es rauscht, aber es ist ein gedankenloses Rauschen, und nur selten und mit allergrößter Mühe kann der Löschknecht diese enervierende Frequenz in das Murmeln eines Baches umdeuten, der sich durchs Gehirn schlängelt.Manchmal steckt einer den Kopf durch die Tür und fängt an, hämisch zu lachen.Ich sage nur: Ja, ja.Wenn er feststellt, es sei wirklich unerträglich heiß hier, sage ich: Ja, ja.Und wenn er fragt, ob mir der Job Spaß mache, sage ich natürlich auch: Ja, ja.Manchmal aber, auch das kommt vor, steckt einer den Kopf herein und legt sein Gesicht in tiefe Mitleidsfalten.Dann ist der Löschknecht zufrieden und mit der Welt ausgesöhnt.Dann kann man einen Löschknecht sogar lächeln sehen. Neulich erst hat es einer geschafft; ein Löschknecht ist nach drei Jahren aufgestiegen in die nächste Etage und schneidet nun Nachrichtenbilder hintereinander.Wir Löschknechte schauen zu ihm auf und machen artig weiter.Wir spulen und löschen und kennen keinen Neid.Wie man hört, soll die Luft da oben auch schlecht sein.Löschknechte erkennt man an der blassen Gesichtsfarbe.Dafür ist nicht nur die lichtgeschützte Lage des Arbeitsplatzes verantwortlich.Ihre Tätigkeit vernichtet Bilder, die dem Fernsehgucker gestern noch die Wirklichkeit bedeuteten.Mit einem Knopfdruck läßt der Löschknecht die bunte Welt im Löschgerät versinken, und ein bißchen löscht er sich dabei auch selber die Farbe aus dem Gesicht. Den niederen Dienst bejahen, heißt: das Leben bejahen.Diese großartige Erkenntnis wächst schon nach wenigen Monaten.Er schaut auf.Ein leeres Regal voller Sehnsüchte - und voller Sinn.Und wieder greift der Löschknecht in die Kiste.Und wieder rollt er, Sisyphos gleich, die Videobänder hinauf und weiß, daß nichts so bleibt, wie es ist.Und doch möchte er nicht woanders sein; wo sonst, sagt er sich, kann man so schön über die tiefere Bedeutung menschlichen Tuns nachdenken.Man muß sich den Löschknecht als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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