Gesundheit : Hilfe für russische Bibliotheken

Helmut Casper

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland auf kulturellem Gebiet nimmt erfreuliche Formen an. In die Frage der Rückgabe von Beutekunst-Objekten ist Bewegung gekommen. So ist vereinbart, die mittelalterlichen Glasmalereien der Marienkirche in Frankfurt/Oder nach ihrer Restaurierung und Präsentation in Sankt Petersburg an ihren Heimatort zurückzugeben. Für die kommenden Jahre sind gemeinsame Ausstellungen in Moskau und Berlin geplant. 2003 soll das Jahr der russischen Kultur in Deutschland seit, 2004 wird deutsche Kultur und Kunst in Russland präsentiert.

Überdies zeichnet sich eine Zusammenarbeit auf ganz anderem Gebiet ab. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, hat russischen Bibliotheken Hilfe bei der Restaurierung gefährdeter Buchbestände angeboten. Er konkretisiert damit ein Angebot, das schon bei dem Petersburger Dialog im April des vergangenen Jahres den Russen unterbreitet wurde. Er kennt die schwierige Situation dieser Sammlungen sehr gut aus seiner früheren Tätigkeit als Leiter der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main und der Deutschen Bücherei in Leipzig.

Bibliotheksgebäude in Moskau, Sankt Petersburg und anderen Städten befinden sich in einem beklagenswerten Zustand. Es ist zu befürchten, dass sich unersetzliche Bestände über kurz oder lang auflösen, wenn nicht rasch gehandelt wird. "Zu den besonders gefährdeten Objekten" - so Lehmann - "gehören Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Handschriften aus der Zeit ab 1850, als man das billige Holzschliffpapier statt der bisherigen haltbaren Papiere aus Textilfasern benutzte. Auch unsere Bibliotheken und Archive kämpfen mit diesem Problem. Aus fein gemahlenem Holzpartikeln erzeugt, enthält dieses Industriepapier säurebildende Substanzen, die im Zusammenwirken mit Feuchtigkeit, Lichteinstrahlung und anderen Faktoren verhängnisvolle Folgen haben - dazu gehören Brüchigkeit, Verbräunung, letztlich völlige Auflösung des Papiers."

Das könne und wolle sich Russland, das immer darauf stolz war, ein gutes Verhältnis zum Buch zu haben, nicht leisten. Doch seien die Möglichkeiten der Russen begrenzt. Zwar habe man dort hervorragende Buchrestauratoren, doch hier gehe es um ein Massenphänomen, sagt Klaus-Dieter Lehmann. "Wir bieten unsere fachliche Hilfe an, wollen Geräte hinschicken und russische Fachleute ausbilden, denn auch in unseren Bibliotheken und Archiven kämpfen wir mit den Folgen der seinerzeit so segensreichen Erfindung des Holzschliffpapiers, das den massenhaften Druck von Büchern und Periodica überhaupt erst ermöglichte".

Klaus-Dieter Lehmann kennt die Mittel gegen den Verfall des Holzschliffpapiers genau, war er doch noch in seiner früheren Tätigkeit als Bibliotheksdirektor an der Entwicklung eines patentierten Verfahrens zur Papierentsäuerung beteiligt. "Die Bücher werden komplett in eine Röhre geschoben und unter Bedingungen des Hochvakuums in ein Tauchbad gebracht. Dabei fällen die schädlichen Säuren aus, das Papier wird basisch gepuffert. Die Zersetzungsprozesse sind nachhaltig gestoppt, ohne dass das Papier in seiner Erscheinung oder Zusammensetzung verändert worden wäre." Die Prozedur dauert etwa vier Stunden, einschließlich der Entwässerung und Trocknung. Lediglich dort, wo Ledereinbände oder Metall im Spiel sind, kann das Verfahren nicht angewandt werden.

Lehmann bescheinigt den so behandelten Büchern eine Haltbarkeit von einigen hundert Jahren. Das Verfahren komme ohne viel Personal aus, weil es vollautomatisch abläuft. Die Kosten seien mit etwa 18 Mark pro Kilogramm Buch erträglich. Bei zahllosen Büchern der Berliner Staatsbibliothek und anderer Sammlungen habe man bereits diese lebensverlängernde Maßnahme mit Erfolg eingesetzt. Die Hilfestellung für ein russisches Zentrum für Bucherhaltung soll aber nicht nur "saure Bücher" retten, sagt der Stiftungspräsident, es sollen auch Handschriften und Frühdrucke, Zeitschriften und Zeitungen vor dem Zerfall gerettet werden. Dazu würden Verfahren wie Papierspaltung, Mikroverfilmung und Digitalisierung angeboten, aber auch Schimmelbekämpfung und Trockenreinigung. Lehmann stellt sich das Moskauer Zentrum als ein deutsch-russisches Gemeinschaftsprojekt vor, bei dem die russische Seite die Räumlichkeiten und das Personal zur Verfügung stellt und den Betrieb realisiert. Die deutsche Seite würde die großtechnische Ausstattung liefern und die Schulung leiten. Unterstützung habe bereits die Soros-Foundation zugesagt, die sich stark bei Kulturprojekten in Osteuropa engagiert. Weitere Kapitalgeber und Sponsoren würden bei der Wirtschaft beider Länder eingeworben. "Es geht um rund zehn Millionen Mark für Investitionen und die Kosten während der ersten Betriebsjahre." Im Dezember vergangenen Jahres wurden die Gespräche in Moskau mit der russischen Regierung und den wichtigsten Vertretern der Bibliotheken und Archive geführt.

Klaus-Dieter Lehmann wird es nicht möglich sein, eigene Buchrestauratoren abzuzweigen, wohl aber will er sich dafür einsetzen, dass das Verfahren auch in Russland bekannt und angewandt wird. Eine stille Hoffnung bleibt für den Bibliothekar und Stiftungspräsidenten, nämlich dass durch ein "atmosphärisch verbessertes Verhandlungsklima", wie er sagt, auch die Trophäenbücher, die von der Roten Armee nach 1945 mitgenommen wurden und in völlig unzulänglichen Depots verkommen, in den Genuss der genannten Rettungsmaßnahmen kommen - dann aber in deutschen Werkstätten.

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