Gesundheit : Hochschul-Karrieren: Glaubenskrieg um Juniorprofessoren und die Habilitation

Uwe Schlicht

Auch Profesoren sind Menschen, die wenig altruistisch denken. Bisher sind die Professoren wegen des Geldes auf die Barrikaden gegangen. Ihr Grundgehalt soll künftig geringer als heute ausfallen, aber wer sich mehr anstrengt als die anderen, erhält Zulagen für seine nachweisbaren Leistungen. Trotz aller Bestandszusagen für die älteren Professoren geraten die Gemüter in Wallung. Und dann gibt es noch die unerhörte Zumutung, dass die Universitätsprofessoren ein höheres Grundgehalt (8300 Mark) als die Fachhochschulprofessoren (7000 Mark) erhalten könnten. Darum tobt ein wahrer Glaubenskrieg. Jetzt gehen die Vertreter der Professoren im Hochschulverband und den Fakultätentagen auch gegen die geplante Einführung von Juniorprofessoren vor. Es geht um die Frage: Soll sich der wissenschaftliche Nachwuchs wie bisher habilitieren oder wie in den USA über Juniorprofessuren qualifizieren?

Im Ausland unbekannt

Die Habilitation ist im Ausland so gut wie unbekannt. In Deutschland gilt sie als der Königsweg zur Berufung eines Nachwuchswissenschaftlers. Die Hochschulreformer wollen auf die Habilitation verzichten, damit die Nachwuchswissenschaftler nicht erst mit 40 ihre Erstberufung erhalten, sondern wesentlich früher. Im kreativsten Alter sollen die jungen Kräfte forschen und sich nicht nach der Promotion jahrelang mit einer weiteren großen schriftlichen Arbeit herumschlagen. Eine Alternative zur Habilitation haben selbst die Hochschulrektoren befürwortet. Schließlich wäre der Verzicht auf die Habilitation auch ein Schritt, um mehr Frauen für die Wissenschaft zu gewinnen. Es ist zu erwarten, dass der Wissenschaftsrat im Herbst in seinem Gutachten zur Dienstrechtsreform den generellen Verzicht auf die Habilitation empfehlen wird.

Die Dienstrechtsreform ist Teil einer umfassenden Hochschulreform. Alles soll schneller gehen. Die begabtesten jungen Deutschen erreichen künftig nach dem Bachelor- und Masterstudium im Alter von 25 Jahren die Voraussetzung zur Promotion. Mit 28 Jahren haben sie den Doktor in der Tasche. Danach sollen sich die besten jungen Wissenschaftler zwei Jahre als Postdoktoranden bewähren und vier Jahre als Assistenzprofessoren möglichst an einer anderen Hochschule in Deutschland oder im Ausland arbeiten. Die Kultusministerkonferenz der Länder geht davon aus, dass Assistenzprofessoren mit 35 Jahren die Erstberufung zum Professor erreichen. Die Habilitation wäre keine Pflichtübung mehr.

Die Expertenkommission, die Bundeswissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn eingesetzt hat, spricht lieber von Juniorprofessoren als von Assistenzprofessoren, um deren Unabhängigkeit von etablierten Lehrstuhlinhabern noch deutlicher herauzustellen. Auch die Expertenkommission geht davon aus, dass der Juniorprofessor sich nach einer herausragenden Promotion anschließend an eine andere Universität oder an ein Forschungsinstitut begibt, um sich dort in der Praxis zu bewähren. Nach diesem Wechsel an eine andere Institution könnte die Qualifikation in Forschung und Lehre von der aufnehmenden Hochschule so gut beurteilt werden, dass einer Berufung auf eine Professur an derselben Hochschule auch ohne Habilitation nichts mehr im Wege stehen würde. Die verpönte "Hausberufung" wäre damit akzeptiert. Im Zeitablauf unterscheidet sich jedoch das Modell der Expertenkommission von dem der Kultusministerkonferenz: Die Erstberufung ist für den Juniorprofessor erst mit 38 Jahren wahrscheinlich und damit zu einem Zeitpunkt, der kaum die erwünschte Beschleunigung bringt.

Die Gralshüter der Tradition haben jetzt alle diese Reformvorschläge abgelehnt. In der Zeitschrift des Hochschulverbandes äußerten sich die Repräsentanten der deutschen Fakultätentage einschlägig: Der Sprecher des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultätentages, Heinz Mehlhorn, befürchtet, dass die für Forschung und Lehre gewährte Grundausstattung nicht mehr ausreichen werde. Da schon heute die Grundausstattung für die Professoren auf Lebenszeit zu knapp bemessen sei, werde es bei der geforderten Kostenneutralität der Reform zu einer weiteren Verdünnung kommen, wenn jetzt auch noch die Juniorprofessoren zum Zuge kämen. In den Naturwissenschaften reichten die erworbenen Kenntnisse während einer relativ kurzen Promotionszeit ohnehin nicht aus, damit sich der Nachwuchswissenschaftler ohne weitere Anleitung tiefgreifende Gebiete erschließen könnte. Deswegen sei nach wie vor die Habilitation notwendig.

Der Vorsitzende Fakultätentages der Juristen, Peter Huber, nennt die Habilitation einen "zentralen und unverzichtbaren Nachweis" selbstständiger Forschung. Eine Ansammlung kleinerer juristischer Beiträge in noch so renommierten Fachzeitschriften könne eine Habilitation nicht ersetzen.

Der Sprecher des Philosophischen Fakultätentages, Reinhold Grimm, spricht von einer "unüberlegten Übertragung eines amerikanischen Modells" auf Deutschland. Für die Geisteswissenschaften seien der Wegfall der Habilitation und mögliche Hausberufungen von Juniorprofessoren "nicht akzeptabel". Alfred Kieser, der Vorsitzende des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultätentages kritisiert, dass die Überleitung eines Juniorprofessors in eine Lebenszeitstellung ohne Habilitation einer "Hausberufung gleichkommt". In den USA funktioniere der Juniorprofessor nur deshalb, weil es dort ein anspruchsvolles Doktorandenstudium und einen funktionierenden Wettbewerb zwischen den Universitäten gebe. Außerdem seien dort genügend Departments mit viel mehr Professuren als in Deutschland vorhanden. Ohne diese weitaus besseren Voraussetzungen hänge der Juniorprofessor in der Luft.

Techniker setzen auf Praktiker

Vor einem ganz anderen Erfahrungshintergrund urteilen die Techniker. Ingenieure verzichten schon heute weitgehend auf die Habilitation. Aber deswegen wird für die Ingenieure der Juniorprofessor keineswegs sympathischer. Wieland Ramm, der Vorsitzende des Fakultätentages für Bauingenieur- und Vermessungswesen meint, dass der Juniorprofessor keine Bedeutung erlangen könnte, weil im Bauingenieurwesen vor allem eine mehrjährige Tätigkeit des Ingenieurs in der Praxis die Voraussetzung für eine Berufung auf eine Professur sei. Ähnlich äußert sich Heinz-Ulrich Seidel für den Fakultätentag Elektrotechnik und Informationstechnik: Der Juniorprofessor dürfe nicht zum Regelfall beim Zugang auf eine Lebenszeitprofessur werden. Die Elekrotechnik sei auf die Berufung hervorragender Fachleute aus den Unternehmen oder aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen angewiesen.

Durch solche Totalkritik droht die gesamte Besoldungs- und Dienstrechtsreform im Parteienstreit zu zerbröseln. Kultusminister der Union scheren bereits aus der Front der Befürworter aus. Es ist zu erwarten, dass der Streit um Juniorprofessoren und die Habilitation nach dem Sommer an Schärfe gewinnt. Der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer hatte noch in seiner Eigenschaft als Präsident der Kultusministerkonferenz die Fakultätentage gewarnt, zu jeder Reform nur Nein zu sagen. Die Warnung war wohl vergeblich.

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