Gesundheit : Hochschulreform: Jeder sieht sich an der Spitze

Anja Kühne

Die deutsche Hochschullandschaft ist flach wie die Nordseeküste und das Wattenmeer: Nichts ragt heraus. Vereinzelte Leuchttürme werden vom dichten Nebel verschluckt, der die Welt grau und gleich macht. So sehen es zumindest die Hochschulexperten, die sich am Wochenende in München trafen, um auf Einladung der Hanns Martin Schleyer- und Nixdorf-Stiftung sowie der Technischen Universität München über die Misere zu diskutieren.

Ginge es nach ihnen, würde die Hochschullandschaft bald aussehen wie das Alpenland in Bayern: überall Berge. In ihrer Mitte aber soll eine Zugspitze sein, die so weit in den Himmel ragt, dass man sie noch in Amerika mit bloßem Auge erkennen kann, in Harvard oder Princeton. "Wie gestaltet man Spitzenuniversitäten?" lautete das Thema. Denn nicht anders als die Unternehmen stehen Forschung und Bildung mittlerweile in weltweiter Konkurrenz um Studierende und Wissenschaftler. Im Ausland aber sind Unis wie die TU München oder die Freie Universität Berlin nicht bekannter als die in Clausthal-Zellerfeld.

Die Trägheit der Masse verhindert, dass sich das Gute zum Besten entfalten kann. Und dass sich eine schlagkräftige Elite an einem Ort formieren kann, um sich gemeinsam zum Sturm auf das internationale Parkett zu wappnen. Auf dem Symposium ging es daher zunächst darum, die Höhe der Decke festzustellen, nach der hiesige Unis sich strecken müssen, um international mitzuhalten.

Seit Jahrzehnten ist in Deutschland vor dem Staat jede Uni gleich, die Studierenden werden gleich verteilt, die Professoren gleich besoldet, kritisierten gleich mehrere Redner. Immerhin hat dies den deutschen Hochschulen ein im Vergleich mit den USA höheres Durchschnittsniveau und einen "erheblichen Modernisierungsschub" gebracht, hielt Niedersachsens Wissenschaftsminister Thomas Oppermann (SPD) dagegen. Doch diese, wie auch der Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung, Detlef Müller-Böling zugestand, "relativ homogenen Leistungen auf beachtlich hohem Niveau" könnten in Zukunft nicht mehr ausreichen.

Über die Heilmittel waren sich die eingeladenen Referenten aus Politik und Wissenschaft im Wesentlichen einig. Das meist gebrauchte Wort des Symposiums lautete "Wettbewerb", dicht gefolgt von "Autonomie". Vertreter aus den wohlhabenden Ländern Bayern und Baden-Württemberg forderten selbstbewusst eine echte Konkurrenz zwischen den Bundesländern - ohne Kontrolle vom Bund. "Brauchen wir wirklich noch ein Hochschulrahmengesetz und ein Bundesbesoldungsgesetz?" fragte Arnulf Melzer, Vizepräsident der TU München. Die von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) geplante Dienstrechtsreform wurde als nicht ausreichend verworfen. Vielmehr sollten die Unis künftig ganz allein entscheiden, wie viel ihnen ein Dozent wert ist.

Keine Heilserwartungen an die Privaten

Doch den Wunsch nach einer Welt, in der es weder Hochschulgesetze noch Hochschulabteilungen in den Ministerien gibt, wiesen die Politiker zurück. "Die Hochschulen haben heute sehr viel mehr Autonomie als sie zugeben", hielt Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (CDU) den Rektoren vor. Der Staat als Träger der überwiegenden Finanzierungslast könne die staatlichen Hochschulen aber nicht in eine private Trägerschaft überführen und auf seine Verantwortung ganz verzichten. Statt dessen will von Trotha die Unis mit Zielvereinbarungen oder der leistungsorientierten Mittelvergabe weiter in die Eigenverantwortung entlassen. Von privaten Mäzenen erhofft er sich in absehbarer Zeit keine nennenswerte Entlastung, auch von Privatunis nicht. Zur Zeit machten sie 25 Prozent aller Unis aus, unterrichteten aber nur 2,5 Prozent der Studierenden und zwar vor allem in preiswerten "Buchwissenschaften". Oppermann, der für die Zukunft öffentlich-rechtliche Stiftungsunis plant, sprach sich ebenfalls gegen einen Rückzug des Staates aus: Der Staat könne die Aufsicht etwa über Berufungsverfahren schon angesichts der "katastrophalen Situation für Frauen" und der damit einhergehenden Ressourcenverschwendung nicht an die Unis abgeben. Dass Oppermann damit Recht hat, zeigte auch die Zusammensetzung des Podiums in München: Von 13 Rednern waren 13 Männer.

Viel Applaus erhielten auch wiederholte Forderungen nach Studiengebühren und ein Studentenauswahlrecht der Hochschulen. Bislang können die Studierenden Fach und Hochschule frei wählen, bis auf die zentrale Verteilung in Fächern mit Numerus Clausus. "Das möchte ich lieber heute als morgen auf den Müll werfen", sagte von Trotha. Auswahlgespräche könnten viele Studienbewerber vor zeitraubenden Fehlentscheidungen bewahren. Das veranlasste Moderator Josef Joffe ("Die Zeit") zu der Fragen, ob "sozial denkende Mütter" nicht dazu neigen müssten, "Reise nach Jerusalem mit so vielen Stühlen wie Kindern zu spielen". Wenn sich nichts ändert, wird das Reisespiel erst richtig losgehen, antwortete TU-Präsident Wolfgang Herrmann: "Die besten werden aus dem Land abwandern."

Diese Besten sind es aber, die die "Spitzenuniversitäten" in spe ausschließlich aufnehmen wollen. Die von den Experten geforderten 40 Prozent eines Jahrgangs, die in Zukunft studieren sollen, gehörten vor allem an die Fachhochschule, waren sich die Vertreter der Universitäten einig. Die Unis wollten sich auf die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses konzentrieren. Darüber, wieviele "Spitzenuniversitäten" Deutschland denn braucht, ließ sich jedoch keine Einigkeit finden. Oppermann schweben "möglichst viele sehr gute Spitzenuniversitäten" vor. Für eine Schicht von zehn Prozent sprach sich der Vorsitzende der Degussa, Utz-Hellmuth Felcht, aus: "Die unteren zehn Prozent werden aufgelöst." Besonders elitär gab sich von Trotha: "Nach der Definition gibt es nur eine Spitzenuniversität."

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