Gesundheit : Hochschulstudium: Suche nach den fehlenden Studenten

Bärbel Schubert

Die Kultusminister tun sich schwer mit ihrer Entscheidung, wie sie künftig für mehr Akademiker in Deutschland sorgen wollen. Dabei liegt die Brisanz spätestens seit der Green-Card-Debatte auf der Hand. Es fehlen bereits Computerspezialisten und Naturwissenschaftler. Wenn in den nächsten Jahren jeder zweite Professor in den Ruhestand geht, sind auch an Hochschulen und Forschungseinrichtungen Engpässe absehbar. Will Deutschland seine hochqualifizierten Fachkräfte im Grundsatz wieder selbst ausbilden oder lieber aus dem Ausland holen? Ihren Beschluss, was sie tun wollen, haben die Schul- und Wissenschaftsminister bei ihrer jüngsten Plenartagung vergangene Woche in Hamburg auf Oktober verschoben.

Die OECD kritisiert seit Jahren, dass Deutschland im internationalen Vergleich zu wenig Akademiker ausbildet. Während im Durchschnitt der OECD-Industriestaaten mehr als jeder vierte Jugendliche (27 Prozent) eines Altersjahrgangs ein Hochschulstudium abschließt, sind dies in der Bundesrepublik nur 16 Prozent. Eine Ursache ist die seit zehn Jahren kontinuierlich nachlassende Neigung zum Studium in Deutschland. Nur noch 68 Prozent der Abiturienten nehmen hierzulande ein Studium auf. 1990 waren es noch 82 Prozent. In anderen Industrienationen ist das anders. Dazu kommt, dass Deutschland schon erheblich weniger Jugendliche bis zur Hochschulreife ausbildet als beispielsweise Frankreich.

Nun ist in Zahlen absehbar, dass vom Jahr 2008 an die Bevölkerungszahl zurückgeht. Dann werden auch weniger junge Leute ein Studium aufnehmen als heute - wenn sich nichts an den Rahmenbedingungen ändert. Darauf haben sich die Kultusminister bei ihrer jüngsten Plenarsitzung vergangene Woche in Hamburg nun bereits verständigt. Sie erwarten im Jahr 2008 rund 301 000 Studienanfänger, 10 000 mehr als 1999. Danach sinkt diese Zahl demographisch bedingt bis zum Jahr 2015 auf 274 000 Anfänger - hochgerechnet aus der heutigen Situation.

Um mehr junge Leute für ein Studium zu begeistern, muss sich in den Köpfen etwas ändern, meint Hamburgs Wissenschaftssenatorin Krista Sager (Grüne). Sie fordert einen "Paradigmenwechsel" in der öffentlichen Diskussion. Es liege auch an den Signalen aus der Wirtschaft, dass weniger Abiturienten ein Studium aufgenommen haben. Wer nimmt schon eine weitere Ausbildung von vier bis sechs Jahren ohne Einkommen auf sich, wenn hinterher keine attraktiven Arbeitsplätze winken?

Gravierende Reformen werden auch für die Hochschulen angedacht. Mit dem Bachelor sollen künftig mehr junge Leute viel schneller als heute ihr Studium abschließen. Sechs Semester werden dafür veranschlagt. Das soll auch die bisher hohe Studienabbrecherquote senken, die an Universitäten bei 30 Prozent, an Fachhochschulen bei 20 Prozent liegt. Gegen den Trend zum langen Studieren wird in dem KMK-Papier aber auch über Studiengebühren für Langzeitstudenten und bessere Arbeitsbedingungen an den Hochschulennach nachgedacht.

Auch wenn es noch keinen Beschluss über die Konsequenzen gibt: Die neuen Prognosen haben doch schon Wirkung gezeigt. In den Reihen der Kultusminister sind die Forderungen nach Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen und einer schärferen Selektion der Studenten sowie nach allgemeinen Studiengebühren vom ersten Semester an fast verstummt. Doch wie tatsächlich mehr Abiturienten für ein Studium geworben werden sollen, bleibt weiter offen. Da müssen auch die richtigen Signale von der Wirtschaft ausgehen.

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