Gesundheit : Homo Hobbit

Intelligenter Schrumpfkopf: Der Mini-Mensch von der Insel Flores gehörte einer eigenen Art an

Matthias Glaubrecht

Wir waren offenbar nicht allein. Zeitgleich mit dem modernen Menschen Homo sapiens lebten in weit voneinander entfernten Erdregionen wenigstens zwei weitere Menschenarten. Erst vor 30 000 Jahren verschwand in Europa der Neandertaler, und noch vor 18 000 bis 13 000 Jahren lebte auf der indonesischen Insel Flores eine eigenständige Zwergmenschen-Art mit Namen Homo floresiensis. Belege dafür liefert eine neue Studie, die in der Online-Ausgabe des Fachblatts „PNAS“ veröffentlicht wurde.

Mit einer Wuchshöhe von nur einem Meter war der Flores-Gnom so groß wie ein dreijähriges Kind; sein Gehirn hatte ein Volumen von kaum mehr als 400 Kubikzentimetern, nur ein Drittel des heutigen Menschen.

Doch wie Funde von Werkzeugen aus Stein und Feuerspuren belegen, könnte der Floresmensch trotz Zwergenwuchs und Miniaturhirn ein gewiefter Jäger gewesen sein. Zudem dürften die Zwergmenschen Meeresstraßen vermutlich per Floß überwunden haben – eine unerhörte Koordinationsleistung und eines Homo sapiens ebenbürtig. Alle diese Befunde liefern Ansätze für weitere spannende Forschungen, wäre da nicht zuerst die leidige Art-Frage zu klären.

Erst 2003 in den Ablagerungen einer Höhle entdeckt, hat der – nach einem Fantasy-Roman von J.R.R. Tolkien Hobbit genannte Neuzugang im Kreis der Hominiden bereits eine heftige wissenschaftliche Debatte ausgelöst. Dabei pendelt die Beantwortung der Art-Frage durch die teilweise zerstrittenen Lager in kurzen Abständen hin und her.

Nachdem ein australisch-indonesisches Team von Paläoanthropologen im Oktober 2004 im Fachblatt „Nature“ den Floresmenschen anhand eines fast vollständigen Skeletts und Überresten von sechs weiteren Individuen als eigenständige Art bezeichnet hatte, ließ Widerspruch nicht lange auf sich warten. Mehrere Forscher behaupteten, statt von einer neuen Art zeuge das Skelett von einem zwergenhaften Homo sapiens mit einer krankhaften Veränderung, verursacht durch einen vererbten Kleinwuchs des Kopfes (Mikrozephalitis).

Keiner vertrat diese Idee vehementer als der indonesische Anthropologe Teuku Jacob, der in einer Arbeit für das Fachblatt „PNAS“ im September 2006 versuchte, die knöchernen Details des Flores-Menschen auf abnormes Wachstum zurückzuführen. Jacob glaubte, auf einen Pygmäenstamm des Homo sapiens in Indonesien gestoßen zu sein. Ergo wäre das Pampelmusen-Hirn des Homo floresiensis lediglich krankhaft bedingt. Dass mag all jene freuen, die den Hominiden-Zirkel gern übersichtlich halten möchten und sich ungern auf die vielen ungelösten Fragen einlassen, die die Existenz einer eigenen Art auslöst. Noch dazu zu einem Zeitpunkt als in Kleinasien gerade die ersten Ackerbaukulturen und die Anfänge von Zivilisationszentren entstanden.

Das Schicksal des Zwergmenschen von Flores ähnelt dem des Neandertalers, ist aber noch dramatischer.

Zwar wissen wir seit 150 Jahren vom Homo neandertalensis; doch ob es sich tatsächlich um eine andere Menschenart handelt, inwieweit er mit unseren direkten Vorfahren genetisch verwandt war, und ob Homo sapiens ihm vielleicht gar gewalttätig den Garaus machte – all dies ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Dazu muss man wissen: Die Frage, wo die Grenzen einer Art liegen, lässt sich weder allein durch äußere Unterschiede etwa im Körper- oder Knochenbau entscheiden, noch durch aufwendige molekulargenetische Studien über Erbgutunterschiede.

Für entscheidend halten viele Evolutionsbiologen bei der Artendebatte allein das Kriterium der Reproduktion (siehe Kasten). Die Frage also, ob sich die verschiedenen Menschenformen noch fruchtbar miteinander kreuzen konnten. Doch um dies zu entscheiden, müssen viele Indizien bewertet werden.

Einen weiteren Beleg für die Eigen-Art des Floresmenschen hat die Paläo-Neurologin Dean Falk von der Florida State University in Tallahassee in ihrer Arbeit in „PNAS“ geliefert. Dafür nutzte sie mit ihrem Team computertomographische Aufnahmen des Schädels, um das Gehirn zu rekonstruieren. Diesen elektronischen Abguss haben die Forscher mit den 3-D-Rekonstruktionen von neun Gehirnen von an Mikrozephalitis leidenden Menschen und von zehn gesunden Menschen verglichen.

Ihr Befund: Der Zwergmensch von Flores hatte ein erstaunlich weit entwickeltes, keineswegs ein krankhaft geschrumpftes Gehirn. Bei der statistischen Auswertung aller 3-D-Daten gruppierte sich der Flores-Gnom zu den gesunden anstatt den krankhaft kleinen Menschenhirnen. Gleichzeitig fand das Team um Dean Falk aber auch Eigenarten im Aufbau des Gehirns, die eine Abtrennung vom Homo sapiens rechtfertigen. „Das Hirn des Hobbits wurde nicht groß, aber es war offenbar komplex organisiert und dicht verdrahtet“, schreibt Falk. Einmal mehr ist die Forscherin nun überzeugt, dass Homo floresiensis definitiv etwas Neues ist, eine weitere Menschen-Art verkörpert.

Doch nicht nur um die Bewertung solcher Befunde ist Streit entbrannt. Die australischen Entdecker haben ihren indonesischen Kollegen, allen voran Teuku Jacob beschuldigt, unsachgemäß mit den Fossilien umgegangen zu sein und Kollegen zu behindern. Die Folge: In den Sommermonaten der beiden vergangenen Jahre durften keine ausländischen Paläoanthropologen mehr auf Flores graben. Dieses Benehmen ist auch unter Forschern keine Art.

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